Friends-forever-Kolumne

Müssen uns Freundschaften weiterbringen?

Von Gabriella Alvarez-Hummel

13.5.2022

Einer für alle, alle für einen: Barney, Marshall und Ted in «How I Met Your Mother».
CBS

Unsere Kolumnistin hat ihre liebe Mühe mit Menschen, die in ihren Freundschaften erst mal nur Vorteile für sich selber suchen.

Von Gabriella Alvarez-Hummel

13.5.2022


Es gibt da dieses Zitat, worüber ich immer wieder stolpere: «Du bist das Resultat der fünf Menschen, mit denen du am meisten Zeit verbringst.»

Urheber des Zitats ist ein alter (und mittlerweile verstorbener) weisser Mann, wie er im Buche steht: ein US-amerikanischer Unternehmer und Motivationstrainer namens Jim Rohn.

Rohn ist der Meinung, dass die Menschen in unserem nächsten Umfeld dazu da sein müssen, uns weiterzubringen. Und wenn sie das nicht tun, dann solle man besser Zeit mit anderen Leuten verbringen. Er sagt auch: Wenn dein Umfeld zu negativ ist, dann musst du es auswechseln.

Zwischen Opportunismus und Strategie

Was soll ich sagen, irgendwas stört mich an dieser Theorie. Sie klingt nach Opportunismus. Nach Strategie. Und so gar nicht nach Emotion, Gefühl oder Beziehungsnähe. Ich frage mich auch, was ein Elternteil dieser Theorie nach tun soll, mit drei stets genervten Teenagern zu Hause. Sie rausschmeissen und sich drei neue Kinder suchen? Und was ist mit der Person, die mit einem chronisch depressiven Partner zusammen ist? Kann ich an solchen Herausforderungen in meinem Umfeld denn nicht auch wachsen?

Gut, würde ein Jim Rohn wahrscheinlich sagen, deine Familie kannst du dir nicht aussuchen. Aber deine Freund*innen! (Ob er gegendert hätte? Man weiss es nicht.) Die kannst du locker auswechseln. Such dir Leute, die so sind, wie du gern sein möchtest, und hefte dich an ihre Fersen.

Umfrage
Wie viele enge Freunde hast du?

Klar, wenn man mich partout runterzieht, missgünstig ist oder meine Entwicklungen schlechtredet, dann muss ich die Freundschaft natürlich mit der Zeit hinterfragen. Oder ganz direkt fragen: Was ist eigentlich dein Problem? Aber ich tausche doch meine langjährigen Freundinnen nicht aus, weil sie nicht so sind, wie ich gern wäre. Dafür bin ich doch schlichtweg selber verantwortlich.

Freundschaften aus Kalkül

Du merkst: Mr. Rohn und ich, wir haben das Heu nicht auf derselben Bühne. Ich möchte wissen, wie die Freundschaften von diesem Mann aussahen. Ob er seine Freunde ausgewechselt hat, sobald sie ihm nicht mehr genug brachten. Ob er zufällige Begegnungen nach genügend Potenzial abtastete. Ob er sich manchmal an einen Freund zurückerinnerte und sich fragte, was wohl aus ihm geworden ist, nachdem er ihm keine Zeit mehr geschenkt hat.

Zu Beziehungen, egal zu welchen, gehört doch immer auch ein wenig Magie. Und die lässt sich nicht kalkulieren. Wenn es klickt, wenn Interesse da ist und Neugier, wenn ich die Gewissheit spüre, ich selber sein zu können, dann ist das ein Zeichen für mich, meine Zeit mit jemandem zu teilen. Und wenn ich merke, dass jemand meine Nähe sucht, weil die Person glaubt, ich könne ihr irgendwelche Vorteile verschaffen, dann bin ich so schnell raus wie eine Katze, die in die volle Badewanne fällt.

Und ganz ehrlich: Ist es nicht auch ein wenig traurig, wenn man seine Beziehungen in erster Linie danach aussucht, was sie einem selber bringen?

Wäre ich wirklich das Resultat der fünf Menschen, mit denen ich am meisten Zeit verbringe, dann würde ich bestimmt regelmässiger joggen gehen wie mein Mann. Ich wäre nicht selbstständig, weil so ziemlich alle in meinem Umfeld angestellt sind. Ich könnte bestimmt so gut malen wie diese eine Freundin oder mein Cousin. Und weil alle diese verfluchte App haben, würde ich wahrscheinlich Stunden auf TikTok verbringen.


Friends-forever-Kolumne
zVg

Es gibt Beziehungsratgeber, Elternblogs, was aber ist mit Freundschaften? Warum werden sie im öffentlichen Diskurs so vernachlässigt? Die freie Autorin Gabriella Alvarez-Hummel will das mit ihrer Kolumne ändern.