Die Schweizer Zucker-Bauern leiden bitter

#Von Lia Pescatore

3.5.2021

Früher als «Weisses Gold» bezeichnet, kämpft der Schweizer Zucker heute um seine Rentabilität, unter anderem weil Schädlingsbefall wie auf diesem Feld zu Ernteausfällen führt.
Früher als «Weisses Gold» bezeichnet, kämpft der Schweizer Zucker heute um seine Rentabilität, unter anderem weil Schädlingsbefall wie auf diesem Feld zu Ernteausfällen führt.
Keystone/Laurent Gillieron

Diesen Montag diskutiert der Nationalrat darüber, inwieweit die Schweizer Zuckerproduktion ab nächstem Jahr gefördert werden soll. Betroffen davon sind die Bauern, aber auch die Fabriken. Sie fürchten um die Zukunft der Marke «Schweizer Zucker».

#Von Lia Pescatore

3.5.2021

Silvan Ziegler ist seit seiner Kindheit mit den Zuckerrüben verbunden. Schon sein Vater pflanzte die Kultur an, und er half als Bub tatkräftig beim Anbau mit. Damals war es noch nötig, die Hälfte der kleinen Pflänzchen nach kurzer Zeit wieder auszurupfen, denn man musste doppelt so viel und so eng ansähen, um den Ertrag zu sichern. Als «traumatisch» umschreibt Ziegler die Erfahrungen aus Kindheitstagen, lacht aber dabei. Er möge die Pflanze halt irgendwie bis heute.

Seit sein Vater den Bauernhof geführt hat, hat sich im Zuckerrüben-Anbau einiges getan. Wo in der letzten Generation noch jeder Bauer einzeln seine paar Tonnen Rüben in die rund 25 Kilometer entfernte Zuckerfabrik in Frauenfeld gefahren hat, wird heute regional abtransportiert. «Die Handarbeit ist mit den Jahren weniger geworden und dank der Pflanzenschutzmittel sind die Erträge sehr stabil», sagt Ziegler. Wenig Aufwand, viel Ertrag, die Zuckerrüben waren zeitweise ein sehr gutes Geschäft.

Westschweiz besonders betroffen

Doch in den letzten Jahren litt die Attraktivität: Das Verbot des Pflanzenschutzmittels Gaucho im Jahr 2019 führte zu grossen Ernteausfällen, besonders die Westschweiz war stark betroffen: Bis zu 50 Prozent weniger Ertrag konnte auf den welschen Feldern wegen Schädlingsbefalls erzielt werden, zudem sank der durchschnittliche Zuckergehalt der Pflanzen.

Nicht nur die Ernte litt in den vergangenen Jahren, auch der Zuckerpreis geriet immer mehr unter Druck. 2017 hob die EU die Exportbeschränkung auf und löste eine Überproduktionswelle aus. Dies hatte auch Auswirkungen auf den Schweizer Markt, denn der Zuckerpreis orientiert sich gemäss dem bilateralen Abkommen direkt an dem der EU. Die beiden Schweizer Zuckermühlen, die von der Schweizer Zucker AG betrieben werden, verzeichneten Verluste in Millionenhöhe, die Zukunft der Marke «Schweizer Zucker» war nicht mehr gesichert.

Um den Abwärtsstrudel aufzuhalten, schnürte der Bundesrat 2019 ein Massnahmenpaket: Als Kompensation für die Ernteausfälle der Bauern erhöhte er die Flächenbeiträge für Zuckerrübenfelder temporär um 300 Franken pro Hektar und Jahr. Zusätzlich führte er einen Grenzschutz ein, um den Einfluss des Imports auf den Schweizer Zuckerpreis abzudämpfen, 70 Franken Mindestzölle müssen seither pro Tonne ausländischen Zuckers gezahlt werden.

Parlament muss über die Zukunft entscheiden

Doch die Tage dieses Pakets sind gezählt, Ende Jahr läuft es aus. Diesen Montag diskutiert der Nationalrat in der Sondersession über Ansätze, wie die Zukunft des Schweizer Zuckers gesichert werden kann.

Sondersession im Nationalrat

Die grosse Kammer kommt heute Montag  zur Sondersession zusammen, die bis am Mittwoch andauert. Behandelt wird neben dem Zucker-Massnahmenpaket unter anderem die Organspende, die Auswertung der Handys von Asylsuchenden und die Versicherungsaufsicht.

