Afrika ist mit einer Welle der Gewalt ins neue Jahr gestartet

Ralf E. Krüger, dpa

16.1.2021 - 14:01

epa08918741 A boy from Niger walks in the village of Tchombangou following a deadly attack which killed seventy villagers in Tchombangou in Niger's Tillabéri region, Niger 03 January 2021 (issued 04 January 2021). According to Niger's prime minister Brigi Rafini one hundred have been killed in villages in Niger's Tillabéri region following simultaneous attacks on the villages of Tchombangou and  Zaroumdareye near the border with Mali. No group has claimed responsibility for the attacks.  EPA/STR BEST QUALITY AVAILABLE
Die Zerstörung im nigerischen Dorf Tchombangou zeugt von blutigen Attacken durch Extremisten, die sich Anfang Jahr ereignet haben.
Bild: Keystone/EPA/STR

Die islamistischen Extremisten in Afrikas Sahelzone wüten immer blutiger, Beobachter warnen bereits vor einem zweiten Afghanistan. Wo bleibt die Hoffnung?

Die Gewalt der ersten Tage von 2021 auf dem afrikanischen Kontinent ist erschreckend: mindestens 102 Tote und drei Dutzend Verletze bei einem Blutbad im Niger, im Nachbarland Mali drei tote Franzosen, fünf Todesopfer in Somalia, mindestens 43 im Ost-Kongo und mehrere Opfer durch Rebellen in der Zentralafrikanischen Republik.

Das alles zeigt unmissverständlich: Der oft religiös motivierte Extremismus ist in Afrika auf dem Vormarsch.

Im Kern geht es vielen Extremisten um Macht – und um Ressourcen. «Die Waffen zum Schweigen bringen» – dieses Leitmotiv nannte Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa, als er Mitte 2020 die Präsidentschaft der Afrikanischen Union (AU) übernahm. Erfüllt hat sich die Hoffnung nicht – im Gegenteil. 

UNO beklagt Zunahme der Gewalt

«Die Sicherheitslage hat sich im Berichtszeitraum weiter verschlechtert», heisst es in einem gerade veröffentlichen UNO-Bericht zum Krisenstaat Mali. Nimmt man die zunehmenden Spannungen am Horn von Afrika sowie den Terror im Norden von Mosambik hinzu, so ergibt sich im Einklang mit der Wirtschaftslage – auch hier wirken die Corona-Restriktionen erdrückend – ein eher pessimistisches Gesamtbild.

Und doch blitzt zum Jahresbeginn für Afrika auch ein Hoffnungsschimmer auf: Der Start der von AU beschlossenen Freihandelszone ist ein symbolischer Akt von höchster Bedeutung – richtig umgesetzt, könnte er Millionen Menschen aus der Armut befreien.



Doch noch ist das Zukunftsmusik. Denn die darniederliegende Wirtschaft vieler Staaten hat sich durch die Corona-Beschränkungen in vielen Ländern verschlechtert. Vom Tourismus bis zur Landwirtschaft, von der Logistik bis zum Autobau, überall gibt es Kurzarbeit, Entlassungen, Geschäftsaufgaben. Damit schwellen die Arbeitslosenzahlen weiter an – und mit ihnen die Verzweiflung, die viele junge Leute brutalen, radikalen Islamisten in die Arme treibt.

Perspektiven schaffen statt Gewalt anwenden

«Der einzige nachhaltige Weg, den gewalttätigen Extremismus zu bekämpfen, ist das Angehen einiger der Faktoren, vor allem den Mangel an Entwicklung und ökonomischen Chancen», erklärte der US-Sonderbeauftragte für die Sahelzone, Botschafter Peter Pham, Anfang Januar. Und er betonte: «Es gibt keine schnelle militärische Lösung.»

Die USA beteiligten sich in engem Schulterschluss mit den Franzosen und anderen auch weiterhin mit militärischer Aufklärung an diesem Kampf gegen eine Ausbreitung des Terrorismus. Doch die Uhr tickt.

Im Norden von Mosambik wird das deutlich, wo die Zahl der Vertriebenen nach Attacken auf Städte und Dörfer laut dem UNO-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) auf gut eine halbe Million Menschen gestiegen ist. Seit drei Jahren leidet die Bevölkerung in der erdgasreichen Provinz Cabo Delgado im Norden Mosambiks unter brutalen Angriffen.

epa08560085 A child from the Vicente Tiago family of 30 people who fled the armed attacks in Muidumbe, Cabo Delgado, and took refuge in a small precarious house in Chiuba, Pemba City, Cabo Delgado province, Mozambique, 21 July 2020 (issued 22 July 2020). He is one of thousands of families in need of food aid in the humanitarian crisis affecting the northern province of Mozambique. EPA/RICARDO FRANCO
Blick in ein Flüchtlingslager: Viele Familien müssen vor der Gewalt in der Provinz Cabo Delgado in Mosambik fliehen. 
Bild: Keystone/EPA/Ricardo Franco

Dort nahmen die Angriffe bewaffneter Gruppen derart zu, dass der französische Total-Konzern bereits Teile seines Personals vorsorglich von einem dort angesiedelten Flüssigerdgas-Projekt abzog. Es stellte eine der grössten Investitionen in dem Land dar und soll ihm dank der reichen Erdgasvorkommen vor der Küste einmal aus der Armut verhelfen. Die Rebellion hat Experten zufolge ihre Wurzeln in den Missständen der armen Region. Sie wird auch zunehmend von einer Gruppierung mit Verbindungen zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) dominiert.

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