Darum darf Indien tun, wofür die Türkei bestraft worden ist

Von Philipp Dahm

6.12.2021

Heute spricht Wladimir Putin in Indien über den Verkauf von S-400-Raketen. Als die Türkei das gemacht hat, gab es Sanktionen aus den USA. Warum riskiert Neu-Delhi Ärger mit seinem Verbündeten Washington?

Von Philipp Dahm

6.12.2021

Sowohl den G-20-Gipfel in Rom Ende Oktober als auch die Klimakonferenz Cop 26 in Glasgow hat Wladimir Putin unter Verweis auf die Corona-Lage abgesagt. Doch auch wenn die Fallzahlen seither eher zu- als abgenommen haben, steigt der russische Präsident heute ins Flugzeug, um nach Neu-Delhi zu fliegen.

Allein dieser Umstand sagt etwas darüber aus, wie wichtig die Beziehung zu Indien für Moskau ist. Und das Ganze trifft auch auf Gegenliebe, wie das Interesse von Premierminister Narendra Modi am russischen Flugabwehrsystem S-400 zeigt. Das gilt zwar als eines der besten weltweit, hat anderen Staaten jedoch schon jede Menge Ärger eingehandelt.

Russian President Vladimir Putin, left and Indian Prime Minister Narendra Modi greet each other before their meeting in New Delhi, India, Monday, Dec.6, 2021. (AP Photo/Manish Swarup)
Herzlich: Premier Narendra Modi begrüsst Wladimir Putin (links) nach dessen Ankunft in Neu-Delhi.
KEYSTONE

Als etwa das Nato-Mitglied Türkei Interesse an den russischen Raketen gezeigt hatte, platzte ein Deal mit den USA, wo Ankara F-35-Jets bestellt hatte. Stattdessen belegte das Weisse Haus gestützt auf den Countering America’s Adversaries Through Sanctions Act die Türkei sogar mit Sanktionen.

Dabei hat sich Indien zuletzt doch verstärkt nach Westen orientiert, um gegen einen Widersacher aus dem Fernen Osten nicht allein dazustehen: Spätestens seit dem blutigen Zwischenfall an der Grenze zu China im Sommer 2020 verschlechtert sich die Beziehung zwischen Peking und Neu-Delhi zusehends. 

Russland, der treue Freund

Kein Wunder, dass Indien auf den Quadrilateralen Sicherheitsdialog setzt: In diesem «Quad» hat sich das Land mit Australien, Japan und den USA zusammengetan, um China die Stirn zu bieten. Indien ist also auf die Schützenhilfe aus Washington angewiesen, liebäugelt aber dennoch mit mehreren russischen Waffensystemen (siehe Bildergalerie).

Warum riskiert Premier Modi mit dem Kauf russischer Waffen, seinen guten Draht zu Joe Biden aufs Spiel zu setzen? Zum einen liegt das an den traditionellen Beziehungen zwischen Neu-Delhi und Moskau: Als sich Pakistan und Indien 1971 im Bangladesch-Krieg kurzzeitig bekämpfen, unterstützt allein die Sowjetunion Indiens Hilferufe, und beide Staaten schliessen noch im selben Jahr einen Freundschaftsvertrag.

Indien hat nur durch Russland Erfahrung mit nuklearbetriebenen U-Booten: Zwischen 1987 und 1991 durfte Neu-Delhi ein entsprechendes Fahrzeug leasen. Von 2012 bis Juni 2021 war die Nerpa, ein Atom-U-Boot der Akula-Klasse, als INS Chakra im Dienst der indischen Marine.
Bild: Indian Navy

Damals beginnt auch der Verkauf russischer Waffen, die seither das Gros des indischen Militärgeräts ausmachen. Noch 2015 liegt der Anteil bei 72 Prozent. Weil Neu-Delhi seither versucht, sein Kriegsportfolio zu diversifizieren, werden mehr Waffen aus Staaten wie Frankreich, Israel oder auch den USA gekauft, sodass der Anteil russischer Waffen bis 2019 auf 56 Prozent gesunken ist, berichtet «Bloomberg».

