Der Opernhaus-Dirigent, der es schmutzig mag

Von Bruno Bötschi

18.6.2021

«Das Kreieren eines Parfums, das Mischen der Essenzen, ist den Proben eines Orchesters sehr ähnlich»: Fabio Luisi.
Bild: Monika Ritterhaus

Er ist ein Dirigent mit feiner Nase: Fabio Luisi kreiert Düfte, gern auch schmutzige. Neun Jahre lang war er Generalmusikdirektor des Opernhaus Zürich. Morgen Samstag leitet der 62-jährige Italiener sein Abschiedskonzert.

Von Bruno Bötschi

18.6.2021

Er sagt den Satz leise, fast wie nebenbei. «Im 18. Jahrhundert gab es praktisch nur schmutzige Parfüms – animalisch, schwer und übersüss.» Und genau diese schmutzigen Parfüms seien seine grosse Leidenschaft, sagt Fabio Luisi.

Der Generalmusikdirektor des Opernhauses Zürich sitzt in seinem Büro aufrecht auf einem Sofa, trägt einen schwarzen Anzug, ein weisses Hemd und eine königsblaue Krawatte und spricht über sein Leben. Über Parfüms – und die Musik.

Wie duften Dirigenten? Besser gar nicht.

Im Opernhaus gibt es das ungeschriebene Gesetz, dass man mit dem Einsatz von Parfüms sparsam umgehen soll. Entsprechend dezent parfümiert sich Luisi bei der Arbeit. Ein Umstand, der ihn nicht daran hinderte, vor sechs Jahren sein erstes Parfüm zu kreieren.

Fabio Luisi verlässt Zürich

Dieses Porträt wurde am 22. April 2018 zum erst Mal auf «blue News» publiziert. Neun Jahre lang prägte Fabio Luisi als Generaldirektor den Klang des Zürcher Opernhauses. Weil der 62-Jährige morgen Samstag, 19. Juni, 19 Uhr, sein Abschiedskonzert dirigiert, publizieren wir den Text erneut. Das Konzert wird live gestreamt und soll all denjenigen, die nicht im Opernhaus anwesend sein können, die Gelegenheit geben, den musikalischen Abschied von Luisi mitzuerleben.

Seit acht Jahren befasst sich der 1959 in Genua geborene Italiener intensiv mit der Herstellung von Düften, seit 2015 ist er zertifizierter Aromatherapeut. Er kann erkennen, ob in einem Wässerchen Patschuli drin ist, Lavendel, Vetiver oder Myrrhe. Luisis feine Nase zerlegt die Düfte in ihre einzelnen Komponenten.

Düfte und Töne: viele Gemeinsamkeiten

«Das Kreieren eines Parfums, das Mischen der Essenzen, ist den Proben eines Orchesters sehr ähnlich», sagt Luisi. Bei beiden Tätigkeiten arbeite er im Detail, lasse oft wiederholen. «Ich gebe nicht nach, wenn es nicht so ist, wie ich es mir vorstelle.»

Düfte und Töne, so Luisi, hätten viele Gemeinsamkeiten. «Beide bringen in uns Menschen innerhalb von Bruchteilen von Sekunden Gefühle an die Oberfläche, wecken vergessen geglaubte Erinnerungen.» Ein Duft könne verführerisch wirken, ein Lied das Herz einer Angebeteten schneller öffnen als tausend Worte.

Die Liebe zum Duft wecken die Freundinnen von Luisis Grossmutter. «Als Teenager war ich sehr angetan von deren Parfums.» Mit 14 kauft er sich von seinem Taschengeld sein erstes Vetiver von Guerlain. Der grün-würzige Klassiker ist nach wie vor einer seiner Lieblingsdüfte.

Heute hat er über 50 Parfums zu Hause. Chanel No. 5, ein Klassiker der Weiblichkeit, gehört auch dazu. «Parfums sind per Definition unisex. Spricht mich ein Duft an, trage ich ihn.»

Wertvolle Tropfen

Luisi erhebt sich vom Sofa. «Wollen Sie ein paar Düfte probieren?» Auf einem schmalen Gestell sind die Flacons aufgereiht. Kleine Fläschchen mit farbigen Etiketten und silbernen und goldenen Deckeln, sie kosten je um die 100 Dollar. Wertvolle Tropfen. Es riecht nach Patschuli, Rose, Amber und Tabak. Den Duft «Don d’Amour» hat Luisi für seine Frau kreiert. Er versprach ihr, das Parfum nicht in den Verkauf zu geben. Irgendwann tat er es trotzdem, der Duft gefiel ihm derart gut. Es folgte ein Donnerwetter zu Hause.

«Parfums sind zwar mein Hobby. Trotzdem gebe ich mich nur mit dem Besten zufrieden. Ich bin ein Perfektionist»: Fabio Luisi.
Bild: flparfums.com

Luisis erstes Parfüm entstand vor sechs Jahren. Die Idee dafür kam ihm während eines warmen, sonnigen Frühlingstages. Er spazierte mit seinem Mops durch den Central Park in New York. Da roch es holzig, etwas Metallisches lag in der Luft und vermischte sich mit dem Duft der Blumen.

Zwei Jahre davor hatte Luisi begonnen, Bücher über die Herstellung von Parfums zu lesen, später kaufte er sich einen Parfum-Bausatz. Die Duftkreation gibt dem Dirigenten einen guten Ausgleich zum Hauptberuf: «Musik reproduziere ich, Düfte kreiere ich. Das hat mich animiert.»

Seine Aufgabe als Dirigent sei es, ein Stück so wiederzugeben, wie es sich der Komponist vorgestellt habe. Und sein Ziel als Parfumeur? «Neues erschaffen. Düfte, die es so in der Natur noch nicht gibt.»

Über 400 Substanzen

Zu Beginn hantierte Luisi mit 20 Substanzen, heute sind es weit über 400. Er lässt sich bei einem New Yorker Parfumeur schulen. Sonst macht er alles allein, sogar die Etiketten klebt er persönlich auf die Flacons. Er hat zwei Labors eingerichtet; eines in seiner Wohnung in Zürich und eines in New York, wo seine Familie lebt und er Principal Conductor an der Metropolitan Opera ist.

Luisi liebt dunkle, herbe Düfte. Diese zu erschaffen, braucht Zeit: Für die Kreation eines neuen Parfums benötigt er 3 bis 24 Monate. Seit Längerem beschäftigt er sich mit der Herstellung eines Calvados-Parfüms. Den Auftrag bekam er von der Besitzerin einer Calvados-Firma. 35 Proben hat sie bereits getestet, noch war der perfekte Duft nicht darunter. «Parfums sind zwar mein Hobby. Trotzdem gebe ich mich nur mit dem Besten zufrieden. Ich bin ein Perfektionist.»

Und wenn die Schweiz ein Parfum wäre, wie würde sie riechen? «Frisch, schwer, konservativ. Eine Mischung, die ich sehr mag.» Und New York? «Schmutzig. Das sagt mir auch zu. Meine neueste Kreation J’ose ist ein bisschen schmutzig.»

Seine Frau ist übrigens nicht mehr böse auf ihn. Kürzlich kreierte er ihr zur Wiedergutmachung einen neuen Duft – inklusive des Versprechens, diesen nie in den Verkauf zu geben.

Bestellnachweis: Die Parfums von Fabio Luisi können über seine Website flparfums.com bestellt werden. Die Einnahmen aus dem Verkauf gehen an die Bogliasco Foundation seiner Frau Barbara Luisi, die junge Künstlerinnen und Künstler unterstützt.

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