Die Hotspots England und Niederlande machen Hoffnung

tafi/dpa/AFP

29.7.2021

Wie der Premier, so seine Landsleute: Nicht nur Boris Johnson trinkt gerne ein kühles Bier.
Der britische Premierminister Boris Johnson hat gerade Grund zu feiern: Völlig unerwartet sinken in Grossbritannien die Corona-Zahlen deutlich.
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In den Niederlanden und in Grossbritannien sinkt die Anzahl der täglichen Neu-Infektionen mit dem Coronavirus gerade rapide. Fachleute rätseln über die Gründe.

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29.7.2021

Gerade noch waren Grossbritannien und die Niederlande Hotspots der Corona-Pandemie: Die Delta-Variante des Virus liess die täglichen Neu-Infektionen förmlich explodieren – trotz fortschreitender Impfkampagne. Doch seit einigen Tagen werden in den beiden Ländern deutlich weniger positive Tests registriert. Grossbritannien verzeichnet ein Minus von gut 30 Prozent im Vergleich zur Vorwoche, in den Niederlanden ging die Infektionsrate sogar um fast 50 Prozent zurück.

Gute Nachrichten sind selten im Kampf gegen das Coronavirus. Die vermeintliche Trendumkehr in Grossbritannien und in den Niederlanden bedeutet nicht gleich das Ende der Pandemie. Fachleute sind vor allem verblüfft. Worauf die Wende zurückzuführen ist und ob sie überhaupt von Dauer ist, bleibt rätselhaft. Zumal die Situationen in den beiden Ländern nicht vergleichbar sind.

«Pingdemic» in Grossbbritannien

In Grossbritannien spielt eine Vielzahl von Faktoren eine Rolle. Als mögliche Gründe gelten der Beginn der Schulferien, die hohe Zahl von Schülern in Selbstisolation in den Wochen vor den Ferien und das Ende der Fussball-Europameisterschaft, als viele Menschen gemeinsam in Pubs die Spiele schauten.

Allerdings gibt es auch die Befürchtung, dass sich weniger Menschen auf das Coronavirus testen lassen, um ihre Sommerferien nicht zu riskieren, und dass es eine hohe Dunkelziffer Infizierter gibt. Zudem stehe noch nicht fest, wie sich der Freedom Day am 19. Juli, das Ende aller Corona-Massnahmen in England, auf die Pandemie auswirkt.

Die Effekte würden erst in den nächsten Tagen sichtbar, wie Paul Hunter von der University of East Anglia der BBC sagte: «Die aktuellen Zahlen spiegeln natürlich noch nicht die Auswirkungen des Endes der Beschränkungen vom vergangenen Montag wieder.» Wenn er wetten würde, so Hunter weiter, würde er darauf setzen, dass die Effekte des Freedom Day nicht zu signifikanten Steigerungen der Infektionszahlen führen.

Laut «Spiegel» spielt in Grossbritannien auch die sogenannte «Pingdemic» eine Rolle. Die britische Corona-App hatte allein in der vergangenen Woche fast 690’000 enge Kontakte von Infizierten «gepingt», die sich daraufhin in Quarantäne begeben mussten. Dadurch könnten kurzfristig weitere Ausbrüche verhindert worden sein. Die Kehrseite ist allerdings, dass Umfragen zufolge vor allem jüngere und ungeimpfte Menschen die App deinstallierten. Die Kontaktverfolgung dürfte dadurch in Zukunft nicht einfacher werden.

Gegenmassnahmen in den Niederlanden wirken

In den Niederlanden waren Ende Juni fast alle Restriktionen aufgehoben worden. Innerhalb einer Woche stiegen die Infektionen um mehr als 500 Prozent an, in der Altersgruppe 18 bis 24 Jahre sogar um mehr als 850 Prozent. Die meisten Jugendlichen hatten sich Behördenangaben zufolge in Clubs und auf Partys angesteckt. Der Regierung in Den Haag blieb nichts anderes übrig, als die Lockerungen zurückzunehmen.

Experten sehen den aktuellen Rückgang daher in einem deutlichen Zusammenhang mit der Wiederverschärfung der Massnahmen am 10. Juli. Seitdem sind alle Diskotheken und Nachtclubs geschlossen, Gaststätten müssen um Mitternacht schliessen, und Festivals sind untersagt.

Die Experten weisen darauf hin, dass der übergrosse Teil der neuen Covid-Patienten nicht geimpft war. Dass mittlerweile gut 70 Prozent der etwa 17 Millionen Niederländer zumindest die erste Impfdosis bekommen haben, und mehr als 50 Prozent vollständig geimpft sind, könne die sinkenden Zahlen ebenfalls erklären.

Lage stabilisiert sich frühestens in der kommenden Woche

Einen weiteren Grund für den Rückgang sehen die Fachleute darin, dass in der vergangenen Woche 38 Prozent weniger Tests abgenommen worden sind. Sie räumen aber auch ein, dass der Anteil positiver Ergebnisse deutlich auf jetzt rund 13 Prozent gesunken sei.

Der rückläufige Trend bei den Infektionszahlen kommt derweil noch nicht in den niederländischen Spitälern an. In den vergangenen sieben Tagen verdoppelte sich die Zahl der Covid-Patienten im Vergleich zur Vorwoche. Premierminister Mark Rutte erwartet einen weiteren Anstieg bis nächste Woche und mahnt zur Vorsicht. «Dann wird erwartet, dass sich auch die Lage in den Krankenhäusern stabilisiert.»