Interview

Spirig auf der Suche nach Lösungen: «Schwimmen kann ich nicht im Homeoffice»

Von René Weder

20.3.2020

Nicola Spirig steht nach 2004 (19. Rang), 2008 (6. Rang), 2012 (Siegerin) und 2016 (2. Rang), vor ihrer fünften Teilnahme an Olympischen Sommerspielen.
Bild: Getty

Das IOC hält an der Durchführung der Olympischen Sommerspiele fest – noch. Das stellt zahlreiche Athletinnen und Athleten vor besondere Herausforderungen. So auch Nicola Spirig.

Die Olympiasiegerin von London 2012 postete am Mittwoch einen Aufruf auf ihrem Facebook-Account:

«Ein Video über meine Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele. Die Bilder sind von den letzten Wochen, als die Schwimmbäder noch geöffnet waren. Nun ist es sehr schwierig, irgendwo schwimmen zu können. Wer kennt ev. jemanden, der es mir erlauben würde, in seinem privaten Pool zu schwimmen? Tipps sind sehr willkommen :-)»

Dazu verlinkt sie ein Youtube-Video (Road to Tokyo 2020), das sie beim Training zeigt und worin sie über die Herausforderungen vor dem Corona-Hintergrund spricht. «Bluewin» hat mit Nicola Spirig über die aktuelle Lage und die Herausforderungen im Trainingsalltag gesprochen.


Nicola Spirig, wir erleben gerade turbulente Zeiten. Wie geht es Ihnen?

Den Umständen entsprechend gut, danke. Aber es ist für mich wie für alle anderen auch eine sehr spezielle Zeit.

Wie sieht Ihr Alltag derzeit aus?

Seit Montag hat sich die Situation noch einmal verändert, weil wir keine Bäder mehr haben, um schwimmen zu können. Vorher war mein Tagesablauf nicht allzu gross tangiert, da ich mit einer internationalen Trainingsgruppe trainieren kann. Aber jetzt sind alle daheim und machen ihre eigenen Trainings. Das ist für mich zwar nicht dramatisch. Ich habe früher ja schon oft alleine trainiert. Vor und nach den Schwangerschaften etwa. Ich habe das nötige Equipment auch zu Hause. Ausser den Pool. Laufen und Radfahren dürfen wir zudem auch noch draussen, da bin ich sehr froh darüber.

Drei Kinder, Olympia im Sommer und jetzt noch die Einschränkungen durch Corona. Wie kriegen Sie das alles unter einen Hut?

Wir müssen sehr flexibel sein. Unsere drei Kinder sind daheim, der siebenjährige Sohn macht ‹Homeschooling›. Das funktioniert mal besser, mal weniger gut. Es sind Herausforderungen, die alle Eltern kennen. Die Ausgangslage ändert ja auch täglich. Wir versuchen, uns zu arrangieren.

Die Grosseltern können bei der Kinderbetreuung nicht mehr helfen …

Nein, das geht jetzt leider nicht mehr. Eltern und Schwiegereltern müssen jetzt daheim bleiben. Wir haben das Glück, dass mein Mann Reto zu Hause arbeiten kann. Zudem haben wir seit letztem Sommer eine Nanny, die uns unterstützt. Ich geniesse manchmal, dass wir nun öfter alle zusammen sind. Aber der Trainingsalltag ist schwieriger geworden, das ist klar.

Triathleten trainieren drei völlig unterschiedliche Disziplinen. Wo liegt Ihr Fokus?

Unsere Taktik ist, dass ich auf dem Rad stark bin. Beim Laufen habe ich derzeit noch leichte Probleme mit der Hüfte. Bis vor Kurzem bin ich viel geschwommen. Ich bin bestrebt, meine Schwimm-Muskulatur auch ohne Training im Wasser halten zu können.

Nicola Spirig: «Sport ist nie das grösste Problem, das wir haben. Aber es ist mein Beruf.»
Bild: Keystone

Via Facebook suchen Sie einen Privatpool, um zumindest einen Teil des Schwimmtrainings absolvieren zu können. Wie ist die Resonanz?

Es haben sich erstaunlich viele Leute gemeldet. Die Solidarität und die Unterstützung sind unglaublich. Mir wurden Privatpools angeboten, mit warmem oder kaltem Wasser, fünf oder zehn Meter lang, mit oder ohne Gegenstromanlage.

Können Sie davon Gebrauch machen?