Die Nationalratskommission für Wirtschaft und Abgaben will den Grenzschutz zwar beibehalten, jedoch die individuellen Flächenbeiträge senken. Um Anreize für einen ökologischeren Anbau zu setzen, sollen für Bio-Anbau 700 und für IP-Suisse-Anbau 500 Franken mehr rausspringen, während die konventionellen Betriebe 600 Franken weniger erhalten sollen.

Bauer Silvan Ziegler kontrolliert seine Zuckerrübensprösslinge auf Schädlingsbefall.
Bauer Silvan Ziegler kontrolliert seine Zuckerrübensprösslinge auf Blattlaus-Befall. Bis die Rüben geerntet werden können, vergehen noch mindestens acht Monate.
Lia Pescatore

Auch Bauer Ziegler wäre von der Reduktion betroffen, da er einen konventionellen Betrieb führt. Zurzeit hat er auf 7,5 Hektaren Zuckerrüben angebaut, pro Hektar verdiene er circa 5700 Franken pro Jahr, die 2100 Franken Förderungsgeld inklusive. Auf die Frage, ob er selbst bei Annahme der Motion weiterhin Zuckerrüben anbauen würde, muss Ziegler nicht lange studieren. «Die Zuckerrübe wäre für meinen Betrieb nach wie vor lukrativer, als zum Beispiel auf Weizen umzusteigen», sagt er.

Er profitiert von den idealen Verhältnissen und den schweren Böden auf seinem Betrieb, auch der Pilzbefall im Herbst ist geringer, dank der höheren Lage. Das wirkt sich auf den Ertrag aus: Dieser ist teilweise um einen Fünftel grösser als in anderen Regionen.

Schweizweit gesehen würde die Rechnung des Motionsantrags aber nicht aufgehen, sagt Ziegler, der sich auch im Vorstand der Schweizer Zuckerrüben-Bauern engagiert: «81 Prozent der Zuckerrüben-Bauern pflanzen momentan konventionell an und würden darum weniger Geld bekommen.»

Viele dieser Bauern seien schon jetzt am Anschlag, denn ein Grossteil der Zuckerrüben wird in der Westschweiz angebaut, die von den Schädlingen besonders betroffen ist. «Diese 600 Franken weniger könnten für einige der ausschlaggebende Grund sein, um auf eine andere Kultur umzusteigen», vermutet Ziegler. Er spricht sich darum für den Minderheitsantrag aus, der die Flächenbeiträge für Bio- und IP-Suisse-Anbau nur um 200 Franken erhöhen und den Beitrag für konventionelle Betriebe unverändert lassen will.

Intensive Forschung nach resistenten Sorten

Auch die Schweizer Zucker AG befürchtet, dass durch die Reduktion der Beiträge Flächen wegfallen könnten. «Die Umsetzung des Mehrheitsantrags würde mittelfristig die Schliessung einer der Fabriken und somit die Einstellung der Schweizer Zuckerproduktion bedeuten», sagt Andreas Blank, Verwaltungsratspräsident. Eine unabhängige Studie zeige, dass die Produktion mit nur einer Fabrik nicht rentabel sei. Das Ende der inländischen Herstellung sei nicht nur im Hinblick der Selbstversorgung ein Problem. «Der Importzucker ist nachweislich weniger nachhaltig als Schweizer Zucker», sagt Blank.

Für Bauer Ziegler ist klar, dass die Gelder allein nicht reichen werden, um genug Bauern bei der Stange zu halten, die Schädlingsbefälle seien zu massiv. Er fordert eine Ausnahmebewilligung für das Pflanzenschutzmittel Gaucho. Auch in Deutschland sei die Nutzung des Mittels teilweise wieder erlaubt worden, weil die Konsequenzen des Verbots nicht tragbar waren.

Ansonsten müsse man auf resistente Sorten warten, «aber bis die gezüchtet sind, dauert es Jahre», sagt er. Nicht nur der Verband arbeitet darum bereits auf Hochdruck an der Erforschung von neuen Sorten, auch die Schweizer Zucker AG hat in Zusammenarbeit mit Agroscope ihre Bemühungen in diesem Bereich intensiviert.

Es kann aber gut sein, dass die Schädlinge aus der Westschweiz schneller sind und vor der Einführung einer resistenten Sorte die Ostschweiz und auch Zieglers Felder erreichen. Dann müsste auch er sich gut überlegen, ob sich der Anbau der Zuckerrübe, die er doch so mag, für seinen Betrieb noch rentiert.