«Die Ausbreitung der Killer-Roboter hat begonnen»

Von Philipp Dahm

5.6.2021

Paradigmenwechsel: eine Kamikaze-Drohne vom türkischen Typ SMT Kargu im Zielanflug.
Screenshot: YouTube

Zeitenwende in der Kriegsführung: Die UNO hat zum ersten Mal einen autonomen Angriff von Kampfdrohnen dokumentiert. Die türkischen Roboter seien mit «hoher Effektivität» in Libyen eingesetzt worden.

Von Philipp Dahm

5.6.2021

Gut ein Jahrzehnt ist es her, dass der Arabische Frühling Nordafrika und den Nahen Osten erfasst hat. Vom frischen Wind ist heute nicht viel geblieben. Wie ein Orkan hat die Bewegung eine Regionalmacht wie Ägypten zu einer Militärdiktatur alter Schule werden lassen, Syrien zertrümmert und auch Libyen in einen brutalen Stellvertreter-Bürgerkrieg gezwungen. Aussicht auf Besserung? Fehlanzeige.

Es passt, dass einer dieser Konfliktherde der Schauplatz eines militärischen Novums geworden ist, der gleichzeitig ein Tabubruch ist: In Libyen haben türkische Kampfdrohnen zum ersten Mal autonom Menschen angegriffen. Das zeigt ein aktueller Bericht der Vereinten Nationen  zu dem Konflikt, der nun schon seit sieben Jahren das Land verwüstet.

A Libyan militiaman from Zlitan scans the desert at a check point near the border of Bani Walid in Misrata, Libya, Sunday, July 15, 2012. Tensions between the National Army and the former Gadaffi stronghold of Bani Walid have eased following the release of kidnapped journalists Abdelkader Fusuk and Youssef Baadi. (AP Photo/Manu Brabo)
Ein Milizionär hält Ausschau in Libyen: Ein Ende des Konflikts ist nicht in Sicht.
Archivbild: KEYSTONE

Hier stehen sich auf der einen Seite der Warlord Chalifa Haftar mit der Libyschen Nationalen Armee (LNA) und auf der anderen Seite Fayiz as-Sarradsch gegenüber, der Ministerpräsident der Übergangsregierung ist. Diese wird von den USA, der EU und der UNO anerkannt und militärisch von Italien und der Türkei unterstützt. Haftar kann auf Hilfe von Russland, Saudi-Arabien, Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten zählen.

Türkische Drohnen greifen autonom an

Der Zeitenwechsel in Sachen Drohnen-Kriegsführung fand laut den Vereinten Nationen bereits am 27. März 2020 nach einer Offensive der Übergangsregierung statt. «Versorgungskonvois und [Haftar-Truppen] auf dem Rückzug wurden anschliessend gejagt und aus der Ferne mit unbemannten Kampf-Luftfahrzeugen oder tödlichen autonomen Waffensystemen wie STM Kargu-2 und Loitering-Munition angegriffen.»

«Fires and forget»: Ein Werbevideo für die türkische Kamikaze-Drohne Kargu, die mit verschiedenen Sprengköpfen bestückt werden kann.

Die Killer-Roboter aus türkischer Produktion waren laut dem Bericht so programmiert, dass sie Ziele attackiert haben, auch wenn keine Verbindung zu dem steuernden Piloten am Boden bestand. Sie haben eigenständig den Feind gefunden und auf ihn gefeuert, berichtet die UNO. Das hat es bisher in einem militärischen Konflikt noch nicht gegeben.

Auch wenn der Bericht keine Angaben zu Verletzten oder Toten macht, ist von «hoher Effektivität» der Drohnen und «signifikanten Verlusten» die Rede: «Die Truppen sind weder dafür ausgebildet noch motiviert, sich gegen den effektiven Gebrauch dieser neuen Technologie zu verteidigen und lösen sich meistens ungeordnet auf» – bevor sie dann von den Maschinen gestellt und erfolgreich bekämpft würden. Auch Flugabwehr-Panzer vom Typ Pantsir S-1 seien aus der Luft zerstört worden.

Ein Video vom März 2021: Kamikaze-Drohnen gelten als die Zukunft der Kriegsführung.

