Plötzlich riecht das Ei nach Hundekot

Julia Käser

7.3.2021

ROSTOV-ON-DON, RUSSIA - FEBRUARY 10, 2019: A girl smelling flowers. Valery Matytsin/TASS (Photo by Valery Matytsin\TASS via Getty Images)
Nach überstandener Corona-Erkrankung riechen eigentlich angenehme Dinge manchmal ziemlich unangenehm. 
Bild: Getty Images

Von meiner Corona-Erkrankung hab ich mich erholt – nicht so mein Geruchssinn. Üble Fehlgerüche rauben mir seit der Infektion regelmässig den Appetit. Ein persönlicher Erfahrungsbericht samt Selbstversuch. 

Julia Käser

7.3.2021

Die Sonne scheint, die Temperaturen sind mild. Ich sitze im Homeoffice. Noch leicht verschlafen sehne ich mich nach frischer Luft. Nichts ahnend öffne ich also das Fenster. Statt frischer Frühlingsduft dringt ein Gestank ins Zimmer, den ich so nie zuvor wahrgenommen habe.

Es riecht wie verfaulter Blütenstaub. Das mag ganz schön schräg klingen – und das ist es auch. Das Ganze riecht so penetrant, dass ich kurzerhand das Fenster wieder schliessen muss und sofort eine gehörige Portion meines japanischen Raumdufts in der Wohnung versprühe. Mir ist übel, der Kaffee wird kalt. Erst gegen Mittag vergesse ich den Gestank. 

Aber schon beim Zubereiten des Abendessens vergeht mir der Appetit wieder. Es gibt Nüsslisalat mit Ei. Das Problem: Die Eier riechen nach Hundekot. Oder zumindest so, wie Hundekot für mich seit einigen Wochen riecht. Und schon wieder ist mir übel. 

Mein Freund versichert mir kurz darauf, dass mit den Eiern alles in bester Ordnung sei. Also halte ich mir die Nase zu und probiere ein kleines Stück: nichts. Ich schmecke nichts. 

Kaffee riecht nach Kieselsteinen

Seit ich mich vor vier Monaten mit dem Coronavirus infiziert habe, nehme ich einige Gerüche und Geschmäcker anders war als zuvor – einige wenige aber auch gar nicht mehr. Es sind vor allem die üblen Gerüche, die ich entweder komplett anders perzipiere oder sie gar nicht mehr rieche. Letzteres ist zwar nicht weiter schlimm, aber dennoch befremdend. 

Richtig unangenehm ist die Tatsache, dass vermehrt auch Dinge, die vor Corona wunderbar dufteten und angenehm schmeckten, mich plötzlich an weniger appetitliche Sachen erinnern. Kaffee etwa roch für ein paar Tage nach Kieselstein und schmeckte kaum mehr. Die Cashewkerne, die ich zwischendurch snacke, erinnern mich an Urin. 

Merkwürdige Fehlgerüche: ein gutes Zeichen

Mit meinem Problem bin ich nicht allein. Rund 80 Prozent der Corona-Erkrankten leiden unter Riechstörungen. Viele verlieren zwischenzeitlich den Geschmacks- und Geruchsinn – so wie ich die ersten zehn Tagen nach der Infektion. Auch mit den wenig appetitlichen Fehlgerüchen bin ich keine Seltenheit.  

Die gute Nachricht: Riechzellen können sich erholen und ein verzerrter Geruchsinn kann ein Zeichen für die allmähliche Regeneration sein. Weil sich der Riechnerv jedoch nur millimeterweise erholt, kann sich der Heilungsprozess ganz schön hinziehen, wie eine Studie mit Beteiligung der Universität Zürich zeigt. 

Wie genau die Riechstörungen zustande kommen, ist wie so vieles noch nicht abschliessend geklärt. Am gängigsten ist die Theorie, dass das Virus die Nervenzellen im Riechkolben schädigt. Für neurologische Ursachen gibt es weniger Hinweise. 

Wie lange ich mich noch mit diesen Geruchs-Halluzinationen und der dadurch entstehenden Übelkeit herumschlagen muss, lässt sich wohl schwer sagen. Ausgeschlossen werden können dauerhafte Beeinträchtigungen Stand jetzt nicht – dennoch gilt es als normal, dass es manchmal bis zu einem Jahr dauert, bis sich der Geruchssinn wieder vollkommen erholt hat. 

Ein Selbstversuch

Um dem Heilungsprozess ein bisschen auf die Sprünge zu helfen, wage ich einen Selbstversuch, über den «20 Minuten» bereits berichtete. Spoiler: Wissenschaftlich belegt ist das Ganze nicht – schaden kann es aber auch nicht.

Alles, was ich für das Experiment brauche, sind eine Orange und Rohrzucker. Die Orange muss man anrösten, bis sie schwarz ist. Anschliessend wird das Fruchtfleisch mit zwei Löffel braunem Zucker gemischt und gegessen. Der Kanadier Kemar Gary Lalor, der das Rezept in den Sozialen Medien erstmals teilte, versichert: «Nach ungefähr einer Stunde wirst du wieder etwas schmecken, versprochen.»

Zumindest bei mir löst sich dieses Versprechen nicht ein: Der Kaffee, der in der Nase immer noch komisch riecht, schmeckt auf der Zunge nicht intensiver als zuvor. Auch bei Cashewnüssen hat sich die Situation nicht merklich gebessert und die Gurke, die ich extra gekauft habe, schmeckt nach wie vor nach nichts. 

Geräucherte Orangen, mehr aber auch nicht 

Den ganzen Tag über begleitet mich der Geruch nach geräucherter Orange, auch auf der Zunge bleibt er lange kleben. Noch habe ich die Hoffnung nicht ganz verloren, eine weitere Chance will ich dem Experiment geben. Zum Znacht gibt es deshalb wieder Nüsslisalat mit Ei.

Dieses mal riecht es nicht nur nach Hundekot, sondern schmeckt auch so. Die Gurke riecht plötzlich nach einer Mischung aus Metall und verfaultem Kohl. Das Ei muss am Ende mein Freund essen, ein bisschen Gurke bringe ich irgendwie runter. Für den Rest des Abends sind Pfefferminz-Kaugummis meine besten Freunde. 

Die grosse Ernüchterung macht sich breit: Tatsächlich schmecke ich mehr als vor dem Experiment – was ich nun wahrnehme, nimmt mir allerdings jegliche Lust aufs Essen. Und am nächsten Morgen kommt es noch schlimmer. Als ich meinen Freund umarme, merke ich: Er riecht genau gleich wie Knoblauch. Vielleicht melde ich mich doch mal beim Spezialisten.