Walliser sollen unbedingt in ihren Häusern bleiben

Von Andreas Fischer

29.1.2021

Une coulee de neige, avalanche, est photographiee dans les vignes a Saxe, sur la commune de Fully ce jeudi 28 janvier 2021. Le degre de danger est passe a 4 sur tout le Valais romand et le Chablais vaudois, une situation assez rare. (KEYSTONE/Laurent Gillieron)
Grosse Lawinenabgänge wie in Fully VS am 28. Januar 2021 sind derzeit in weiten Teilen der Alpen möglich.
KEYSTONE/Laurent Gillieron

Die Behörden im Wallis warnen vor dem Aufenthalt im Freien: Im Kanton herrscht akute Lawinengefahr. Ein Experte erklärt, wie kritisch die Situation in weiten Teilen der Alpen derzeit ist. 

Starker Wind und viel Niederschlag: In vielen Teilen der Schweiz ist die Lawinengefahr derzeit gross. Im Wallis galt bis heute früh sogar die höchste Gefahrenstufe 5 («Ausserordentliche Lawinensituation»). Das WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) hat sie im Lawinenbulletin am Freitag zwar auf Stufe 4 («Sehr kritische Lawinensituation») zurückgesetzt, die Gefahr bleibt aber gross, wie Lawinen-Prognostiker Lukas Dürr im Gespräch mit «blue News» warnt.

«Die Rücknahme der Stufe 5 hat zum einen mit der Abnahme der Lawinenaktivität zu tun. Ursächlich dafür ist die weniger hohe Intensität der Niederschläge zuletzt. Zudem sinken die Temperaturen nach und nach. Das ist positiv, weil sich die Schneedecke stabilisieren kann», so Dürr.

Walliser Behörden: «Bleiben Sie zu Hause»

Gebannt sei die Gefahr noch nicht, eine Entwarnung könne «überhaupt nicht» gegeben werden. «Die Stufe 4 ist immer noch die zweithöchste Stufe der Skala. Es sind noch immer spontane Lawinen zu erwarten. Die können sehr gross werden und bis in die Täler vorstossen.» Extrem grosse Lawinen würden die Experten am SLF aber nur noch «sehr vereinzelt» erwarten.



Im Kanton Wallis hatte die Kantonspolizei die Bevölkerung am Donnerstag aufgerufen, wegen drohender Lawinen bis in Siedlungen hinein in den Häusern zu bleiben. Die Bewegungen im Freien sollten eingeschränkt und die Beschilderungen beachtet werden. Von Lawinenzonen ist sich fernzuhalten: «Selbst wenn bereits Lawinen abgegangen sind, könnten weitere folgen und diejenigen überraschen, die nicht vorsichtig genug sind», heisst es im behördlichen Warnhinweis.

Die Warnung hatte in einer aktualisierten Fassung am Freitag Nachmittag Bestand. Zumal am Wochenende im Wallis weiterhin Schnee bis in tiefere Lagen fällt, wie die Wetterdienste am Morgen mitteilten.

Lebensgefahr abseits gesicherter Gebiete

Es gilt, weiter aufmerksam und vorsichtig zu sein, sagt auch Lukas Dürr. «Wenn man keine Erfahrungen hat, sollte man in den Gebieten mit Gefahrenstufe 4 auf jeden Fall im gesicherten Gebiet bleiben. Dies gilt auch für tiefer gelegene und bewaldete Gebiete. Dort drohen Nassschnee-Lawinen», empfiehlt Dürr angesichts der derzeitigen kritischen Situation in weiten Teilen der Alpen. «Wer nicht über sehr viel Erfahrung verfügt, sollte im Moment auch auf Schneesport abseits der gesicherten Pisten verzichten.»

Im Bereich Infrastruktur wurden im Wallis und andernorts bereits Massnahmen ergriffen, etwa Strassen und Teile von Skigebieten gesperrt. Der Lawinenexperte warnt: «Es ist sehr wichtig, dass alle diese Massnahmen strikt befolgen. Wer sich in abgesperrte Zonen begibt, riskiert nicht nur schwere Unfälle, sondern auch sein Leben.»

GRAFIK --- Erklaergrafik: Verhaltens-Tipps bei einer Lawine (90 x 114 mm hoch) vom Montag, 07. Dezember 2020 (KEYSTONE/Gerhard Riezler)

Entspannung Anfang nächster Woche

Weil auf Sonntag die Niederschläge etwas nachlassen sollen und die Schneedecke dadurch Zeit hat, sich zu stabilisieren, geht Dürr davon aus, dass sich die Lawinensituation in den nächsten Tagen etwas entspannt. «Ob das allerdings morgen schon der Fall ist, das können wir noch nicht mit Sicherheit sagen. Es ist gut möglich, dass die Gefahrenstufe 4 aufrechterhalten bleibt. Das neueste Lawinenbulletin gibt ab 17 Uhr darüber Auskunft.»

Festlegen möchte sich der Lawinenexperte jedenfalls noch nicht. «Ein Anstieg auf eine hohe Gefahrenstufe ist immer mit extremen Wettersituationen verbunden. Der Rückgang geht etwas langsamer vonstatten. Vorausgesetzt, das Wetter hält sich an die derzeitigen Prognosen, können wir tendenziell von einer Abnahme der Gefahrensituation in den nächsten Tagen ausgehen.» Im selben Atemzug weist Dürr darauf hin, dass sich die Gefahrensituation vor allem bei Schneefall sehr schnell ändern kann.

Lawinengefahr richtig einschätzen können

Auch bei geringeren Lawinen-Warnstufen ist weiter Vorsicht geboten. «Ab einer Hangneigung von 30 Grad ist potenziell mit Lawinen zu rechnen. Wer solche Gebiete meidet, reduziert das Risiko in eine Lawine zu geraten, rapide. Wer dennoch einen steilen Hang begehen will, braucht eine Ausbildung und Erfahrung in der Beurteilung. Dieses Wissen muss man sich über Jahre aneignen.»

Ein Hinweis für eine erhöhte Lawinengefahr sei eine grosse Neuschneemenge, für drohende Abgänge gibt es auch konkrete Alarmzeichen: «Wenn sich beim Betreten Risse in der Schneedecke bilden, dumpfe Wumm-Geräusche zu hören oder frische Schneebrettlawinen zu beobachten sind.»

Wichtig dabei: Dies seien zwar eindeutige, aber keine notwendigen Anzeichen – Lawinen können auch abgehen, ohne dass man diese Anzeichen beobachtet. «Die Lawinengefahr lässt sich nicht messen wie die Sonnenscheindauer oder die Niederschlagsintensität. Es geht dabei immer um eine Abschätzung – und die ist alles andere als trivial.»

GRAFIK --- Erklaergrafik zu Lawinentypen, Entstehung von Lawinen, Gefahrenstufen und Notfallausruestung (160 X 222mm hoch) vom Donnerstag, 28. Januar 2021 (KEYSTONE/Gerhard Riezler)
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