Kiew trotzt dem Raketen-Terror

Mit Voodoo gegen Wladimir Putin

AP/uri

29.11.2022 - 19:48

Selenskyj stimmt Ukrainer auf kalte und dunkle Tage ein

Selenskyj stimmt Ukrainer auf kalte und dunkle Tage ein

STORY: Die Wohnung in der ukrainischen Stadt Cherson, in der Oleksandr Antonenko mit seiner 82-jährigen Mutter lebt, ist nach einem russischen Raketenangriff vor wenigen Tagen schwer beschädigt. Fenster wurden herausgesprengt und eine Wand zerstört. Trotz der schwierigen Bedingungen wollen Oleksandr und seine Mutter hier bleiben. Immerhin: Nachdem sie monatelang ohne Strom und Gas waren, sind sie jetzt wieder an die Energieversorgung angeschlossen: «Wir haben Gas, wir haben Strom. Ich wünschte, wir hätten auch Wasser, dann könnten wir das Bad benutzen.» Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj stimmt seine Bevölkerung angesichts des anhaltenden russischen Beschusses der kritischen Infrastruktur auf dunkle und kalte Tage ein. Er erwarte in den kommenden Tagen weiteren Raketenbeschuss, sagte Selenskyj in seiner nächtlichen Videobotschaft. «Wir sehen, dass die Terroristen neue Angriffe planen, das wissen wir als Fakt», so Selenskyj wörtlich. Nach den Angriffen der vergangenen Tage sind viele Menschen im ganzen Land ohne Heizung, Wasser und Strom. Die Menschen im ukrainisch kontrollierten Donbass-Gebiet bereiten sich auf einen harten Winter vor. Trotz der instabilen Energieversorgung wollen sie bleiben. So wie dieser Mann: «Ich bereite Holz vor und beschneide unsere Ahornbäume, solange sie noch wachsen. Der Winter wird hart sein. Das Dach ist undicht, wir haben nicht genug Holz. Nur so können wir überleben.» In Kiew fiel am Sonntag Schnee, die Temperaturen lagen um den Gefrierpunkt. Millionen Menschen in der Hauptstadtregion waren von der Energieversorgung abgeschnitten. Die Behörden erklärten, die Reparaturen der Anlagen liefen auf Hochtouren, angesichts des hohen Verbrauchs seien aber weitere Blackouts nicht auszuschliessen.

29.11.2022

Mit massiven Raketenangriffen will Russland die Moral der ukrainischen Hauptstädter zerschiessen – und erreicht damit womöglich das Gegenteil. 

AP/uri

29.11.2022 - 19:48

Schon neun Monate Krieg – und nun machen russische Raketen auch den Winter zu einer Waffe gegen die Ukraine. Aber kriegen sie damit die Menschen klein? Kiews Einwohner geben die Antwort.

Die Aufführung ist zu Ende. Die Schauspieler verbeugen sich. Dann lassen sie ihrem Patriotismus freien Lauf. «Ruhm der Ukraine!», rufen sie aus. «Ruhm den Helden!», schallt es aus dem Publikum zurück, und niemanden hält es mehr auf den Stühlen. Erst recht nicht, als die Zugabe kommt. Mehr Ausrufe von den Schauspielern, diesmal nicht jugendfrei, Flüche gegen alles, was russisch ist. Mehr Jubel aus dem Zuschauerraum, mehr Applaus. 

Dann trottet jeder aus dem dunklen, unbeheizten Theater ins Freie, eingemummelt in warme Kleidung zum Schutz gegen die Kälte. Sie kehren in die harten Realitäten von Kiew zurück – einer Stadt, in der es sich einst angenehm leben liess und die nun in einen schweren Winter eintritt, zunehmend ihrer Elektrizität und manchmal auch ihrer Wasserversorgung beraubt – wegen der russischen Angriffe.

Aber Hoffnung, Widerstand und Trotz? Das alles hat die ukrainische Hauptstadt im Überfluss. Und vielleicht jetzt sogar noch mehr als zu jedem anderen Zeitpunkt in den neun Monaten, seit die russische Invasion begann. 

Menschen inspizieren die Beschädigungen an Gebäuden nach russischem Beschuss in einem Aussenbezirk von Kiew. 
Menschen inspizieren die Beschädigungen an Gebäuden nach russischem Beschuss in einem Aussenbezirk von Kiew. 
Bild: Keystone

Wenn Butch, ihre Französische Bulldogge, Gassi gehen muss und der Lift wegen Stromausfalls stillsteht, nimmt Lesja Sasonenko in ihrem Hochhaus in Kiew mit dem Hund die Treppe. 17 Stockwerke sind es, rauf und runter. Das alles für ein wesentliches Ziel – den Sieg, den Triumph über die Angreifer, sagt sich die Managerin einer Geburtsklinik jedes Mal selbst, wenn sie die Stufen bewältigt.

«Wir werden siegen»

Sie hat einen Beutel mit Kerzen, Keksen, Wasser und Taschenlampen im Fahrstuhl deponiert, für den Fall, dass jemand während der Blackouts stecken bleibt und dort ausharren muss, bis der Strom wieder da ist. «Ihr werdet uns nicht kleinkriegen», sagt sie, und es ist klar, an wen sich das richtet. «Wir werden siegen.»

