Die Schweizer Handball-Nati erhält an der EM in Oslo Schützenhilfe und schafft es in extremis doch noch in die Hauptrunde. Der Sieg von Slowenien über die Färöer wird von den SRF-Kommentatoren entsprechend gefeiert.
Die Ausgangslage vor dem letzten Gruppenspiel an der Handball-EM ist aus Schweizer Sicht prekär. Um das vorzeitige Aus abzuwenden, muss die Nati nicht nur ihr Spiel gegen Montenegro gewinnen, sondern zugleich auf die Schützenhilfe von Slowenien hoffen und 16 Tore auf die Färöer Inseln aufholen.
Den eigenen Part erledigt das Team von Andy Schmid mit Bravour. Gleich mit 43:26 besiegt die Schweiz Montenegro und setzt die Färöer für ihr Spiel gegen Slowenien gehörig unter Druck. Gewinnt Slowenien, ist die Schweiz durch.
Zu Beginn der zweiten Halbzeit des Abendspiels sieht es allerdings nicht sehr vielversprechend aus. Die Färöer Inseln können kurzzeitig mit zwei Toren in Führung gehen. Danach allerdings drehen die Slowenen die Partie und legen ihrerseits mit vier Treffern vor.
Und doch beginnt in den Schlussminuten das Schweizer Zittern. Denn die Färöer kommen noch einmal auf 27:29 heran und schnuppern an einem Punktgewinn, bevor Slowenien mit einem späten Tor den Deckel endgültig draufmacht – und somit auch bei den SRF-Kommentatoren für ausgelassenen Jubel sorgen.
Die Schweizer Handballer glauben jetzt an das Grosse
Nun wollen die Schweizer auch in der Hauptrunde Geschichte schreiben. Nationaltrainer Andy Schmid: «Ich muss ehrlich sagen, ich bin noch nicht lange Trainer, aber es ist vergleichbar mit der deutschen Meisterschaft, die ich mit den (Rhein-Neckar) Löwen gewonnen habe. Es ist sensationell. Vor zwölf Jahren, als wir mit den Löwen das erste Mal knapp nicht Meister wurden (Kiel hatte eine um zwei Treffer bessere Tordifferenz), habe ich den Handball-Gott verflucht. Nun muss ich alles zurücknehmen – es gibt einen Handball-Gott.»
Wie war das möglich, Montenegro mit 17 Toren Unterschied zu bezwingen? «Ich habe damit gerechnet, dass Montenegro wahrscheinlich nicht mehr alles investieren und nicht mehr um jedes Tor kämpfen wird, wenn wir mal führen. Wir wollten sie dorthin bringen, dass sie irgendwann aufstecken. Aber trotzdem, dass wir es dann so beenden, ist unglaublich. Es wäre vermessen gewesen, mit plus 17 zu rechnen», so der fünffache Bundesliga-MVP.
Gute Strukturen und Mut
Der SHV-Präsident Pascal Jenny trägt das Herz auf der Zunge und ist einer, der gross denkt. Als er vor dem letzten Schweizer Vorrundenspiel gegen Montenegro zur Mannschaft sprach, blickte er bereits auf die nächsten Turniere – die WM 2027 in Deutschland und die EM 2028, die unter anderem in der Schweiz ausgetragen wird. Selbst er glaubte nicht mehr an ein Weiterkommen in die Hauptrunde, obwohl Manuel Zehnder von hinten rief, es sei noch nicht vorbei.
Pascal Jenny nahm nach dem «Wunder von Oslo» das Wort «historisch» in den Mund. Zwar stand die Schweiz 2004 bereits einmal an einer EM in der Hauptrunde der besten zwölf Teams, damals nahmen jedoch nur 16 Mannschaften teil – seit 2020 sind es 24. «Wir haben ein gutes Konstrukt geschaffen», sagt er. «Die Strukturen sind professioneller. Ab dem Sommer gibt es ja auch noch eine Männer-Akademie im OYM in Cham. Und ich glaube, dieser Weg ist alternativlos, denn rundherum wird auch investiert.» Zudem sei es mutig gewesen, Andy Schmid als Ikone mit seiner Einstellung zum Nationaltrainer zu ernennen, das in den letzten zehn Jahren mit Michael Suter Aufgebaute nochmals in eine andere Dimension zu befördern. «Er will ein Welttrainer werden und ist auf dem Weg dazu»,
Auch die Mentalität im Team hat sich für ihn geändert: «Die Spieler und der Coaching-Staff glauben nun an das Grosse.» Deshalb ist Jenny überzeugt, dass die Schweizer auch in der Hauptrunde in Malmö mit den Gegnern Schweden, Kroatien, Island und Ungarn bestehen kann. Er geht gar so weit: «Ein einfacheres Gruppen-Tableau erhältst du wahrscheinlich nie mehr. Nun sind wir in dieser Hauptrunde. Zwar sind alle vier Gegner stark, aber alle können an einem guten Tag bezwungen werden.»
In erster Linie möchte Jenny aber eine Weiterentwicklung sehen: «Dann bin ich unabhängig vom Resultat zufrieden.» Denn er macht keinen Hehl daraus, dass das Ziel an der Heim-EM sei, «wenn möglich um die Medaillen zu spielen». Deshalb solle jedes Spiel bis dorthin genutzt werden, um sich zu verbessern. Schmid hofft derweil, dass «das Wunder von Oslo» dem Team einen Push gibt. Und vielleicht gibt es ja noch das «Wunder von Malmö».