Artenschutz

Lichtverschmutzung wird für Tiere zur Qual

Von Christiane Oelrich, dpa

16.5.2022 - 05:41

Der Trend zu nächtlicher Dauerbeleuchtung ist für viele Tiere eine Qual.
dpa

Angestrahlte Kirchen und Denkmäler, Flutlicht im Stadien und grelle Strassenbeleuchtung – die Menschen machen vielerorts die Nacht zum Tag, mit verheerenden Folgen für die Tierwelt und die Artenvielfalt.

Von Christiane Oelrich, dpa

16.5.2022 - 05:41

Der Trend zu nächtlichen Dauerbeleuchtung ist für viele Tiere eine Qual. Zwar feiert die UN-Kulturorganisation Unesco am 16. Mai, dem internationalen Tag des Lichts, die segensreiche Rolle der Beleuchtung für Wissenschaft, Technologie, Kultur und Kunst. Aber Licht hat auch Schattenseiten.

«Lichtverschmutzung ist wahrscheinlich eine Hauptursache des globalen Artensterbens», sagt Chronobiologin Stefanie Monecke. Beispiel Strassenlaterne, wo man oft dichte Insektenschwärme sehen kann: «Das Licht zieht abertausende Insekten an, die um die Lichtquelle surren, ermüden oder verbrennen. Die ganze Nahrungskette gerät damit durcheinander: Die Tiere, die Insekten im Dunkeln jagen, finden weniger Nahrung.»

Viele Arten betroffen

Viele Fledermausarten sind lichtempfindlich, meiden Lichtquellen und haben deshalb immer kleinere Jagdgebiete, berichtet die Schweizer Naturschutzorganisation Bird Life. Rotkehlchen, die eigentlich früh in der Dämmerung singen, sängen bei heller Beleuchtung manchmal die ganze Nacht. Selbst Jogger, sagt Monecke, könnten Wildtiere mit lichtstarken Stirnlampen aus dem Konzept bringen.

Aber nicht nur das: Künstliches Licht bringe die innere Uhr vieler Tiere durcheinander. Feldhamster etwa nähmen die kürzer werdenden Tage wahr und stellten so Mitte Juli ihre biologische Jahresuhr, die Anfang und Ende des Winterschlafs bestimme, sagt Monecke, Gastwissenschaftlerin an der Ludwig-Maximilian-Universität München.

Wenn sie dabei durch die Lichtglocke einer Stadt oder Autolichter auf einer Strasse gestört werden, sei die Gefahr gross, dass ihre Uhr aus dem Takt gerate. Dann kämen sie im Frühjahr weder rechtzeitig aus dem Winterschlaf noch seien sie gleichzeitig paarungsbereit. «Die Reproduktion der Feldhamster startet heute schon bis zu zweieinhalb Monate später als in den 80er Jahren», sagt Monecke. «Anstatt 20 bis 25 Jungtiere im Jahr zieht ein Feldhamsterweibchen heute nur noch fünf gross. Mit stark sinkender Tendenz.»

Bei manchen Arten gehen die Zahlen Monecke zufolge dramatisch zurück, «nicht, weil zu viele Tiere sterben, sondern weil sie wie die Feldhamster immer weniger Nachwuchs bekommen». Lokale Umweltverschmutzungen und -zerstörungen können diesen Faktor ihrer Ansicht nach nicht erklären, Lichtverschmutzung aber schon. Heute sei der Feldhamster, der bis in die 1980er Jahre millionenfach auf den Feldern vorkam, in seinem gesamten Verbreitungsgebiet zwischen Rheintal und Baikalsee vom Aussterben bedroht.

Eine unterschätzte Gefahr

Nach Ansicht der Weltnaturschutzunion IUCN ist Lichtverschmutzung eine «oft unterschätzte Gefahr», die auch für den Hamster bedeutend sein könne. Daneben nennt sie bei ihm etwa Klimawandel, industrielle Landwirtschaft, Lebensraumverlust und Vergiftung als Schädling.

