«Das Gefühl war so stark, wie 21 Grand Slams zu gewinnen»

Von Martin Abgottspon

13.9.2021

Novak Djokovic war vom Publikum in New York schlicht und einfach überwältigt.
Novak Djokovic war vom Publikum in New York schlicht und einfach überwältigt.
Bild: Keystone

Novak Djokovic kann seine Tränen beim US-Open-Final, schon bevor die Partie zu Ende ist, nicht zurückhalten. Paradoxerweise waren es Tränen der Freude, trotz seiner Niederlage.

Von Martin Abgottspon

13.9.2021

Schon seit Jahren ringt Novak Djokovic um die Liebe und Anerkennung der Tennisfans. Nicht, weil er keine treue Anhängerschaft hat, doch bei den grossen Matches schlug sich das durchmischte Publikum oft auf die Seite des Gegners – vor allem, wenn dieser Roger Federer oder Rafael Nadal hiess.



Der Serbe versuchte es wirklich mit allem. Er zeichnete Herzen in den Sand von Paris, verteilte Luftküsse ans Publikum und brachte in den Interviews die Zuschauer zum Lachen. Trotzdem galt die Liebe des Publikums gerade in den wichtigen Momenten oft nicht ihm. Damit hatte Djokovic immer wieder Mühe.

Es knistert im ganzen Stadion

Am Sonntagabend in New York war dies spürbar anders. Djokovic stand bereits mit dem Rücken zur Wand. Medvedev servierte beim Stand von 5:2 zum Turniersieg, als sich in den Rängen plötzlich ungewohnte Szenen abspielten. Die rund 23'000 Fans im Arthur Ashe Stadium peitschten Djokovic mit lauten «Nole»-Rufen nochmal an. Gleichzeitig störten einige mit Pfiffen und Buh-Rufen immer wieder den Service von Medvedev.



Auch als Zuschauer war die Atmosphäre elektrisierend. Für Djokovic selber war sie überwältigend. Nachdem er tatsächlich das Break zum 3:5 geschafft und anschliessend auch sein Game durchgebracht hatte, nahm er mit einem Lächeln auf seiner Bank Platz. Er pochte mit seiner Faust gegen sein Herz, um sich beim Publikum zu bedanken. Dann übermannten ihn die Emotionen. Er versteckte seinen Kopf unter dem Handtuch und konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Kein Tennis-Märchen und doch ein Happy End

Es hätte ein Wendepunkt in diesem Final sein können. So wie damals im Halbfinal 2011 gegen Roger Federer. Der Schweizer hatte damals zwei Bälle zum Einzug in den Final, als Djokovic mit seinem Return All-In ging. Damals waren keine Tränen im Spiel, dafür eine gehörige Portion Wut und Entschlossenheit, die Djokovic nicht nur den Punkt gewinnen liessen, sondern auch das Game. Wenige Minuten später zog er in den Final ein.

An diesem Sonntag sollte sich eine ähnliche Geschichte nicht wiederholen. Dafür war Medvedev einfach zu abgeklärt und zu stark. Der Russe liess sich beim eigenen Service nicht ein zweites Mal vom Publikum irritieren und verhinderte damit auch, dass Novak Djokovic an dieser Stelle mit seinem 21. Grand-Slam-Sieg Geschichte schreiben würde.

Ein Moment für die Ewigkeit

Djokovic nahm die Niederlage wie ein wahrer Champion hin. Mehrfach beglückwünscht er Medvedev zum Turniersieg, den er sich mehr als verdient hätte. Und immer wieder kämpft er auch dann noch mit den Tränen.

Diese Tränen seien aber nicht wegen der Enttäuschung, sondern kämen aus tiefstem Herzen, wie er in seinem Platzinterview sagt: «Diesen Support und diese Energie vom Publikum habe ich in dieser Art und Weise noch nie erlebt. Daran werde ich mich für immer erinnern.» Später ergänzt er: «Das Gefühl war wirklich so stark, wie 21 Grand Slams zu gewinnen. Natürlich willst du solche Matches gewinnen, aber es sind diese Momente, die dich ein Leben lang positiv begleiten.»