Modest Fashion – die neue Lust am Verhüllen

Mara Ittig

17.11.2018

Fashion meets Hijab: Für muslimische Frauen schliessen sich ein modisches Auftreten und die Einhaltung religiöser Regeln nicht aus.
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In der Mode folgt auf eine Strömung stets eine Gegenbewegung. So tragen wir nach viel Mode mit viel Sex-Appeal nun gerne Hochgeschlossenes. Doch dahinter steckt mehr als nur trendige Abwechslung. 

Meno- oder Normcore heisst der Trend zur züchtigen Mode, die mehr verhüllt als sie zeigt. Designerinnen wie ehemals Phoebe Philo für Céline oder Victoria Beckham prägten den Trend: Erwachsene Mode für Frauen, die mit beiden Beinen in einem vollgepackten Leben stehen. Keine unpraktischen Mini-Röcke beschränken die Bewegungsfreiheit, keine Stöckelschuhe zwingen die Trägerin zu Trippelschritten.

So weit, so gut. Die modische Abwechslung kommt dem ästhetischen Sinn und der Lebenssituation so mancher Frau entgegen. Auch die momentan angesagten Maxi- und Oversize-Schnitte tragen dem Trend zu mehr Stoff Rechnung. 

Mode-Fans aus dem Westen setzen dazu auf Stilbrüche wie Overknee-Stiefel oder Taillengürtel und verleihen dem Trend so eine sinnliche Komponente. Ganz ohne Silhouette soll es dann doch nicht sein. 

Designerinnen wie Victoria Beckham setzen auf weite Schnitte, die viel verhüllen –  allerdings ohne den religiösen Kontext.
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Doch für einmal steckt mehr hinter einer modischen Bewegung als blosse Lust auf neue Trends. Für zahlreiche Frauen auf der ganzen Welt ist sogenannte Modest Fashion kein blosser Trend, sondern Ausdruck ihrer religiösen Haltung.

Muslimische und auch jüdisch- und christlich-orthodoxe Frauen tragen Modest Fashion seit jeher – und nicht aus modischen Gründen, versteht sich. Sie freuen sich über die neuerdings grosse Auswahl an modischer Kleidung, die es für sie bis anhin in dieser Auswahl nicht gab. 

Mit Hijab zum Sport

Anders als bei vielen anderen Modeströmungen, die nach Überschreiten des Zenits wieder in der Versenkung verschwinden, ist dieser Trend wohl gekommen, um zu bleiben. Auf der Welt leben 1,8 Milliarden Muslime, und die muslimische Bevölkerung wächst stetig.

2020 soll es weltweit genau so viele Muslime wie Christen geben. Die Ausgaben in der islamischen Welt für Mode bewegten sich 2016/2017 bei 327 Milliarden US-Dollar, bis 2022 soll der Umsatz auf geschätzt 373 Milliarden steigen.

Ein gigantischer Markt, der bis vor kurzem von den meisten global agierenden Unterehmen vernachlässigt wurde. Doch auch muslimische Männer und Frauen haben zunehmend Lust auf Mode – und sind bereit und in der Lage, dafür Geld auszugeben. Klar, dass die Reaktion am Markt nicht lange auf sich warten lässt.

Der Markt für Modest Fashion wächst. 
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Modische Globalplayer haben die riesige Zielgruppe inzwischen erkannt. Labels wie Dolce & Gabbana oder Nike springen auf den Zug auf, letztere mit Hijabs für sportliche Zwecke, erstere mit einer Kollektion mit bodenlangen Kleidern, hochgeschlossenen Blusen und reich bestickten Luxus-Kopftüchern.

Für H&M blickte bereits 2015 ein Model im Hijab von Plakatwänden, und die spanische Kleiderkette Mango brachte zum muslimischen Feiertag im vergangenen Juni eine Ramadan-Kollektion auf den Markt.

Max Mara schickte Halima Aden 2017 als erstes Model mit Hijab auf den Laufsteg. Aden zählt zu den Models, denen momentan am meisten Aufmerksamkeit zuteil wird. Das liegt sicherlich auch daran, dass sie in Zeiten von Diversity mit ihrem Kopftuch gut in die Vermarktungsbemühungen so manchen Modehauses passt; die Botschaft ist deutlich: «Seht her, wie modern und aufgeschlossen wir sind, wir machen Mode für alle». Dass damit auch eine grosse und zahlungskräftige Käuferschicht angesprochen wird, zählt wohl mit zum Kalkül.

Halima Aden auf dem Laufsteg bei der Max Mara Show für den Winter 2017/18. Sie gilt als eines der gefragtesten Models der Stunde.
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Auch die Zahl der Unternehmen, die ausschliesslich auf Modest Fashion setzt, wächst. Hijup, SemSem oder Amal al Mulla bieten moderne Looks an für Frauen, die sich gemäss ihrer religiösen Tradition kleiden, aber auf einen modischen Auftritt nicht verzichten wollen. Firmen wie Mimu Maxi richten sich zwar nicht explizit an Muslimas, haben jedoch weitestgehend Kleider im Angebot, die deren Ansprüchen gerecht werden.

Leicht verschleiert, statt leicht bekleidet

Im März 2017 erschien die erste Print-Ausgabe der arabischen Vogue – auf dem Cover keine geringere als Gigi Hadid,  für einmal nicht leicht bekleidet, sondern leicht verschleiert. 

Influencer wie Mona HaydarMaria Alia und Blogerinnen wie Dina Torkia geben modische Inspiration und leben ein modernes Frauenbild vor. Ihre grosse Zahl an Followern zeigt, dass sie damit einen Nerv treffen.

Das Thema bewegt auch ausserhalb der muslimischen Welt. Die verhüllende Mode bleibt ein Aufreger, immer wiederkehrende Diskussionen um Burka-Verbote zeugen davon. Im September eröffnete in San Francisco die Ausstellung «Contemporary Muslim Fashions». Für die erste grosse Schau über zeitgenössische muslimische Mode haben die Kuratoren Leihgaben aus aller Welt zusammengetragen – von Haute Couture bis Burkinis ist alles dabei.

Nicht zuletzt in den Medien wird das Thema immer wieder kontrovers diskutiert. Beispielsweise ärgerte sich Bettina Weber in der «SonntagsZeitung» über eine Unterteilung des weiblichen Geschlechts in züchtige Frauen und böse Schlampen.

Weber wirft den Modehäusern vor, mit Menschen, die Frauen unterdrücken, gemeinsame Sache zu machen – dem Profit zu Liebe. Sie zitiert Pierre Bergé, kürzlich verstorbener Lebens- und ­Geschäftspartner von Yves Saint Laurent: «Verzichtet auf das Geld und zeigt Rückgrat.»

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