Auch Menschen richten ihre innere Uhr am Hell-Dunkel-Rhythmus aus, sagt Chronobiologe Achim Kramer von der Berliner Universitätsklinik Charité. Zellen im Auge leiten Impulse von Licht weiter, die die innere Uhr «stellen» und dafür sorgen, dass Menschen, wenn es nachts draussen dunkel ist, schlafen und am hellen Tag aktiv sind. «Wenn man bei Mäusen die innere Uhr abschaltet, werden sie dick und krank», sagt Kramer.

Auch, wer im Schichtdienst ständig gegen die innere Uhr lebe, habe ein höheres Risiko von Herz-Kreislauf-, Stoffwechsel- oder Krebserkrankungen und Depressionen als Menschen mit intaktem Tag-Nacht-Rhythmus. «Eine gut synchronisierte innere Uhr ist für die Gesundheit ganz wichtig.»

Gegen zu starke Beleuchtung abends und nachts draussen können sich Menschen allerdings – anders als Tiere – durch Vorhänge schützen. «Bei den Menschen ist vor allem die selbst gemachte Lichtverschmutzung ein Problem: die stundenlange und oft späte Nutzung von Bildschirmen», sagt Kramer.

Aussenbeleuchtung reduzieren

Leute, die ihren heimischen Garten beleuchten oder Gemeinden, die für helle Strassenbeleuchtung sorgen, tun das oft mit dem Argument, sie wollten Kriminelle abschrecken. Eine britische Studie konnte 2015 aber zeigen, dass mehr Strassenlicht in mehr als 60 Ortschaften in England und Wales weder Unfälle noch Kriminalität verhinderte.

Deshalb ist Abhilfe für die Not der Tiere eigentlich einfach: weniger Aussenbeleuchtung. Damit liesse sich auch enorm Energie sparen. «So verschwendet die dringend modernisierungsbedürftige Beleuchtung von Strassen, Plätzen und Brücken in Deutschland jährlich drei bis vier Milliarden Kilowattstunden Strom – mehr, als eine Million private Haushalte zusammen verbrauchen», rechnet der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) vor.

Energieverbrauch senken

Manche Städte hätten ihren Energieverbrauch durch intelligente Beleuchtung, unter anderem mit Bewegungsmeldern, um 50 Prozent reduziert.

Oft würden bei der öffentlichen Beleuchtung Glühbirnen durch LED-Lampen mit gleicher elektrischer Energiemenge ersetzt, sagt der Physiker und Ingenieur Martin Löffler-Mang von der Hochschule für Technik des Saarlands. Diese Lampen machten aber deutlich mehr Licht.

«Wenn die Lichtmenge vorher in Ordnung war, könnte man bei LED massiv reduzieren und den Energieverbrauch auf ein Fünftel drosseln», sagt er. Löffler-Mang hilft Gemeinden bei Interesse mit Lichtmonitoring, um starke Lichtquellen zu identifizieren und zu reduzieren.

Dafür werden über längere Zeit an einer festen Stelle automatisch Nachtaufnahmen gemacht, die später ausgewertet werden. Andermatt in der Schweiz hat das erfolgreich gemacht. St. Wendel im Saarland wolle nun auch etwas tun, um mit dem Konzept «weniger Licht» mehr Touristen anzuziehen. Fulda wurde 2019 als erste «Sternen-Stadt» Deutschlands von der Dark-Sky-Association anerkannt.

Sie hat ihre Beleuchtung konsequent nach unten gerichtet und steuert sie nach Bedarf. Die Stadt hat ihren Energieverbrauch nach eigenen Angaben gesenkt.

Löffler-Mang verweist zudem auf diese wissenschaftliche Erkenntnis: «Wenn wir weniger Licht machen würden, werden wir sensibler und sehen dann mehr.»

Von Christiane Oelrich, dpa