Fitnessstudios und Beizen

Die Superspreader-Orte sind theoretisch klar, praktisch fehlen in der Schweiz aber die Belege

Von Julia Käser

12.11.2020

Für Fitnessstudios und Gruppenfitness-Räume gibt es in der Schweiz seit Ende Oktober Personenbeschränkungen. 
Bild: Keystone

Laut einer neuen US-Studie ist die Gefahr in Fitnessstudios und Restaurants besonders gross, sich mit dem Coronavirus anzustecken. In der Schweiz gibt es nach wie vor zu wenig Daten über mögliche Superspreader-Orte. 

Restaurants, Cafés und Fitnessstudios: Hier kommt es laut einer neuen US-Studie zu den meisten Ansteckungen mit dem Coronavirus. Das zuständige Forscherteam der Universität Stanford analysierte anhand von Handydaten, wo sich Menschen tagsüber bewegen, wie vielen anderen Menschen sie dabei begegnen und wie viel Zeit sie an den verschiedenen Orten verbringen. 

Insgesamt untersuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das Verhalten von rund 98 Millionen Menschen in 10 amerikanischen Metropolregionen zwischen März und Mai. Mithilfe eines Computermodells kamen sie zum Ergebnis, dass überall dort die meisten Infektionen erfolgen, wo sich mehrere Menschen über längere Zeit in geschlossenen Räumen aufhalten. 

Solche Daten fehlen für die Schweiz. Anfang August publizierte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) auf Anfrage von SRF zwar Zahlen zu den häufigsten Ansteckungsorten. Damit heimste sich die Behörde aber in erster Linie Kritik ein.

Keine Zahlen zu Ansteckungsorten in der Schweiz

Einerseits musste das BAG die Zahlen im Nachhinein korrigieren. Die Daten waren falsch zugeordnet worden. Andererseits wurde klar: Zahlreiche Ansteckungsorte bleiben im Dunkeln. In knapp 40 Prozent der vom BAG aufgeführten Fälle fehlten Angaben zur Ansteckungsquelle. Über ein Viertel der Infektionen liess sich auf das familiäre Umfeld zurückführen.

Heisst: Wo sich Menschen ausserhalb der Familie mit dem Coronavirus anstecken, bleibt häufig ungewiss. Genau das könnte der Schweiz im Hinblick auf die zweite Welle zum Verhängnis geworden sein. Denn noch im Sommer sagte Martin Ackermann, Leiter der Corona-Taskforce des Bundes, um eine solche zu verhindern, müsse man zwingend mehr über die Ansteckungsorte in Erfahrung bringen. 

An der unzureichenden Datenlage scheint sich nicht viel geändert zu haben. Auf Anfrage von «blue News» heisst es beim BAG: «Wir haben derzeit keine ausreichenden Daten, um eine solche Klassifikation zu machen.» Aktuell seien alle Orte von vermehrten Ansteckungen betroffen, an denen die Hygiene- und Distanzregeln nicht eingehalten würden, so ein Sprecher. 

Reduktion der Besucherzahl verhindert viele Ansteckungen

Vor allem den Distanzregeln kommt auch in der US-Studie eine grosse Bedeutung zu. Das Forscherteam zeigt, dass sich das Infektionsrisiko an sogenannten Superspreader-Orten wie Fitnessstudios und Restaurants um 80 Prozent verringert, wenn die maximale Besucherzahl um 20 Prozent reduziert wird. 

Immerhin: An diesem Punkt setzen die neuen Massnahmen an, die der Bundesrat am 28. Oktober verordnet hat. So dürfen in Restaurants nicht mehr als vier Personen an einem Tisch sitzen, die einzige Ausnahme bilden Familien mit Kindern. 

In Fitnesstudios dürfen gemäss dem Schutzkonzept des Schweizerischen Fitness- und Gesundheitscenter-Verbands (SFGV) pro Trainingsraum noch maximal 50 Personen gleichzeitig anwesend sein – sofern pro Person 15 Quadratmeter zur Verfügung stehen oder die Geräte mit Abschrankungen zwischen den einzelnen Personen abgetrennt sind.

Weitgehender Lockdown in der Westschweiz

Für Gruppenfitness-Räume gilt eine Beschränkung von 15 Personen – sofern pro Person 4 Quadratmeter zur Verfügung stehen und keine erhebliche körperliche Anstrengung damit verbunden ist. Zudem muss eine ausreichende Lüftung vorhanden sein.

Einzelne Kantone gehen weiter als der Bund. Genf, Waadt, Fribourg, Jura und Neuenburg haben allesamt einen weitgehenden Lockdown beschlossen. Unter anderem bleiben Restaurants, Cafés und Fitnesszentren  bis Ende Monat geschlossen. 

Gestützt auf die Computermodelle der Stanford-Forscher ist davon auszugehen, dass durch all diese Massnahmen die Infektionen zumindest an diesen Orten weitgehend eingedämmt werden können. Das ändert aber nichts daran, dass sich die Schweiz punkto Ansteckungsorte weiterhin in einem Blindflug befindet. 

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