Das muss ich jetzt evaluieren. Solange es die Regeln des Bundesamtes für Gesundheit zulassen, kann ich mir das durchaus vorstellen. Klar würde ich gerne in einem 25-Meter-Becken schwimmen. Trainings in den Seen sind derzeit kein Thema, es ist noch viel zu kalt für Einheiten von bis zu zwei Stunden.

Ist es denkbar, dass sich kleine Gruppen organisieren für das Training im Wasser?

Die meisten Schwimmer suchen nach Alternativen im Moment. Sie machen Krafttraining, aber alle haben dasselbe Problem: Die Bäder sind geschlossen, bis auf jene in den Sportzentren von Magglingen und Tenero. Dort bekommen die besten Athleten die Möglichkeit, Schwimmtrainings zu absolvieren. Ich dürfte auch mitmachen, aber die Auflagen sind sehr strikt. Man muss zunächst fünf Tage in Quarantäne und darf dann sozusagen nicht mehr raus. Das könnte ich unmöglich mit meinem Familien-Alltag kombinieren. Ich stehe in Kontakt mit grösseren Schwimmklubs wie Uster oder den Limmat Sharks, aber die haben leider keine Lösungen. Natürlich, es sind kleine Probleme in Anbetracht der Gesamtsituation auf dieser Welt.

Wie reagieren Sie denn auf Vorwürfe, wenn Leute sagen, es gebe derzeit Wichtigeres als Sport?

Ich stimme völlig zu. Sport ist nie das grösste Problem, das wir haben. Aber es ist mein Beruf. Ich bin absolut dafür, dass wir uns an alle Regeln halten – die Hände waschen, Distanz nehmen und wenn immer möglich zu Hause bleiben. Aber solange man seinen Beruf ausüben kann, darf oder vielleicht auch muss, soll man dies auch tun. Ich trainiere immer noch für die Olympischen Spiele und bis die abgesagt werden, falls überhaupt, muss ich weiter trainieren. Schwimmen kann ich nicht im Homeoffice. Ich muss unter Berücksichtigung aller Vorgaben nach Lösungen suchen.

Hand auf's Herz: Sollen die Olympischen Sommerspiele in Tokio stattfinden?

Ich bin nicht die Expertin. Ich darf keine Haltung dazu haben. Als Athletin muss ich mich darauf einstellen, dass die Spiele stattfinden, solange nichts anderes entschieden wurde. Man kann jetzt nicht einfach 50 Prozent trainieren und einen Monat vorher wieder hochschrauben. Wenn die Spiele abgesagt werden, dann muss ich mich mit dieser neuen Tatsache auseinandersetzen.

Gibt es einen ‹Point of no Return›?

Der wäre eigentlich schon jetzt. Denn es ist bereits nicht mehr wirklich fair. Gewisse Athletinnen können sich auf normalem Weg gar nicht mehr qualifizieren. Andere dürfen wiederum anders trainieren als ich derzeit. Wieder andere dürfen gar nicht mehr raus zum Radfahren. Je früher wir wissen, was Sache ist, desto besser. Aber ich will keine Energie verlieren mit Dingen, die ich nicht beeinflussen kann.

Wenn sich die Lage nicht wirklich zum Positiven wendet, die Spiele aber dennoch durchgeboxt werden, gehen Sie hin?

Auch hier: Das müssen die Experten entscheiden. Wir brauchen klare Ansagen. Alles, was wir tun können, ist, unseren Sport und unseren Beruf auszuüben. Man muss sehen: Olympische Spiele sind für uns der absolute Höhepunkt innerhalb eines Vierjahreszyklus. Für manche Athleten kommt diese Chance vielleicht sogar nur einmal im Leben. Die Gesundheit aller geht vor, das ist klar. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Organisatoren diese aufs Spiel setzen.

Wie läuft die Kommunikation zwischen Sportlern, Swiss Olympic und IOC?

Es gibt offizielle Statements der internationalen Verbände. Aber wir wissen letztlich so viel wie alle anderen auch: Im Moment wird daran festgehalten, die Spiele durchzuführen.

Was tun Sie, wenn die Spiele um ein Jahr verschoben werden?

Das ist völlig offen. Im Moment halte ich am 28. Juli fest, dann wäre mein Rennen. Werden die Spiele abgesagt oder verschoben, werde ich die neue Ausgangslage analysieren. Dann setze ich mich mit Reto zusammen und wir entscheiden, was wir tun.

Egal ob 2020 oder 2021: Mit welchem Ziel würden Sie ihre fünften Olympischen Spiele bestreiten?

Das Ziel ist, 100-prozentig fit teilzunehmen und mit den Besten mitzuhalten.


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