Wut und Trotz sind in Kiew allgegenwärtig. Das Publikum und die Schauspieler im Theater in Podil machten es bei ihrer Aufführung eines Stückes, das in der Sowjetära spielt, glasklar. Jedes Mal, wenn das Wort Moskau im Skript auftauchte, spuckten sie es sozusagen aus und fügten ein Schimpfwort auf Ukrainisch hinzu. Die Zuschauer spendeten begeistert Beifall.

In der Pizzeria Simona im Herzen von Kiew können Kunden nicht nur essen, sondern auch Nadeln in eine Strohpuppe nahe einem gerahmten Foto des russischen Präsidenten Wladimir Putin stechen – und ihn damit sozusagen verfluchen. Die Puppe gleicht einem Igel – Nadeln praktisch von Kopf bis Fuss.

Mit Nadeln kann man eine Putin-Vodoo-Putte in der Pizzeria «Simona» traktieren.
Mit Nadeln kann man eine Putin-Vodoo-Putte in der Pizzeria «Simona» traktieren.
Bild: Keystone

Rotierende Stromabschaltungen zum Energiesparen sind inzwischen die Norm. Und als die Wasserversorgung in der vergangenen Woche ebenfalls durch russische Raketen und explodierende Drohnen teilweise lahmgelegt wurde, standen Einwohner in der Kälte vor öffentlichen Wasserhähnen Schlange, um mitgebrachte Behälter zu füllen.

«Wut verwandelte sich in Gaben»

Russland sagt, dass seine wiederholten Angriffe auf die Energie-Infrastruktur darauf abzielten, die ukrainische Verteidigungsfähigkeit zu verringern. Aber die Härten, die sie für Zivilisten bringen, legen nahe, dass es auch darum geht, die Einwohner in Kiew und anderen Städten zu quälen, so zu zermürben, dass sie aufgeben.

Aber da hat sich Russland wohl gründlich verrechnet, wie etwa die 21-jährige Margina Darja zeigt. Bei ihr bewirkte es das Gegenteil. Sie und ihr Freund überstanden das bisher stärkste russische Bombardement – am 15. November – in einem Hauskorridor, dachten sich, dass es sie besser schützen werde, Wände an beiden Seiten zu haben. Die mehr als 100 Raketen und Drohnen, die Russland an jenem Tag auf die Ukraine losliess, kappten die Stromversorgung für zehn Millionen Menschen im Land, die Lichter im Gang gingen aus und die Mobilfunkverbindungen brachen ab. 

«Es gab nicht einmal die Möglichkeit, unseren Familien zu sagen, dass wir okay waren», schildert Darja. Aber eine ihrer ersten Reaktionen nach der Entwarnung war es, Geld für den Sieg zu stiften. «Wut verwandelte sich in Gaben, um den Feind so schnell wie möglich zu schlagen. Ich habe vor, in Kiew zu bleiben, zu studieren und an die bewaffneten Streitkräfte zu spenden.»

Waffenlieferungen als Lichtblick

Und man ist dankbar für jeden Lichtblick, auch im wahrsten Sinne des Wortes. Es liegt sogar etwas wie Hoffnung in der Luft. Westliche Waffenlieferungen haben der Ukraine geholfen, sich gegen den Ansturm zu stemmen, im Zuge von Gegenoffensiven konnten im Herbst Teile russisch besetzten Territoriums zurückerobert werden. Weniger russische Raketen scheinen Ziele in Kiew und anderswo zu erreichen, mithilfe von Luftabwehrsystemen aus dem Westen können mehr von ihnen abgeschossen werden. «Es ist viel besser als vorher. Definitiv», sagt der Bürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko.

In der Geburtsklinik der Stadt setzten bei Maryna Mandrygol just die Wehen ein, als ukrainische Soldaten dicht vor ihrem bislang grössten Erfolg auf dem Schlachtfeld standen – der Befreiung der südlichen Stadt Cherson. Mandrygol kommt von dort, war im April vor der russischen Besatzung geflohen. Die ganze Zeit danach sorgte sie sich, ob der Stress der Flucht – durch sechs russische Kontrollpunkte und verminte Felder – ihrem noch ungeborenen Baby geschadet haben könnte. Am 9. November kam Mia zur Welt, gesund und einfach bezaubernd.

Blackout bei Herz-OP in Kiew

Blackout bei Herz-OP in Kiew

Ukrainische Ärzte mussten unter anderem mit eigenen Lampen bei dem Stromausfall, der vermutlich durch russische Raketenangriffe auf kritische Infrastruktur ausgelöst wurde, überbrücken.

25.11.2022

Als Mandrygol mit ihrem kleinen Bündel im Arm aus dem Entbindungsraum kam, erfuhr sie, dass die russischen Soldaten dabei waren, sich aus ihrer Heimatstadt zurückzuziehen. Zwei Tage später wurde im nunmehr befreiten Cherson und in Kiew gefeiert.

Dass sich Mias Ankunft und die Rückeroberung zeitlich so dicht aufeinander abspielten, schien irgendwie schicksalhaft zu sein – beide Ereignisse greifbare Neuanfänge, Hoffnungsschimmer für die ukrainische Zukunft. «Die Geburt eines Mädchens», sagt Mandrygol, «bringt uns Frieden und Sieg.»

AP/uri