«Euch sollte man alle einsperren»

Von Philipp Dahm aus Alpthal und Oberarth

10.11.2021

Impfbus im Kanton Schwyz: «Euch sollte man alle einsperren»

Impfbus im Kanton Schwyz: «Euch sollte man alle einsperren»

Ein Streifzug von Alpthal, wo der Impfbus unerwünscht ist, bis nach Oberarth. Auf der einen Seite wird das Angebot zaghaft angenommen, auf der anderen Seite bricht sich bizarre Wut Bahn.

10.11.2021

Ein Streifzug von Alpthal, wo der Impfbus unerwünscht ist, bis nach Oberarth: Auf der einen Seite wird das Angebot zaghaft angenommen, auf der anderen Seite bricht sich bizarre Wut Bahn. Eine Reportage.

Von Philipp Dahm aus Alpthal und Oberarth

10.11.2021

Alpthal am späten Dienstagmorgen. Es ist beschaulich, die beiden örtlichen Beizen sind geschlossen. Auf besonnter Wiese grasen Schafe und Lamas, doch Menschen verlieren sich auf dem Trottoir nur wenige. Der Parkplatz vor der Dorfkirche von 1887 ist so gut wie leer. Wie viele wohl gekommen wären, wenn der Impfbus hier heute Halt hätte machen können?

Es ist Tag zwei der Impfwoche in der Schweiz, und im Kanton Schwyz hat die Kampagne tatsächlich Potenzial – zumindest auf dem Papier: Die Quote vollständig Geschützter ist mit 56,3 Prozent durchaus ausbaufähig. Was bewegt wohl das malerische Alpthal, das mobile Angebot so nonchalant auszubremsen?

Impfquote nach Kantonen: Schwyz liegt am 8. November bei 56,3 Prozent. Ausserdem hellgrün: TG (58 Prozent vollständig geimpft), Appenzell-Ausserhoden (57.4 Prozent) und Appenzell-Innerhoden (53.3 Prozent).
Grafik BAG

Beantworten könnte das der Präsident des Gemeinderats, aber Adelbert Inderbitzin hat genug vom Rummel um sein Dorf und den Impfbus. Er wolle das nicht weiter aufbauschen, bekundet er, während im Hintergrund die Kühe muhen. Auf den Strassen ist kaum Volk unterwegs – wohl aber eine Reporterin des Hamburger Magazins «Der Spiegel». Wenn Inderbitzin das wüsste.

Was sich der Präsident gedacht haben könnte, lässt ein freundlicher Senior erahnen, der schon seit Jahrzehnten in Alpthal lebt – siehe Video. 

Die Quintessenz ist quasi: Das kostet bloss Geld. Wir brauchen das nicht. Und hier wird sich auch noch die Hand gegeben.

Hier: Leben und leben lassen

Mit dem dem Gespräch endet auch die Schule. Ein schönes altes Haus, das mit allerlei Sinnsprüchen in Frakturschrift versehen ist. Es steht gleich neben dem Friedhof der Dorfkirche, hinter denen ein Bach gurgelt. Die Kinder verstreuen sich in alle Winde. Es wird wohl der grösste Menschenauflauf sein, den Alpthal an diesem Tag sieht.

Gegen das «Dauerimpfen»: Plakat im Kanton Schwyz.
Bild: blue News

Was hätte sein können, sieht man in Oberarth unweit des Zugersees: Kaum hat sich dort der Impfbus am Rande des Sportgeländes einer Schule platziert, rollt auch schon ein Pärchen mit dem Auto an, das sich impfen lässt: Die beiden haben das Gefährt offenbar als Gelegenheit genutzt, um das Thema Impfung ein für allemal zu erledigen – siehe Video.

Nur tröpchenweise kleckern weitere Interessierte heran. Reden wollen sie über die Impfung kaum – vor allem nicht vor der Kamera. Vor Ort zeigt sich Sozialarbeiterin Janine Zehnder mit dem zufrieden, was sie in der Impfwoche bisher erreicht haben. Dass Alpthal ihnen eine Abfuhr erteilt hat, kommentieren sie gelassen. Leben und leben lassen, könnte man zusammenfassen.

Dort: «Alles Nazi-Methoden»

Doch in Oberarth, wo sich der Himmel zugezogen und Kälte auf die Hügel gelegt hat, denken nicht alle so. Nicht lange nachdem der Impfbus installiert ist, kommt ein Autolenker die langgebogene Kurve herunter gefahren, um zu wenden und dabei zwei mal laut herauszuschreien: «Euch sollte man alle einsperren!!!» Dann braust er er davon in die Richtung, aus der er gekommen ist.

Pöbeln gegen den Impfbus: Dieser Fahrer meinte, lautstark seine Meinung herausbrüllen zu müssen.
Bild: blue News

An anderer Stelle ruft ein Passant vom Trottoir vis-a-vis erregt herüber: «Das sind alles Nazi-Methoden!» Die Szene ist surreal, wenn man sich umsieht – und da vor allem Frauen ruhig und ernsthaft Menschen beraten, die freiwillig gekommen sind. Solche Aktionen beachten sie mit einem Kopfschütteln – oder gar nicht. Auch zwei Frauen, die mit ihren Hunden unterwegs sind, haben diese Szenen neugierig beäugt.

Verständnis haben sie für so was einerseits nicht, doch andererseits halten sie nicht ohne Häme fest, dass so viel ja nicht los sei beim Impfbus. Das Angebot selbst finden sie nicht gut: Es koste immerhin ihre Steuergelder. Sie seien nicht geimpft: Das Gift gebe sie sich nicht, sagt die eine. Und lachend fügt sie an, dass so zumindest bald «viel Platz im Land» sei.

Schwyz ist schön, urchig und auch schräg. Wer hier in der Impfwoche im November aufklären will, muss sich warm anziehen und braucht nicht nur ein dickes Fell, sondern vor allem auch einen langen Atem.