«Der Blick nach Deutschland macht schon Angst»

Von Philipp Dahm

19.5.2021

Die Basler Synagoge, die Grosse Synagoge, das Versammlungs- und Gotteshaus der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB), fotografiert in Basel am Dienstag, 4. Dezember 2018. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)
Grosse Synagoge in Basel: Die jüdischen Gemeinden  in der Schweiz sind vorsichtig, doch die Situation ist besser als in Grossbritannien, Deutschland oder Frankreich.
Bild: KEYSTONE

Nachdem der Nahost-Konflikt in Europa zu antisemitischen Zwischenfällen geführt hat, sind die jüdischen Gemeinden in der Schweiz zwar wachsamer – doch die Lage ist hierzulande besser. Warum, erklären sie hier.

Von Philipp Dahm

19.5.2021

Mit dem Konflikt im Nahen Osten ist in Europa auch der Antisemitismus wieder aufgeflammt. Und die Brennpunkte sind dort, wo grosse muslimische Minderheiten gibt.

In London ziehen Demonstranten durch jüdische Viertel und fordern dazu auf, die Töchter der dort Lebenden zu vergewaltigen: «Tut es für die armen Kinder von Gaza», pöbelt die Menge. Zwei Personen sind in dem Zusammenhang mittlerweile festgenommen worden, berichtet «BBC». Auch aus Wien und Paris wurden Zwischenfälle gemeldet, ergänzt die «New York Times».

Der neue Rabbiner der Juedischen Gemeinde Bern, der Norweger Michael Kohn, links, und sein Vater Ervin, tragen die Kippa, die traditionelle Kopfbedeckung maennlicher Juden, mit dem Logo des Berner Fussballclubs BSC Young Boys versehen, am Sonntag, 5. Mai 2019 in der Synagoge in Bern kurz vor seiner feierlichen Inauguration. Michael Kohn ist Fussballfan und hat die YB-Kippas in Israel herstellen lassen. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)
Der neue Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Bern, der Norweger Michael Kohn, links, und sein Vater Ervin, tragen die Kippa mit dem Logo des Berner Fussballclubs BSC Young Boys, am Sonntag, 5. Mai 2019 in der Synagoge in Bern kurz vor seiner feierlichen Inauguration. (Symbolbild)
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Zu antisemitischer Hetze ist es auch bei Demonstrationen in Deutschland gekommen: Obwohl die Regierungen in London und Berlin versichern, die Täter hart zu bestrafen, dürften derlei Vorfälle nicht die letzten dieser Art gewesen sein – ganz abgesehen von Ausgrenzungen im Alltag, von denen wir nicht aus der Presse, sondern nur aus den sozialen Medien erfahren.

Wer am vergangenen Wochenende die Grosse Synagoge in Basel besucht hat, könnte sich gefragt haben, ob diese Antisemitismus-Welle auch in die Schweiz überschwappt: Besucher der Israelitischen Gemeinde mussten nach einem Gottesdienst eine Viertelstunde ausharren, weil zwei Verdächtige kontrolliert wurden, berichtet das Magazin tachles.

Natürlich vorsichtiger

Muss sich die Schweiz um ihre jüdischen Mitbürger*innen Sorgen machen? «Ich wüsste nicht, dass es einen konkreten Vorfall gab», sagt Bernhard Korolnik von der Israelitische Religionsgesellschaft Zürich. «Ich kann aber nur für meine Gemeinde sprechen, nicht für die ganze Schweiz oder Europa. An anderen Orten sieht das anders aus.»

Doch auch wenn es keine verbalen oder gar tätlichen Angriffe gegeben hat, ist Korolnik nicht unbedarft: «Wir sind vorsichtiger und halten die Augen doppelt und dreifach offen.«Die Zusammenarbeit mit den Behörden sei «ausgezeichnet», lobt der Anwalt. Ins selbe Horn stösst Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes: «Der Kontakt zu den Behörden ist eigentlich immer gut. Wir fühlen uns ernst genommen.»

Das sei aber auch nichts Neues: «Es ist ja leider traurige Realität, dass wir – nicht erst seit gestern – mehr Sicherheit benötigen.» Geändert habe sich das Sicherheitsgefühl der Gemeinde nicht, sagt Kreutner: «Wir sind als jüdische Gemeinschaft aber verstärkt aufmerksam und alarmiert. Natürlich ist man in einer Situation, in der in Israel so ein Konflikt herrscht oder wenn man sieht, was in Deutschland passiert, auch ein bisschen vorsichtiger.»

Warum es in der Schweiz anders läuft

Die Kontrolle in Basel sei in dem Zusammenhang «Routinemassnahme»: «Das macht man immer. Insofern sind die Massnahmen auch dieselben wie immer, aber gleichzeitig ist man natürlich schon aufmerksamer.» Im Vergleich stehe die Schweiz aber noch gut da: «Der Blick nach Deutschland macht einem schon ein bisschen Angst.»

Kreutner konkret: »Dass Leute nicht differenzieren zwischen dem Konflikt im Nahen Osten und jüdischem Leben in Deutschland und jüdischen Menschen dort den Tod wünschen, ist erschreckend. Diese Juden haben keinen Einfluss auf diesen Konflikt und können nichts ausrichten. Sie werden in Geiselhaft genommen, weil sie Freunde und Familie in Israel haben. Sie werden auf übelste Art mit Antisemitismus eingedeckt und Synagogen werden angegriffen. Das ist wirklich sehr bedenklich.»

Warum funktioniert das Zusammenleben der Konfessionen hierzulande so viel besser? «In der Schweiz haben wir schon vor langer Zeit zum Dialog zwischen Juden und Muslimen aufgerufen», erklärt sich Kreutner die Unterschiede. «Wir wollen nicht, dass der Konflikt im Nahen Osten unsere Beziehungen stört. Glücklicherweise gab es bisher keine Ausfälligkeiten, glücklicherweise wurde die Beziehung bisher nicht überschattet und wir wollen auch nicht, dass das hier passiert – und dafür werden wir uns auch einsetzen.»