Schweizer Exil-Iraner in Sorge

Frauen drohen «Gefängnis, Vergewaltigung, Tod»

Von Philipp Dahm

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Seit Tagen können Nilofar und Michael aus der Schweiz keine Verbindung in den Iran mehr herstellen. Die Sorge um ihre Verwandtschaft ist gross. Grösser ist nur die Wut auf das Regime in Teheran.

Von Philipp Dahm

29.9.2022

Das Ehepaar Nilofar und Michael (Namen geändert) leben in der Schweiz, doch in Gedanken sind sie im Iran. Jetzt noch mehr als sonst. Ihre Verwandten leben in einer der Millionenstädte, und die Sorge um ihre Sicherheit ist gross.

Seit Tagen haben sie nichts mehr von ihnen gehört, das Regime blockiert Social Media und Internet, um eine Ausweitung der schweren Unruhen zu verhindern, die das Land seit der Ermordung von Masha Amini erfasst hat. «Normalerweise habe ich jeden Tag Kontakt in den Iran», sagt Nilofar, «denn meine Mutter ist sehr alt.»

Um wen macht sie sich am meisten Sorgen? «Besonders um die jungen Leute. Es ist so brutal: Frauen werden an den Haaren gepackt. Es wird geschossen.» Auf die Frage, was die Frauen erwartet, die verhaftet werden, ruft Michael aus dem Hintergrund: «Gefängnis, Vergewaltigung, Tod.»

«Abgeführt und weggesperrt»

Nilofar selbst war schon seit einiger Zeit nicht mehr in ihrer alten Heimat. «Seit sechs Jahren engagiere ich mich auf Facebook, Twitter und Instagram», erklärt sie den Grund. «Ich schaue viele Nachrichten und schreibe meine Meinung. Seither habe ich Angst, in den Iran zu fahren.»

Wer einreise, werde peinlichst genau kontrolliert, so Nilofar: «Es gibt Leibesvisitationen, der Koffer und das Handy werden durchsucht. Wenn man als geborene Iranerin in den Iran fliegen möchte, braucht man neben dem Schweizer Pass unbedingt auch einen gültigen iranischen Reisepass. Um einen zu erhalten oder zu verlängern, muss man sich vorher beim Konsulat ein Dokument holen und unterschreiben, das besagt, dass man einverstanden ist mit dem Regime. Weil ich das nicht bin, verzichte ich auf Reisen in den Iran.»

«Ich habe einmal erlebt, wie die Leute behandelt werden», pflichtet Michael bei. «Ein junger Mann wollte am Flughafen seiner Schwester helfen, den Koffer zum Check-in zu tragen. Man hat ihn behindert. Als er sagte, er wolle seiner Schwester helfen, hat man ihn sofort abgeführt und weggesperrt.»

«Die Religionspolizei ahndet jede Kleinigkeit»

Die Religionspolizei ahnde «jede Kleinigkeit», so Michael: «Oft sind die Beanstandungen für uns banal.» Er berichtet von einem Spaziergang am Persischen Golf – an der iranischen Cote d’Azur. «Als wir vom Strand kamen, hatte meine Frau die Jeans etwas hochgerollt, weil wir durch den Sand liefen. Wir haben kaum den Strand verlassen, da kam die Polizei und hat meine Frau angefaucht, sie soll die Hose runterrollen und die Schuhe anziehen.»

Das töne nach Kleinigkeiten, aber es zeige, wie das Regime funktioniert, meint Michael. Das Land sei wunderschön, die Menschen wunderbar. «Aber sie haben Angst: Sie stehen einem brutalen Folter-Regime unbewaffnet gegenüber, das mit jeder und jedem machen kann, was es will. Es werden Mädchen ohne Grund von der Strasse geholt. Sie werden eingesperrt. Im besten Fall bekommen sie Prügel, im schlimmsten Fall werden sie vergewaltigt und verschwinden auf Nimmerwiedersehen.»

Buenos Aires am 27. September: Der Mord an Masha Amini ist selbst in Argentinien ein Thema.
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Keystone

Nilofars Mann war zwischen 2010 und 2017 siebenmal im Iran. «Als ich im Jahr 2010 das erste Mal in den Iran kam, bei den Geldwechseln auf der Strasse für einen Euro 12’800 Rial. Als ich 2017 das letzte Mal dort war, waren es schon 200’000 Rial.» Die Sanktionen würden nichts nutzen, sagt Michael: Der Mittelstand und die unteren Schichten würden am meisten darunter leiden. «Wohlhabende können sich alles besorgen – im Iran selbst wie auch ausserhalb.»

20 Prozent stehen hinter dem Regime

«Als Hassan Rouhani 2013 gewählt wurde, gab es im Volk eine grosse Hoffnung, dass das System toleranter wird», sagt Nilofar. «Es hat auch den Anschein gemacht, dass es moderater wird. Aber in den letzten fünf Jahren ist das Regime immer brutaler geworden. Es hat heute mit dem Volk nichts mehr zu tun.» Auch wenn natürlich nicht alle gegen das Regime sind.

«Man muss davon ausgehen, dass rund 20 Prozent hinter dem Regime stehen», schätzt Michael. «Es gibt ja auch einen riesigen Apparat mit vielen Sicherheits- und Polizeikräften sowie paramilitärischen Gruppen. Sie alle profitieren vom System der Mullahs. Sie helfen, gegen Geld das Regime an der Macht zu halten.»

Michael wünscht sich, dass der Westen mehr gegen die Stützen des Systems unternimmt. Dass Regime-Mitglieder und Kollaborateure ihre Kinder im Ausland studieren liessen oder ihr Geld dorthin verschieben können, ärgert ihn. «Es tut einem in der Seele weh, wenn man sieht, wie die Bevölkerung am Existenzminimum lebt.»

«Dazu müssten Millionen aufstehen»

Auch Nilofar wünscht sich eine härtere Haltung gegenüber Teheran. Auch von Bern: «Im Juli 2018 war der iranische Präsident Hassan Rohan zu Besuch in Bern. Ich habe das im Fernsehen verfolgt und mich sehr geärgert: Ich würde mir wünschen, dass die Schweiz mit dem Regime keine Verträge abschliesst.»

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Wenn man «mit solchen Leuten, mit Wladimir Putin oder Nicolas Maduro» Verträge abschliesse, stärke man die Macht dieser Diktaturen, ist sie sich sicher. Könnte das Regime denn über die neuen Unruhen stürzen? «Wenn diese Proteste in allen Städten zunehmen würden, wäre der Überwachungsstaat lahmgelegt», überlegt Michael.

Aber: «Dazu müssten Millionen aufstehen. Und wenn sich das Regime in den grossen Städten Teheran, Isfahan und Maschhad halten kann und die Leute sogar zurückdrängt, bricht der Widerstand schnell wieder zusammen. Es hängt von der Masse der Iraner ab.»