Rekordhalter Nicolas Hojac «Wie für andere eine Treppe hochlaufen – das kann ich an der Eiger-Nordwand»

Syl Battistuzzi

4.5.2026

Nicolas Hojac: «In der Eiger-Nordwand befinde ich mich in meiner Komfortzone»

Nicolas Hojac: «In der Eiger-Nordwand befinde ich mich in meiner Komfortzone»

Nicolas Hojac über Risikomanagement und die psychologischen Grenzen des Extrembergsteigens. Der Tod seines Mentors Ueli Steck führte ihn zu einer bewussteren Kalkulation von Gefahren.

30.04.2026

Nicolas Hojac hat mit einem spektakulären Rekord an Eiger, Mönch und Jungfrau Geschichte geschrieben. Im Interview spricht er über Risiko, Routine – und die prägenden Lehren von Ueli Steck.

Syl Battistuzzi

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Am kommenden Sonntag, 10. Mai 2026, geht bereits zum 13. Mal in Zug der Wings for Life World Run über die Bühne.
  • Mit dabei ist auch Bergsteiger Nicolas Hojac. Im Interview mit blue Sport erklärt er, was das Rezept hinter dem Rekord der Besteigung der Nordwände von Eiger, Mönch und Jungfrau war.
  • Hojac erzählt zudem, welche Lektion ihm von seinem verstorbenen Freund und Mentor Ueli Steck besonders in Erinnerung geblieben ist. 

Am 10. Mai 2026 findet bereits zum 13. Mal der Wings for Life World Run statt. Bei der grössten Laufveranstaltung der Welt starten alle Teilnehmenden überall zur selben Zeit. Wer sich mit Sportgrössen wie Marco Odermatt oder Simon Ehammer messen will, kann das auch virtuell via App Run tun.

Wings for Life World Run
Der Flagship Run in Zug ist bereits ausverkauft. In der Schweiz und in Liechtenstein finden zahlreiche organisierte App Run Events statt.
(L-R) Simon Ehammer, Marco Odermatt, Heinz Frei, Daniela Ryf and Franjo von Allman seen during the Wings for Life World Run in Zug, Switzerland on May 04, 2025. // Dean Treml for Wings for Life World Run // SI202505042737 // Usage for editorial use only //

Der Flagship Run in Zug ist bereits ausverkauft. In der Schweiz und in Liechtenstein finden zahlreiche organisierte App Run Events statt.

Im 2025 waren weltweit insgesamt 310’724 Personen aus 191 Nationen in 170 Ländern registriert, was einen neuen Rekord darstellte. Dabei konnten 8,6 Millionen Euro für die Forschung von Rückenmarksverletzungen gesammelt werden. Schweizweit wurden über 11'000 Teilnehmende gezählt.

Sämtliche Startgelder und Spenden fliessen zu 100 Prozent in die Rückenmarkforschung und helfen dabei, Querschnittslähmung zu heilen.

In Zug am Start ist auch Bergsteiger Nicolas Hojac, der schon mehrmals teilnahm und grosse Vorfreude verspürt: «Das Schöne daran ist, es ist ein Charity-Lauf. Jeder kann mitmachen. Man muss nicht unbedingt ein Läufer sein, es macht trotzdem Spass. Jeder kann das Beste aus sich herausholen.»

Obschon Hojac auch beim Rennen eine gute Figur macht, gehört seine Leidenschaft dem Klettern. Aber der Weg zum Bergsteiger-Profi, der von seinem Beruf leben kann, war «hart und lang», wie der 33-Jährige im Interview mit blue Sport gesteht: «Beim Bergsteigen gibt es keine staatliche Unterstützung. Von Swiss Olympic oder der Sporthilfe sind wir ausgeschlossen. Insofern ist der Sprung zum Profi extrem schwierig.»

Ueli Steck als Mentor

Man müsse alles selbst auf die Beine stellen, sei es das Training oder die Arbeit mit Sponsoren oder Medien. Das Wichtigste sei ein gewisses Niveau, damit es die Leute interessiere und Glaubwürdigkeit vorhanden sei, so Hojac, der in Spiez lebt. «Ich selbst habe nie gedacht, dass ich es mal schaffen werde», räumt er ein. «Für mich waren Bergsteigen und Klettern immer ein grosses Hobby. Ich habe erst als 14-Jähriger angefangen, vorher habe ich zehn Jahre lang Eishockey gespielt. Ich bin dann langsam in das Ganze reingekommen und war sehr motiviert und viel unterwegs.»

