Wie sie's machen, machen sie's falsch

Von Philipp Dahm

27.7.2021

Vorschriften wie anno dazumal? Das «Badhaus für Frauenzimmer» in Zürich Anfang des 20. Jahrhunderts.
ETH Archiv

Beim Beach-Volleyball in Katar konnten die Kleider der Frauen nicht lang genug sein, dann werden Norwegerinnen in Tokio wegen ihrer Höschen bestraft. Sängerin Pink will die Busse nun zahlen. 

Von Philipp Dahm

27.7.2021

«Wie man's macht, macht man's falsch» – «Gebrauchsphilosoph und Abreiss-Kalender-Verleger» Klaus Klages hat diesen Spruch geprägt. Doch mit Blick auf das, was Sportlerinnen im Zusammenhang mit ihrer Kleidung in diesem Jahr erleben, wäre besser: Wie sie's macht, macht sie's falsch.

Die Posse beginnt bereits im Februar – vor einem für März geplanten internationalen Beachvolleyball-Turnier in Katar. Der Weltverband lässt dort erstmals einen solchen Wettbewerb für Frauen durchführen, doch noch vor dem Auftakt stösst der Gastgeber die Teilnehmerinnen vor den Kopf.

Katar: Knielange Kleidung fällt durch

Was ist passiert? Der Spiegel berichtet unter Berufung auf den Weltverband FIVB und der Spielerorganisation IBVPA, dass die Beach-Volleyballerinnen bei der Kleidung «spezielle Anforderungen» erfüllen müssten: «Die Kleidung muss bei Frauen über die Schultern und bis zu den Knien gehen.»

Die Traditionen des Austragungsortes müssten respektiert werden, so der Weltverband: «Die Kleidervorschriften wurden von den betreffenden katarischen Behörden angefordert», lautet die Begründung. Die Reaktion: ein Aufschrei. Die beiden besten deutschen Beach-Volleyballerinnen sagen ihre Teilnahme gleich ganz ab: Karla Borger und Julia Sude «wollen das nicht mittragen».

ARCHIV - 29.06.2019, Hamburg: Beach-Volleyball: Weltmeisterschaft, im Rothenbaum Stadion: Vorrunde Frauen, Borger/Sude (Deutschland) - Xue/Wang (China). Karla Borger (r) und Julia Sude in Aktion auf dem Center Court. (Illustration zu dpa:
Keine Lust aufs Schwitzen in knielanger Kleidung: Karla Borger (rechts) und Julia Sude.
KEYSTONE

«Es geht gar nicht um wenig anhaben oder nicht. Es geht darum, dass wir in unserer Arbeitskleidung nicht unsere Arbeit machen können», erklärt Sude den Schritt. «Wir passen uns in jedem Land an, wo wir können», versichert Borger. «Wir sind dazu auch bereit. Aber du bist da in der Hitze nur am Triefen.»

Kurz darauf rudert Katar dann doch noch zurück – wohl aufgrund der internationalen Reaktionen. «Wir möchten klarstellen, dass wir keine Forderungen stellen, was die Athleten bei der Veranstaltung tragen sollen», betont plötzlich der katarische Volleyballverband QVA auf Anfrage der Nachrichtenagentur «AFP». 

Basel: «Macht, was ihr wollt»

Im April sorgen deutsche Sportlerinnen in Basel für Aufsehen – und zwar nur dadurch, dass sie bei der Turn-EM im Ganzkörper-Anzug statt im Badeanzug-ähnlichen Dress antreten. Das Ganze sei aber kein «Protest gegen Sexismus» gewesen, wird Sarah Voss später festhalten.

Die 21-Jährige sagt der Welt am Sonntag: «Ich finde, dass man dieses Wort damit nicht unbedingt verbinden sollte. Unser Anliegen war ganz einfach, dass jeder frei entscheiden sollte. Wir wollten jungen Mädchen zeigen, dass es auch so geht. Allen Mut machen.»

