Rad-Experte Gammenthaler: «Ich fürchte, Marc Hirschi wird noch auf die Welt kommen»

Luca Betschart

12.1.2021

Steht nach seinem Wechsel vor einer grossen Herausforderung: Marc Hirschi.
Steht nach seinem Wechsel vor einer grossen Herausforderung: Rad-Shooting-Star Marc Hirschi.
Bild: Keystone

Der überraschende Wechsel von Marc Hirschi zum Team Emirates hinterlässt offene Fragen. «blue Sport» sucht im Gespräch mit Radsport-Experte Henri Gammenthaler nach Antworten.

Es ist ein Transferhammer aus dem Nichts: Marc Hirschi kehrt seinem Team Sunweb den Rücken und schliesst sich per sofort dem UAE Team Emirates an. Die Trennung kommt nach einer sportlich herausragenden Saison und trotz eines laufenden Vertrags unerwartet – auch für Radsport-Experte Henri Gammenthaler: «Natürlich, die Überraschung ist gross. Und da wird noch viel verschwiegen.»

Auf eine ausführliche Stellungnahme von Hirschi selbst wartet man bis anhin vergeblich. Manager Fabian Cancellara deutet mit einigen Aussagen aber an, dass sich der Berner in der deutschen Equipe nicht länger wohlfühlte: «Mir ist es wichtig, dass ein Athlet in einem Umfeld arbeiten kann, das gleichermassen herausfordert und ermutigt. Und ich weiss, dass er das im neuen Team vorfinden wird», so der vierfache Zeitfahr-Weltmeister.



«Das sind alles Ausreden – über dem Kopf von Hirschi»

Cancellara nährt so auch Spekulationen, wonach strikte Regeln im Team Sunweb (neu DSM) der primäre Grund für die vorzeitige Trennung sein könnten. Das ist gemäss Gammenthaler allerdings zu bezweifeln. «Das sind alles Ausreden – über dem Kopf von Hirschi. Ich fürchte, er weiss selbst gar nicht mehr, was zu tun ist», sagt der Zürcher im Gespräch mit «blue Sport».

Henri Gammenthaler
Bild: zVg

Henri Gammenthaler analysiert das Radsport-Geschehen für «blue Sport». Der Zürcher war einst selbst Fahrer, später TV- und Radio-Experte und Kommentator der Tour de Suisse.

Viel eher kann sich Gammenthaler vorstellen, dass die Trennung nicht zuletzt auch auf Wunsch des bisherigen Arbeitgebers zustande kam. Es heisse zwar immer, im Team Sunweb könne jeder Fahrer für sich agieren. Aber: «Das stimmt alles nicht. Da ist auch eine Strategie dahinter. Und wenn man sich nicht an diese hält, ist man raus», sagt Gammenthaler und weist darauf hin, dass Hirschi ab und zu eben auch auf eigene Faust gefahren sei.

Abgesehen von Hirschis persönlichen Beweggründen, über die derzeit nur spekuliert werden kann, ist die Sache für Gammenthaler ohnehin kein Selbstläufer. Er sieht allen voran folgende Gefahrenherde:

1
Der angekrazte Ruf des neuen Teams

Sollten Hirschi die Regeln beim alten Arbeitgeber tatsächlich zu streng gewesen sein, «könnte er an der falschen Adresse gelandet sein», sagt Gammehtaler. Im Team Emirates herrschten ähnlich autoritäre Strukturen – «mindestens». «Hirschi muss dort genau das machen, was der sportliche Leiter sagt. Und dann kommt hinzu, dass er mit dem Überflieger der letzten Tour de France im gleichen Team ist», merkt Gammenthaler an. Hirschi wird unter anderem Teamkollege von Tadej Pogacar, dem Gewinner der letztjährigen Tour, sowie Rui Costa, dreifacher Sieger der Tour de Suisse, Diego Ulissi, einem italienischen Etappenjäger, oder dem polnischen Kletterspezialisten Rafal Majka.

Pogacar (und Landsmann Primož Roglič vom Team Jumbo-Visma) dominierten die Konkurrenz bei der letztjährigen Frankreich-Rundfahrt nach Belieben, sodass nicht nur beim Radsport-Experten Zweifel aufkamen. Auch um den Tessiner Teamleiter beim Team Emirates, Mauro Gianetti, gab es während dessen Aktivkarriere Doping-Gerüchte, weshalb sein Team in der Szene nicht den besten Ruf geniesse. «Er ist mit allen Wassern gewaschen», sagt Gammenthaler und glaubt: «Entweder wird Hirschi skrupellos oder er resigniert. Aber ich fürchte, er kommt noch auf die Welt, er weiss nicht, auf was er sich einlässt.»



2
Die neue Rolle im Team

Dazu gehört für Gammenthaler auch, dass Hirschi sich zumindest zu Beginn hinten anstellen muss. «Er wird eine komplett untergeordnete Rolle haben. Hinter Pogacar wird er die Nummer zwei sein», glaubt er und kann sich vorstellen, dass Hirschi zeitweise auch die Rolle des «Wasserträgers» einnehmen müsse. Ob sich Hirschi mit einer solchen Rolle begnügen würde? Gammenthaler warnt: «Wenn der Wasserträger gegen die Regeln fährt, landet er im Strassengraben …» 

3
Hirschis Unerfahrenheit

Zudem kommt der Wechsel in das Top-Team für Gammenthaler zu früh – zu vergleichen mit einem Fussballtalent, das den Sprung ins Ausland vorschnell anpeilt. «Der Profi-Radsport schreckt vor nichts zurück. Da geht es um so viel Kohle», sagt Gammenthaler mit Blick auf die abgeschlossenen Vertragsverhandlungen. Gleichzeitig befürchtet er, dass der talentierte Schweizer das Abenteuer mit falschen Hoffnungen angehe. Denn eines sei klar: «Er hat nie die gleichen Freiheiten wie bisher.»

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