Profitieren konnte das Klettertalent auch davon, von älteren und erfahrenen Leuten zu lernen. «Ich war mit Ueli Steck unterwegs und bekam von ihm viel auf den Weg. Zum Beispiel hat er optimiert, wie man effizient durch die Wand kommt. Das war entscheidend, dass ich in kurzer Zeit rasante Fortschritte machen konnte», blickt Hojac zurück, der ursprünglich Maschinenbau studierte, weil er nicht wirklich daran glaubte, von seinem Sport leben zu können.

 Extrembergsteiger Ueli Steck (†) als Mentor für Nicoals Hojac.
 Extrembergsteiger Ueli Steck (†) als Mentor für Nicoals Hojac.
KEYSTONE

«2017, als Ueli umgekommen ist, war für mich schon ein Schlüsseljahr. Es war auch das erste Jahr, in dem ich Geld mit dem Bergsteigen verdienen konnte. Da habe ich mich dann schon gefragt: Wenn es dem weltbesten Bergsteiger passiert, auf einer Akklimatisierungstour ums Leben zu kommen, kann es mich eigentlich jederzeit auch erwischen», gesteht Hojac.

Am Ende sei es ein «Bauchgefühl-Entscheid» gewesen, der ihn zum Weitermachen veranlasst habe. «Ich fand, dass ich in meinem Leben das machen muss, was mich bereichert.» Aber es sei ihm wichtig, dass er ein sauberes Risikomanagement habe und nach Regeln vorgehe, um gefährliche Dinge zu vermeiden.

Fabel-Rekord an Eiger, Mönch und Jungfrau

Ausgerechnet seinem früheren Freund und Mentor Ueli Steck knöpfte er vor einem Jahr einen erstaunlichen Rekord ab. Zusammen mit Kletterpartner Philipp Brugger gelang es Hojac, alle drei Nordwände von Eiger, Mönch und Jungfrau in nur 15 Stunden und 30 Minuten zu erklimmen und den bisherigen Rekord von knapp 25 Stunden zu brechen. 

Nicolas Hojac mit Philipp Brugger vor der Eiger-Nordwand.
Nicolas Hojac mit Philipp Brugger vor der Eiger-Nordwand.
Red Bull

Hojac betont, man habe die damalige Marke «nicht pulverisiert». «Die Ersten haben es immer am schwierigsten. Wir hatten Anhaltspunkte, wie lange man hat und welche Fehler sie machten.» Beispielsweise hätten Steck und Stephan Siegrist die Tour erst im Juni gemacht, da habe es weniger Schnee und Eis. Ausserdem verfüge die aktuelle Generation über mehr Wissen bei der Verpflegung oder habe besseres Material.

«Sie haben zusätzlich den Fehler gemacht, dass sie die letzte Wand nicht besichtigt haben und verloren dadurch dort nochmals Zeit, weil sie sich noch ein wenig verstiegen haben», erläutert Hojac und ergänzt: «Wir haben uns sehr gut auf das Projekt vorbereitet, schlussendlich hat es auch vier Jahre gedauert.»

So scheiterte der erste Versuch etwa, weil Brugger gesundheitlich nicht in Bestform war. Danach waren die äusseren Bedingungen nicht ideal. «Aus all diesen Jahren hatten wir immer wieder viele Learnings, bei denen wir eine Sache optimieren konnten. Und das sind schlussendlich überall kleine Stellschrauben, die am Schluss etwas Grosses ausmachen», resümiert er.

Natürlich sei auch bei dieser Tour das Risiko nicht bei null gewesen. «Wenn man als Speed-Kletterer in den Bergen ist, ist man auch teilweise so unterwegs, dass es bei einem Sturz möglicherweise zu einer Verletzung kommt. Sonst wäre es nicht möglich, so schnell vorwärtszukommen», macht der Berner klar. 

Aber wenn er mit seinem Kletterpartner durch die Eiger-Nordwand steige, dann befänden sie sich in einer «Komfortzone». «Wir verlassen die von den technischen Schwierigkeiten her eigentlich nicht», beschreibt Hojac und nimmt ein Alltagsbeispiel als Vergleich: «Wie für eine normale Person in der Migros eine Treppe hochzulaufen – das kann ich dort in diesem Gelände. Dort fühle ich mich wohl und habe ich wirklich die Skills.»

«Die Eiger-Nordwand per se ist nicht sehr gefährlich»

Dennoch habe er vor der Eiger-Nordwand – der höchsten Nordwand der Alpen – grosse Demut. Schliesslich wisse er haargenau, wo sich welche Tragödien abgespielt haben.

