Bericht über Trumps Steuern lässt Millionen Bürger dumm dastehen

AP/phi

28.9.2020 - 18:09

Zahlte Trump jahrelang kaum Steuern? Er sagt: «Fake News»

Zahlte Trump jahrelang kaum Steuern? Er sagt: «Fake News»

Donald Trump weist einen Bericht, wonach er jahrelang kaum Steuern zahlte und hunderte Millionen bald fälliger Schulden hat, als «fake news» zurück. Der Artikel der «New York Times» bringt den US-Präsidenten aber unter Druck.

28.09.2020

Donald Trump gibt sich gern als die Stimme des kleinen Mannes. Doch jetzt steht dieses Argument infrage, mit dem er 2016 die Wahl gewann: Der mehrfache Millionär hat zuletzt kaum Bundessteuer gezahlt.

Diese Enthüllung dürfte nicht in Donald Trumps Wahlkampfplan passen: Kurz vor der ersten Fernsehdebatte mit seinem Herausforderer Joe Biden berichtete die «New York Times», Trump habe 2016, im Jahr seiner Wahl zum Präsidenten, ganze 695 Franken Bundeseinkommensteuer bezahlt – genauso viel wie in seinem ersten Amtsjahr. In zehn der vorangegangenen 15 Jahre sei Trump sogar einkommensteuerfrei geblieben, schrieb die «New York Times» unter Berufung auf Steuerunterlagen des Präsidenten.

Das passt so gar nicht zu dem Bild, das Trump von sich als Anwalt und Stimme einfacher Arbeiter und Angestellter zeichnet. Die durchschnittliche Bundeseinkommensteuer für US-Bürger lag 2017 nach Angaben der Steuerbehörde IRS bei etwa 11'300 Franken.

Dass der Präsident der Vereinigten Staaten nur einen Bruchteil davon abgeführt haben soll, ist eine Steilvorlage für die Demokraten. Bidens Wahlkampfteam verkauft seit Sonntag Anstecker mit der Aufschrift «Ich habe mehr Einkommensteuern als Donald Trump gezahlt.»

Veröffentlichung zur Unzeit

Das zielt insbesondere auf weisse Fabrikarbeiter, die Trump 2016 zum Wahlsieg in Staaten wie Pennsylvania, Wisconsin und Michigan und damit zur Präsidentschaft verhalfen. Unter Weissen ohne Universitätsabschluss gewann Trump damals zwei Drittel der Stimmen. Bei Nichtweissen aus dieser Gruppe waren es nur 20 Prozent, wie das Pew Research Center analysierte.

epa08702726 US President Donald J. Trump holds a news briefing at the White House in Washington, DC, USA, 27 September 2020. EPA/Chris Kleponis / POOL
Steuererklärung als Wahlkampf-Dämpfer: Donald Trump am 27. September in Washington.
Bilder: Keystone

Trump hat ohnehin Probleme, mit der Kritik am Vorgehen seiner Regierung in der Coronavirus-Pandemie fertig zu werden. In vielen Umfragen liegt er hinter Biden, bis zum Wahltag sind es nur noch gut fünf Wochen und in einigen US-Staaten hat die Stimmabgabe bereits begonnen. Viel Zeit, das Ruder herumzureissen, bleibt ihm nicht mehr.

Die erste Fernsehdebatte am Dienstagabend sei der wichtigste Termin des Wahlkampfes, sagt der langjährige Berater der Republikaner, Alex Conant. Der Präsident müsse die Wahl zu einer Abstimmung über Biden machen. Doch ausgerechnet jetzt komme der Bericht über Trumps Steuerzahlungen. «Das hält den Fokus direkt auf Trumps Charakter und das Chaos.»

Wahlkampfstrategie untergraben

Trump hat sich über die Jahrzehnte das Image eines supererfolgreichen Geschäftsmanns zugelegt. Wenn Wähler heute gefragt werden, warum sie ihm die Stange halten, verweisen sie oft auf seinen privaten wirtschaftlichen Erfolg und wiederholen Trumps Erzählung, er habe wichtige Geschäfte sausen lassen, um Präsident zu werden und Menschen wie ihnen zu helfen.

epa08553806 US President Donald J. Trump plays golf at the Trump National Golf Club in Sterling, Virginia, USA, 18 July 2020.  EPA/JIM LO SCALZO
Trump Mitte Juli beim Golfen im Trump National Golf Club in Sterling, Virginia.
EPA

Der «New York Times»-Bericht untergräbt diese Säule von Trumps Wahlkampfstrategie. Der Präsident erscheint als Mann, der in Privatflugzeugen von einem Luxusanwesen zum anderen düst, aber weniger Steuern zahlt als Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner, die wesentlich bescheidener leben. Dem Blatt zufolge hat Trump Steuerzahlungen umgangen, indem er dem Finanzamt mehr Verluste als Einnahmen meldete. Gerade seine bekanntesten Unternehmen verbuchten demnach Defizite, darunter Trumps Golfplätze.

Das dürfte Wasser auf die Mühlen Bidens sein, der Trump gerade als Scharlatan porträtiert, der seine Anhänger in der Arbeiterschaft belogen habe. Biden verweist auf seine eigene Herkunft aus der Mittelklasse und hat die Wahl zu einem Kampf zwischen der Arbeiterstadt Scranton, wo er geboren wurde, und der Park Avenue erklärt, wo Trump an seinem Marken-Imperium werkelte.

Futter für die Fernsehdebatte

In der Fernsehdebatte habe Biden jetzt auch noch ein anschauliches Beispiel, um der sinkenden Zahl unentschlossener Wähler den Kontrast zwischen sich und Trump zu verdeutlichen, sagt der frühere Wahlkampfstratege der Demokraten, Joe Trippi. «Sie bewegen ein paar Prozentpunkte der Stimmen aus der Arbeiterklasse und reden darüber, dass Biden Orte wie Ohio gewinnt.»

Democratic presidential candidate former Vice President Joe Biden gives a speech on the Supreme Court at The Queen Theater in Wilmington, Del., Sunday, Sept. 27, 2020. (AP Photo/Andrew Harnik)
Futter fürs TV-Duell: Vorteil Joe Biden?
Bild: Keystone

Nun ist es nicht das erste Mal, dass Beobachter Trump in schier auswegloser Lage sehen. Vor vier Jahren veröffentlichte die Sendung «Access Hollywood» Tonaufnahmen, in denen Trump damit prahlte, er könne Frauen gegen deren Willen begrapschen wo und wie er wolle. Zwei Tage vor der zweiten Fernsehdebatte mit seiner Gegenkandidatin Hillary Clinton galt das als Todesstoss für seine Wahlkampagne. Doch Trump gewann die Wahl.

Wie der Bericht über Trumps Steuern wirkt, ist offen. In seinen vier Jahren im Amt konnte er auf eine bemerkenswert treue Kernwählerschaft zählen. Doch für Conant genügt das nicht. Er prophezeit: «Solange sich dieser Wahlkampf nur um Trump dreht, wird er ihn verlieren.»

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