Akzeptanz und Trauer – so macht der Zoo Zürich weiter

Jennifer Furer

6.7.2020 - 12:22

Nachdem es im Zoo Zürich zu einem tödlichen Tigerangriff kam, schloss dieser am Sonntag seine Türen. Am Montag pilgerten wieder zahlreiche Besucherinnen und Besucher in den Tierpark. Ein Augenschein.

Am Himmel über dem Zoo Zürich ziehen dichte graue Wolken vorbei. Immer wieder drückt der blaue Himmel durch. Es riecht nach Regen – und doch bleiben die Schauer aus.

Es scheint, als ob das Wetter das zum Ausdruck bringt, was die Mitarbeitenden und Besucherinnen des Tierparks heute fühlen. Zum einen ist da die Dunkelheit, das Betrübnis, das Leid. Man möchte sich zurückziehen, weinen und den tödlichen Zwischenfall vom Samstag, bei dem eine Tierpflegerin nach einer Tigerattacke starb, rückgängig machen.

Gleichzeitig herrscht das Bedürfnis nach Alltag, nach Freude, nach Unbekümmertheit. Der Lockdown hat den Zoo Zürich finanziell stark mitgenommen – und auch die Besucherinnen und Besucher sind froh, endlich wieder unbeschwert etwas zu unternehmen. Mit der Wiedereröffnung, der Präsentation der neuen Lewa-Savanne und des neuen Zoodirektors war der ersehnte Neustart in greifbarer Nähe.

Der Eingangsbereich des Zoos Zürich.
Keystone

Es ist 8 Uhr morgens. Noch finden sich wenige Menschen vor dem Eingang des Zoos ein – eine Handvoll Jahreskartenbesitzer und eine Familie mit zwei Kindern. Die Frau an den Eingangsschleusen begrüsst sie freundlich und hilft ihnen beim Einlass. Sie trägt einen Plexiglashelm zum Schutz vor dem Coronavirus. Der Mitarbeiterin ist der tragische Tod einer Kollegin nicht anzumerken – zumindest nicht äusserlich.

Nebenan platziert sich eine weitere Mitarbeitende hinter der Kassenscheibe auf ihren Stuhl. Auch für sie beginnt an diesem Morgen ein normaler Arbeitstag, an dem sie Tickets verkaufen und Menschen mit Zooplänen ausrüsten wird.

«Eine Erwachsene», sagt eine Frau.

«Macht 29 Franken», antwortet die Mitarbeiterin.

Nachdem die Besucherin ihr das Geld gegeben hat, meint die Mitarbeiterin: «Eigentlich dürfen Sie ohne Jahreskarte erst um 9 Uhr rein. Aber heute machen wir für Sie eine Ausnahme.» Zwinkernd fügt sie an: «Vielleicht bringt es Sie ja dazu, eine Jahreskarte zu kaufen.»

Im Zoo ist es ruhig. Man hört das Klopfen der Störche, das Gezwitscher der Vögel und das Plätschern des Wassers, in dem die Pelikane ihr morgendliches Bad nehmen. Tierpflegerinnen und Tierpfleger säubern die Anlagen und bereiten das Essen vor.

Auch im Löwengehege wirkt alles normal. Ein Pfleger in blauem T-Shirt putzt routiniert die Anlage. Die Tiere befinden sich noch im Innenbereich. Ein Beobachter würde kaum denken, dass es erst zwei Tage zuvor im wenige Hundert Meter entfernten Tigergehege zu einem tödlichen Angriff auf eine Pflegerin kam.

Eine 55-jährige Tierpflegerin ist am Samstagnachmittag von Tigerweibchen Irina angefallen und getötet worden.
Zoo Zürich

Noch ist unklar, wie es zum Zusammentreffen der Pflegerin und der Tigerdame kam – ein Missverständnis? Ein defektes Türsystem? Alles Spekulationen. Auf eines lässt aber die Szene im Löwengehege schliessen: Die Tierpfleger scheinen Vertrauen in die Abläufe und die Infrastruktur des Zoos zu haben.

Das stellt auch ein Mann fest, der den Tierpfleger im Löwengehege beobachtet. «Wissen Sie», sagt er, «es ist unglaublich tragisch, was passiert ist.» Es werde einem wieder bewusst gemacht, dass auch Tiere im Zoo ihre Instinkte nicht verloren haben und fähig sind, Menschen zu töten. «Das ist die Natur, die wir akzeptieren müssen. Es bleibt uns deshalb nichts anderes übrig, als irgendwie weiterzumachen.»

Dies sei auch der Grund, warum er heute in den Zoo gekommen ist, sagt der Jahreskarteninhaber. «Es ist dem Zoo und seinen Mitarbeitenden nicht gedient, wenn jetzt die Besucher ausbleiben – im Gegenteil.» Man müsse aber mit der nötigen Pietät in die Normalität zurückkehren.

Pietät hat der Zoo Zürich gezeigt, indem er am Sonntag seine Türen geschlossen hatte. Und auch am Montag blieb das Areal rund um die Tigeranlage gesperrt. «Wegen eines tragischen Vorfalls bleibt dieser Bereich heute geschlossen», steht auf den Schildern geschrieben, die an den Absperrungen befestigt sind.

Der Bereich rund um das Tigergehege ist auch am Montag gesperrt.
Jennifer Furer

Die Besucherinnen und Besucher scheinen die Pietät grösstenteils zu gewähren. Einige laufen zwar neben dem Gehege durch, sagen Sachen wie «Vielleicht sieht man ja noch etwas», die meisten meiden den Bereich aber. «Gaffen ist jetzt nicht angebracht», sagt ein Besucher. Er könne auch nicht verstehen, wenn man heute deshalb extra in den Zoo fährt.

Zeit, um zu trauern

Eine Frau neben ihm nickt zustimmend. Sie sei heute in den Zoo gekommen, weil ihre Enkel einen Jokertag genommen hätten. Der Besuch sei schon lange geplant, eine Absage nicht infrage gekommen.

Sie habe es aber begrüsst, dass der Zoo für einen Tag Pause gemacht hat. «Nach solch einem Ereignis darf man auch mal verschnaufen, trauern und den Angehörigen zeigen, dass es nach dem Unglück nicht einfach weiter geht wie bisher.»

Trotzdem sei es richtig, jetzt weiterzumachen, sagt die Frau – «es ist das Einzige, was eine gewisse Normalität zulässt».

Im Zoo Zürich ist es mittlerweile Mittag. Die Sonne drückt langsam durch und verdrängt die grauen Wolken. Vor dem Zoo bildet sich eine lange Schlange, im Innern spielen Kinder, Schulklassen marschieren zur Masoala-Halle und Familien halten ihr Picknick.

Bei den Besucherinnen und Besuchern scheint sich die Normalität zu erstrecken. Und auch bei den Mitarbeitenden sieht es so aus, als ob der Alltag eingekehrt ist – zumindest äusserlich. Doch der Vorfall hinterlässt Spuren – innerlich, fernab des Zoo-Alltags, bei den Involvierten, den Angehörigen, den Zeuginnen und den Mitarbeitenden.

Zurück zur Startseite