Putin will in Indien Flagge zeigen

Für diese Waffen ist Indien auf Ersatzteile aus Russland angewiesen – und seitdem sich die Beziehungen zwischen Neu-Delhi und Peking derart verschlechtert haben, will Premierminister Modi die Landesverteidigung unbedingt ausbauen. Aus Rücksicht auf Indiens alten Intimfeind Pakistan hält sich Washington hier zurück – und eröffnet so Raum für Putin.

Russland hat 2019 Waren im Wert von 7,24 Milliarden Dollar nach Indien exportiert. Insgesamt haben die beiden Länder vor der Pandemie Waren im Wert von 11 Milliarden Dollar ausgetauscht. Diese Summe soll nach Willen beider Parteien bis 2025 auf 30 Milliarden Dollar steigen – und sich dabei auch nicht mehr allein auf Rüstungsgüter und Energie beschränken.

Indian Prime Minister Narendra Modi, right, hugs Russian President Vladimir Putin before their meeting in New Delhi, India, Friday, Oct. 5, 2018. Putin arrived in India on Thursday for a two-day visit during which India is expected to sign a $5 billion deal to buy Russian S-400 air defense systems despite a new U.S. law ordering sanctions on any country trading with Russia's defense and intelligence sectors. (AP Photo/Manish Swarup)
Noch herzlicher: Putin und Modi bei einem Treffen im Oktober 2018 in Neu-Delhi, als der Kauf der S-400 erstmals anvisiert wurde. 
KEYSTONE

«Russland hat in diesem Fall das Ziel, die Bedeutung der Beziehungen Moskaus zu Neu-Delhi zu unterstreichen – auch wenn die geopolitischen Zeichen anders aussehen», analysiert Michael Kugelman vom US-Thinktank Wilson Center bei der BBC. Denn die Annäherung an Washington bedeute eigentlich eine «Bedrohung für das indisch-russische Verhältnis».

Indien könnte ein Spagat gelingen

«Delhi sagt, es müsse bestimmte Dinge mit Moskau machen, weil es in Indiens Interesse sei», führt Tanvi Madan vom US-Thinktank Brookings Institution bei «Bloomberg» aus. «Washington sagt, es müsse bestimmte Dinge mit [Pakistan] machen, weil das im Interesse der USA sei. Keiner mag, was der jeweils andere mit seinen Rivalen macht.»

Doch Premier Modi bleibt gar keine andere Chance, als zu versuchen, beide Seiten irgendwie zufriedenzustellen. «Solange der Handel und die Rüstungsgeschäfte relevant bleiben, werden die beiden Nationen einen Weg finden, ihre geopolitischen Differenzen auszuräumen», sagt Michael Kugelman mit Blick nach Russland, von dem sich Indien ausserdem einen besseren Zugang zu Afghanistan erhofft.

epa05948025 People in a cafe watch Russian anti-aircraft system S-400 during the rehearsal for a military parade in Moscow, Russia, 07 May 2017. The Victory Day parade on 09 May 2017 marks the 72th anniversary since the capitulation of Nazi Germany in World War II. EPA/MAXIM SHIPENKOV
Siegesparade: Besucher eines Moskauer Cafés lassen am 9. Mai 2017 S-400 an sich vorbeiziehen. 
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Trotzdem könnte Indien auch seine guten Beziehungen zu Washington weiter pflegen. «Die USA sind wahrscheinlich nicht glücklich über Indiens Entscheidung, russische Waffen zu kaufen», weiss Akhil Bery vom Asia Society Policy Institute. «Aber man wird abwarten, wie viele dieser Deals tatsächlich zustande kommen.» 

Dank des gemeinsamen Gegners China sei das Verhältnis der beiden Länder stärker denn je. Und der Handel war mit 146 Milliarden Dollar 2019 deutlich höher als der zwischen Indien und Russland. Etwaige Sanktionen gegen Indien nach einem S-400-Kauf könnte Präsident Joe Biden verhindern – was er angesichts der gemeinsamen Linie gegen China höchstwahrscheinlich auch tun wird.