Wenn etwas Stoff die Welt auf den Kopf stellt: Die Deutsche Sarah Voss startet am 21. April 2021 in der Basler St. Jakobshalle im Ganzkörper-Anzug.
Keystone

Sexismus sei ein grosses Wort, habe eine enorme Bedeutung und könne nicht einfach so auf eine Sportart übertragen werden, die viel mit Ästhetik und Bewegung arbeite. «Es ist leider aber auch immer klar, dass manch einer mehr in eine Frau hineininterpretiert, das kann man nicht beeinflussen. Aber man kann beeinflussen, wie man sich selbst fühlt. Und das wollten wir mit diesem Anzug verbinden.»

Mit ihrer Aktion wolle Voss wie ihre Kolleginnen auf die freie Kleiderwahl verweisen und Mut für selbstbestimmte Entscheidungen machen. «Klar, wir möchten sagen: Macht, was ihr wollt. Der Athlet sollte entscheiden dürfen und können, was für ihn das Beste ist, und für sich selbst einstehen.»

Tokio: Pink zahlt die Zeche

Bei den Olympischen Spielen in Tokio kocht das Thema wieder hoch, als die Norwegerinnen zu wenig Haut zeigen – und deswegen gebüsst werden. Die Beach-Handballerinnen haben es gewagt, statt des Bikini-Höschens Shorts anzuziehen und müssen nun eine Strafe von 1500 Euro zahlen.

Nun steht fest: Müssen sie nicht. Zumindest, wenn sie nicht wollen: Sängerin Pink hat Wind von der Sache bekommen und am Sonntag angeboten, die Busse zu übernehmen. Sie sei «sehr stolz» auf die  Norwegerinnen, schrieb die dreifache Grammy-Gewinnerin: Eigentlich müsste der Handball-Verband «wegen Sexismus» bestraft werden und nicht die Sportlerinnen.

Tokio: Deutsche Turnerinnen legen nach

Nach ihrer Aktion in Basel sind die deutschen Turnerinnen auch bei den Olympischen Spielen wieder in Ganzkörper-Anzügen angetreten – als einzige der insgesamt 98 Teilnehmerinnen. «Wir wollen uns toll fühlen, wir wollen allen zeigen, dass wir toll aussehen», sagt Sarah Voss der «dpa». 

«Es geht darum, sich wohl zu fühlen. Wir wollen zeigen, dass jede Frau, jeder selbst entscheiden soll, was er anzieht», ergänzt ihre deutsche Teamkollegin Elisabeth Seitz. Und auch wenn sich die Mannschaft aus dem Nachbarland nicht explizit als Speerspitze gegen Sexualisierung im Sport verstanden wissen will, hat sie eine Diskussion ins Rollen gebracht.

epa09365010 Sarah Voss of Germany competes on the Balance Beam during the Women's Qualification of the Tokyo 2020 Olympic Games Artistic Gymnastics events at the Ariake Gymnastics Centre in Tokyo, Japan, 25 July 2021.  EPA/HOW HWEE YOUNG
Einige Sportlerinnen fühlen sich angesichts solcher Figuren mit mehr Kleidung wohler: Sarah Voss am Sonntag bei den Olympischen Spielen in Tokio erneut im Ganzkörper-Anzug.
EPA

Das US-Magazin «People» in den USA staunt: «Deutschlands Turnerinnen haben sich gegen die Sexualisierung des Sports ausgesprochen, indem sie bei den Olympischen Spielen in Tokio Einteiler trugen statt der traditionellen Bikini-Trikots». Auch die viermalige US-Olympiasiegerin Simone Biles findet diese Einstellung richtig. «Ich stehe zu ihrer Entscheidung, alles zu tragen, worin sie sich wohlfühlen», sagt sie.

«Wir haben erst mal den Anstoss gegeben», glaubt Sarah Voss. «Wir freuen uns, wenn andere die Innovation aufgreifen und wir einen Trend gesetzt haben.»