Vico Torriani – ein Engadiner erobert die Welt

Marianne Siegenthaler

18.9.2020 - 06:45

Vico Torriani war einer der grössten Entertainer der Schweiz. Am 21. September könnte er seinen 100. Geburtstag feiern. «Bluewin» hat mit Tochter Nicole Kündig-Torriani über ihn als Künstler, Mensch und Vater gesprochen.

Er war Kellner in einem Zürcher Restaurant, noch keine 25 Jahre alt, und aus lauter Übermut griff er zur Gitarre und sang den Gästen ein paar Lieder vor – und erntete grossen Applaus.

An diesem Abend machte Vico Torriani eine wunderbare Entdeckung: Mit seinem musikalischen Talent konnte er anderen Menschen eine Freude bereiten. Kurz darauf, es war im Jahr 1945, nahm er an einem «Jekami»-Wettbewerb im Zürcher Niederdorf teil und gewann mit seiner melodischen Stimme prompt den ersten Preis.

Es folgten Radioauftritte und erste Engagements in der Schweiz und in Deutschland. «Lebensfreude und Herzenswärme, das strahlte er aus und gerade in der Nachkriegszeit war das genau das, was die Menschen brauchten», sagt seine Tochter Nicole Kündig-Torriani. Den Durchbruch schaffte er mit «Silberfäden» – ein Lied, das er zum 50. Geburtstag seiner Mutter im Jahr 1949 komponierte.

Apropos Geburtstag: Zum 100. Geburtstag von Vico Torriani hat SRF einen Dokumentarfilm mit dem Titel «Vico Torriani – Grüezi, grüezi mitenand» realisieren lassen. Dieser wird am Sonntag, 20. September, 18:15 Uhr, erstmals ausgestrahlt.

Das Multitalent

Singen war aber längst nicht seine einzige Begabung. «Er war ein Multitalent. Er konnte nicht nur singen, sondern auch tanzen, moderieren, schauspielern und unterhalten», so Nicole Kündig-Torriani. «Und er hatte Stil, Charme, Eleganz und versprühte stets Fröhlichkeit und gute Laune.»

Seine Schallplatten wie «Bonsoir, Bonsoir» oder «Kalkutta liegt am Ganges» führten monatelang die Hitparaden an. Und für Filme wie «Gitarren der Liebe» oder «Der Fremdenführer von Lissabon» stand das Publikum, vor allem das weibliche, vor den Kinos Schlange. Die erste TV-Kochshow aller Zeiten «Hotel Victoria» oder die Spielshow des ZDZ «Der goldene Schuss» waren echte Strassenfeger.

Ehefrau und Managerin

Ludovico Oxans Torriani, wie er mit vollem Namen hiess, wurde auch weit über die Landesgrenzen hinaus bis nach Russland bekannt und gab Gastspiele in vielen Ländern. Mit dabei auch immer seine Frau Evelyne. «Sie war stets an seiner Seite, hat ihn nachts zu seinem nächsten Auftritt gefahren, hat sich um seine Garderobe gekümmert, die Bühnengage eingetrieben und war so nebst seiner Ehefrau auch seine Managerin», erinnert sich Nicole Kündig-Torriani.

«Ich bin überzeugt, sie hat einen wesentlichen Beitrag zu seiner Karriere geleistet.» Aber auch Vico Torriani selbst überliess diesbezüglich nichts dem Zufall. «Er hat die Stars, die er bewunderte, wie zum Beispiel Maurice Chevalier, ganz genau studiert: Wie tanzt er? Wie läuft er? Wie zeigt er sich dem Publikum? Was zu ihm passte, hat er mit viel Fleiss und Ausdauer geübt und geübt. Seine Vorbilder waren seine Lehrmeister.»