Zeitenwende

Auf welchem Level dieser Vorfall anzusiedeln ist, kann Max Tegmark gut einordnen. Der gebürtige Schwede ist Sohn eines amerikanischen Mathematikers und lehrt heute am Massachusetts Institute of Technology zum Thema Künstliche Intelligenz. Der 54-jährige Physiker schreibt auf Twitter, was er von der Entwicklung hält. 

«Die Ausbreitung der Killer-Roboter hat begonnen», warnt der Wissenschaftler. «Es ist nicht gerade im Interesse der Menschheit, dass billige Schlacht-Bots in Massen produziert und für jeden grosszügig verfügbar sind, der noch mit jemandem ein Hühnchen zu rupfen hat. Es wird höchste Zeit für die Anführer der Welt, hinzustehen und Position zu beziehen.»

Ins selbe Horn stösst Human Rights Watch: Die Organisation ist Mitinitiator der Kampagne für den Stop von Killer-Robotern. «Es gibt ernste Zweifel, ob vollkommen autonome Waffen die internationalen Menschenrechts-Standards erfüllen können, was die Regeln zur Unterscheidung, zur Verhältnismässigkeit und die militärische Notwendigkeit angeht, während sie das fundamentale Recht auf Leben und das Prinzip der menschlichen Würde bedrohen», lautet die Begründung.

Tödliche Technik-Tücken

Neben den grundsätzlichen Fragen gibt es technische Hürden, die eine «saubere Kriegsführung» mit solchen Killer-Drohnen verunmöglichen. Was passiert, wenn eine der Maschinen beschädigt wird und der Algorithmus versagt, der das Zielgebiet zuweist? Auch Navigationssysteme sind manipulierbar, wie ein Test gezeigt hat, bei dem 2019 der Autopilot eines Teslas von Hackern in den Gegenverkehr gesteuert wurde.

Auch Technologien wie die Gesichtserkennung, die bei solchen Drohnen zur Anwendung kommen dürfte, sind weit davon entfernt, fehlerfrei zu funktionieren. Während solche Software bei Weissen noch einigermassen zuverlässig ist, stellt sie beispielsweise für Menschen asiatischer Herkunft  ein ernstes Problem dar. Weiterhin wurden Berichte über Seifenspender, die bei Schwarzen nicht funktionieren, oder selbstfahrende Autos, die schwarze Fussgänger nicht erkennen, öffentlich.

Sam Harris' Ted-Vortrag «Können wir Künstliche Intelligenz aufbauen, ohne die Kontrolle darüber zu verlieren» (Englisch).

Einflussreiche Köpfe auf dem Gebiet warnen schon lange vor einer Büchse der Pandora, die die Menschheit da zu öffnen im Begriff ist. So wie der Neuro-Wissenschaftler und Philosoph Sam Harris. Oder Elon Musk: Einerseits investiert der Tesla-Gründer in Künstliche Intelligenz, andererseits hält er sie für gefährlicher als Kernwaffen: Er und 116 Forscher haben sich für einen Bann von Killer-Robotern ausgesprochen.

Erst der Anfang?

Die Vereinten Nationen haben 2018 versucht, Gespräche über eine Ächtung solcher Waffen in Gang zu bringen, doch allen voran Russland hat verhindert, dass eine entsprechende Konvention auch nur besprochen werden kann. Und auch im Weste gibt es diesbezüglich nichts Neues: Erst vor einem Monat hat das Weisse Haus seinen Verbündeten geraten, derlei Massnahmen abzuwehren.

Dabei wird die Technik in diesem Komplex immer preiswerter – und Kampfdrohnen sind tatsächlich heutzutage eine Massenware, die sich auch nichtstaatliche Akteure zunutze machen – etwa die Drogenkartelle in Südamerika.

Der amerikanische Drohnen-Experte Zachary Kallenborn warnt in diesem Zusammenhang auch vor Schwärmen autonomer Drohnen, die mit Bio- oder Chemie- in Massenvernichtungswaffen verwandelt werden könnten. Er nennt die Aktion in Libyen «ein neues Kapitel bei autonomen Waffen», eines, «in dem sie genutzt werden, um Menschen mit Künstlicher Intelligenz zu bekämpfen und zu töten».

Wohin die Reise gehen könnte, zeigt der Clip «Slaughterbots» – ein Horror-Kurzfilm von 2019. Der Film ist Fiktion, sieht aber irgendwie nach einer möglichen Realität von morgen aus, die man sich so eigentlich gar nicht ausmalen will.