«Simpsons»-Sprecher über Apu

«Es fühlte sich immer weniger wie ein Scherz an»

Von Fabian Tschamper

10.5.2021

Hank Azaria und eine seiner Figuren in den «Simpsons»: Apu wird nicht mehr von ihm gesprochen – aufgrund von Rassismus-Vorwürfen.
Keystone/Fox

Das Gesicht kennt nicht jede*r, die Stimme schon: Hank Azaria spricht zahlreiche Figuren im englischen Original der «Simpsons». Nun erklärt er, warum er den indischen Verkäufer Apu nicht mehr synchronisiert.

Von Fabian Tschamper

10.5.2021

Wenn nach über 30 Jahren als Stimme einer ikonischen Figur das letzte Stündlein schlägt, dann muss das schon einen triftigen Grund haben: Der 57-jährige New Yorker Hank Azaria sprach seit der ersten Staffel der «Simpsons» den indischen Supermarkt-Verkäufer Apu. 

Aufgrund der anhaltenden Rassismus-Debatte in Film und Fernsehen nahm Azaria vor Kurzem aber den Hut als Apu. Im Interview mit dem «Spiegel» erläutert er nun, warum das 30 Jahre lang funktioniert hat, er sich heute aber von der beliebten Figur distanziert.

Auf die Frage, ob er dem politischen Druck nachgebe, sagt Azaria klar Nein – lässt dann allerdings ein Aber folgen: «Im Scherz sagte ich darauf immer: Jetzt wollen mir ein paar Hipster vorschreiben, was ich sagen darf. Mit der Zeit fühlte es sich jedoch immer weniger wie ein Scherz an.»

«Ein weisser Typ» zementiert Vorurteile

Die Kritik an Apu begann vor etwa sieben Jahren, erzählt Azaria. «Damals gab es Apu aber schon gute 25 Jahre. Ich wusste nicht, was ich mit der Kritik anfangen soll.»

Verstärkt habe sich die Abneigung gegen die Figur nach der Dokumentation «The Problem With Apu». Darin erläutert der indischstämmige US-Regisseur Hari Kondabolu, wie die Darstellung Apus negative Vorurteile gegenüber asiatischstämmigen Menschen zementiere – und dass er es daneben findet, dass «ein weisser Typ» den Inder verkörpere. 

Azaria war hin- und hergerissen, da sich die «Simpsons» über alles und jede*n lustig machen. Der Sprecher vertont auch Polizeichef Clancy Wiggum: «Darf ich Wiggum auch nicht mehr sprechen, weil ich kein Polizist bin?», fragt sich Azaria. Seine Kollegin Nancy Cartwright spreche Bart Simpson – dürfe sie als Frau nun auch keinen zehnjährigen Jungen mehr vertonen?

Die verinnerlichte Überlegenheit

Ob die Amerikaner zu empfindlich sind, was Apu angeht, dies weiss auch Azaria nicht. Nur, dass sich die indische Bevölkerung durch diese Repräsentation verletzt fühlt. Zudem seien sie aber stolz, Teil einer so erfolgreichen Serie zu sein. Der schmerzende Aspekt überwiege dabei aber, so der 57-Jährige.

«Ich war ein ahnungsloser weisser Typ», kontert Azaria die Frage, ob er Teil des Problems war. Und fügt an: «Es ist eine verinnerlichte Überlegenheit», womit er die «weissen Privilegien» meint. Oftmals sei man sich dieser gar nicht bewusst, weil es so sehr in der Gesellschaft verankert sei. «Du denkst gar nicht darüber nach, was Minderheiten als verletzend einstufen könnten.»

Der «Spiegel» fragt auch nach, ob mit dieser Kontroverse nicht bewiesen sei, dass die «Simpsons» ihren Zenit längst überschritten hätten.

«Die Phase, in der die ‹Simpsons› die Landschaft der Comedy für immer verändert haben, ist bestimmt vorbei», sagt Azaria. Jedoch fänden frische Generationen noch immer einen Zugang zu den Springfieldianern. Apu sei exemplarisch dafür, was das wesentlich grössere Thema, nämlich Repräsentation, betreffe. «Hollywood hat uns gelehrt, es sei okay, sich über alles lustig zu machen.» Doch nicht auf diese Art und zu diesem Preis.

Der Synchronsprecher hat sich aufgrund der Kritik an Apu und nach seinem Rückzug auch vermehrt mit Anti-Rassismus-Seminaren beschäftigt und wurde dadurch sensibilisiert. «Ich gebe solche Lehrstunden nun auch selbst, um auf dieses Problem im Show-Business hinweisen zu können.»