«Nach der Rückkehr hatte ich am Anfang noch nicht wirklich ein Glücksgefühl. Man benötigt meistens ein bis zwei Wochen, bis man es wirklich realisiert», beschreibt er seine Gefühlslage nach dem historischen Meilenstein. Beim Klettern in den Bergen habe man zu wenig Zeit, um es zu verarbeiten. Selbst als er wieder unten im Jungfraujoch gewesen sei, habe er noch keine tiefe, innere Zufriedenheit und Freude gespürt.

Nicolas Hojac in Aktion.
Nicolas Hojac in Aktion.
Red Bull

Ein spruchreifes Projekt hat Hojac derzeit nicht. Es müsse auch nicht gleich was völlig Wildes sein, nur um Schlag auf Schlag etwas für die Öffentlichkeit zu machen. «Das ist das, was gefährlich wird, wenn man das Gefühl hat, man muss noch schneller, noch weiter, noch höher, noch krasser. Wenn man diese Entwicklung immer machen will, dann wird es in unserem Sport gefährlich.»

Dennoch ist der Profi-Bergsteiger, der unter anderem von Red Bull gesponsert wird, der Ansicht, dass die Gefahren von neutralen Beobachtern überschätzt werden. «Wenn du etwas Schwieriges machst, musst du mehr absichern. Dadurch ist es eigentlich sicherer. Das ist etwas, was die Laien nicht verstehen», sagt Hojac und ergänzt: «Die Eiger-Nordwand per se ist nicht sehr gefährlich.» Mehr Gefahren würden hingegen im einfachen Gelände lauern, wo man nicht gut absichern könne. Natürlich sei sein Beruf gefährlicher als ein Bürojob. «Und die Vorfälle, die es gibt, das ist die Schattenseite meines Jobs», sagt Hojac.

«Ueli zeigte mir, dass man zu so viel mehr fähig ist, als man denkt»

Die Risikobereitschaft hänge auch von der Persönlichkeit ab. Darum könne man nicht schubladisieren, dass alle gleich sind. «Es gibt Leute in der Szene … Wenn ich sehe, wie sie jahrelang unterwegs sind ... dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis etwas passiert», gibt er zu bedenken. «Ueli war sicher einer, der die Karte ‹Risiko› bewusst gespielt hat, mit seinen Speed-Solo-Begehungen», meint Hojac. «Aber am Schluss hatte er schon einen Arbeitsvertrag unterschrieben und wollte seine Karriere langsam runterfahren. Er kam schliesslich auf einer einfachen Akklimatisationstour ums Leben. Das ist dann schon hart, wenn einer zuerst viel Risiko eingegangen ist und nichts war, aber beim Einfachen passierte es», findet der 33-Jährige fatalistisch.

Obwohl man seinen Job als Profi-Bergsteiger «recht lang» ausüben kann, verfolge er nicht das Ziel, das bis 60 zu machen. «Es ist eine Frage des Risikos, das sich aufsummiert, solange man in diesem Business ist», meint Hojac und ergänzt: «Für mich ist es so realistisch, dass es zwischen 40 und 50 ist, wo ich sicher runterfahre.» Für ihn werde die Welt nicht untergehen, wenn er nochmals etwas anderes arbeiten müsse.

«Das grösste Learning war 2015, als ich mit Ueli zusammen den Seilschaft-Speedrekord in der Eiger-Nordwand (3 Stunden und 46 Minuten) aufgestellt habe», hält Hojac fest. «Am Einstieg sagte Ueli, er habe abends um 6 Uhr noch in Bern eine Sitzung und man dürfe nicht zu langsam sein. Ich sagte ihm, dass ich beim letzten Mal noch einen ganzen Tag für die Nordwand hatte und es womöglich länger dauern wird», erinnert er sich lachend. 

«Dass wir dann so schnell auf dem Gipfel waren, hätte ich nie gedacht. An diesem Tag zeigte mir Ueli, dass man zu so viel mehr fähig ist, als man denkt. Das nahm ich mir auf meinem Weg zu Herzen», betont Hojac und ergänzt: «Man soll versuchen, etwas anzugehen, das am Anfang zu gross oder zu schwierig ist. Am Ende bist du zu viel mehr fähig, als du ursprünglich gedacht hättest. Das haben wir beim Projekt mit Eiger, Mönch und Jungfrau selbst erlebt: Dort haben wir ausgerechnet, dass eine Zeit zwischen 21 und 23 Stunden super wäre. Dass es schliesslich in 15,5 Stunden möglich ist, hätten wir nie gedacht.»


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22.04.2026