Als Perfektionist wollte er seinem Publikum eine tadellose Performance bieten – ohne aber in eine Rolle, ein Korsett zu schlüpfen. «Was er auf der Bühne ausstrahlte, war immer echt, er war immer er selber, und seine Authentizität hat bestimmt mit zu seinem grossen Erfolg beigetragen», erklärt Nicole Kündig-Torriani, die selber auch eine begeisterte Sängerin ist und nebst ihrem Beruf als Ergotherapeutin in einem Chor mitwirkt.

Die ganze Familie auf Tournee

Nebst Evelyne waren auch die beiden Kinder Nicole und Reto fast immer bei den Auftritten im In- und Ausland mit dabei. «Die Reisen, die Darbietungen unseres Vaters auf den Bühnen, die vielen interessanten Leute, die wir kennenlernten – das hat uns gefallen.»

Einen strukturierten Tagesplan gab es in diesen Zeiten nicht, und wenn andere Kinder längst in den Federn lagen, dann sass die Familie Torriani im Restaurant beim Abendessen. Allein waren sie da nie, denn sie wurden natürlich erkannt und ständig umringt von Fans und Autogrammjägerinnen. «Aber der Glamour, der meinen Vater umgab, hat ihn nicht zu einem anderen Menschen gemacht. Er blieb immer so, wie er wirklich war: umgänglich, liebenswürdig und charmant.»

Vico Torriani begeisterte nicht nur als eleganter Sänger, sondern war auch Showmaster.
Bild: Keystone

Zwischendurch kehrte aber auch in der Familie Torriani Ruhe ein. Im Sommer wie im Winter verbrachte sie je ein paar Wochen im Engadin, der eigentlichen Heimat von Vico Torriani. Geboren in Genf, ist er in Celerina bei seiner Grossmutter aufgewachsen. Er arbeitete da als Skilehrer, begann eine Konditorlehre und lernte Koch. Und auch den Militärdienst leistete er zeitweise im Engadin.

Das schöne Hochtal lag ihm sehr am Herzen und er kehrte immer wieder gerne zurück. Aber auch die Kinder genossen diese Auszeit vom Showbusiness. «Das waren jeweils wunderbare Wochen, denn wir verbrachten viel Zeit mit unserem Vater, gingen Skifahren oder wandern – es war herrlich.»

Trotz Erfolg bescheiden geblieben

Doch auch in Torrianis Leben war längst nicht alles eitel Sonnenschein. Ein schwerer Militärunfall zwang ihn für zwei Jahre ins Lazarett, später folgte eine Lungentuberkulose, und mit 70 Jahren eine Lungenembolie. Doch all die Schicksalsschläge hat er ohne zu klagen hingenommen und sich an den guten Seiten des Lebens erfreut. Und ist trotz seines Erfolgs bescheiden geblieben.

«Zu seinem 70. Geburtstag wünschte er sich kein grosses Fest mit vielen Gästen. Nein, er wollte mit unserer Mutter und den drei Enkeln mit dem Camper Italien bereisen.» Das tat er dann auch und alle fünf kehrten begeistert von ihrem Abenteuer zurück.

Was er sich auch immer bewahren konnte: Dankbarkeit. Und so schrieb er auf der Plattenhülle seiner grössten Hits in Neuaufnahme: «Ich bin sicher, vielen Menschen damit eine Freude zu machen. Besser weiss ich nicht zu danken für all das, was ich an Zustimmung und Zuneigung im Laufe meines Lebens erhalten habe und tagtäglich erfahre. Herzlichst Ihr Vico Torriani.»

Am 26. Februar 1998 legte sich der grosse Künstler in seinem Haus in Agno TI zum Mittagsschlaf hin und wachte nie mehr auf.

Buch: «Vico Torriani – Ein Engadiner singt sich in die Welt» von Barbara Tänzler ist eine reich bebilderte Biografie und erscheint dieser Tage im Verlag NZZ Libro. Die Buchvernissage findet am Sonntag, 20. September, 17 Uhr, im Hotel Reine Victoria, St. Moritz-Bad, statt. vicotorriani.ch

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