Fliegende Kraftwerke: Ein Berner kämpft für Energierevolution

tsha

7.10.2019 - 17:30

Schon im kommenden Jahr will das Unternehmen SkySails solche Anlagen vor Mauritius bauen.
SkySails

Kraftwerke in mehreren Hundert Metern Höhe könnten die Energiewirtschaft revolutionieren. Schon im nächsten Jahr soll es losgehen. Der Berner Marc Hauser weiss, wie da oben der Wind weht.

Die Idee kam Marc Hauser bei einem seiner Sprünge. Der Mann aus Bern betreibt «Speed Tracking», eine extreme Form des Fallschirmspringens. Aus mehreren Tausend Metern Höhe stürzt sich Hauser dabei aus einem Flugzeug, beschleunigt im freien Fall auf Geschwindigkeiten, wie sie am Boden etwa Hochgeschwindigkeitszüge erreichen, und öffnet kurz vor dem Aufprall am Boden seinen Fallschirm. 304 Stundenkilometer hat Hauser bereits erreicht – Rekord.

Eine Frage habe ihn bei seinen Sprüngen immer wieder beschäftigt, erzählt Hauser in der aktuellen Ausgabe (Artikel kostenpflichtig) des Magazins «Spiegel»: «Jedes Mal, wenn ich da oben bin, frage ich mich, warum wir Höhenwinde nicht als Energiequelle nutzen.» Diese Winde, die in mehreren Hundert Metern Höhe deutlich stärker wehen als am Boden, könnten «die ganze Welt mit Strom versorgen», glaubt Hauser.

Der Berner Marc Hauser ist Extremsportler und Anhänger der Windenergie.
Bild: Keystone

Und nicht nur der Berner glaubt an diese revolutionäre Idee. Weltweit, so der «Spiegel», würden Forscher an fliegenden Kraftwerken arbeiten, die die Kraft der Höhenwinde nutzen sollen. In Europa forschen demnach zehn Unternehmen und Universitäten an sogenannten Höhenwindkraftanlagen, auch das Google-Tochterunternehmen Makani mischt mit. Die Ideen, die die Unternehmen verfolgen, sind mehr als nur ein Hirngespinst: Schon im kommenden Jahr soll auf Mauritius die erste Anlage in Betrieb gehen.

Alternative zu Offshore-Windrädern

Entwickelt wurde das Kraftwerk für Mauritius von der Firma SkySails aus Hamburg (D). Sogenannte PowerKites, die an Plattformen im Meer festgemacht sind, kreisen dabei in windstarken Höhen und beschreiben die Form einer Acht. Über das Halteseil, das den Drachen mit der Plattform verbindet, wird ein Generator angetrieben, der Strom erzeugt. Eingesetzt werden kann das System in Höhen von 200 bis 800 Metern. Die Plattformen, an denen die Drachen hängen, können auch in Wassertiefen installiert werden, die für herkömmliche Offshore-Windräder zu tief sind.

Kommerzielle Anlagen wie jene, die SkySails in Mauritius baut, könnten «schon in naher Zukunft Millionen von Menschen klimaneutralen Strom liefern – kostengünstig und quasi unabhängig vom Standort«, so Alexander von Breitenbach, Windkraftforscher von der TU Berlin, im «Spiegel».

Der grosse Vorteil der Technik ist es, dass quasi überall auf der Welt ab einer gewissen Höhe genug Wind weht, um Kraftwerke zu betreiben. Herkömmliche Windkraftwerke erreichen allerdings nur eine Höhe von rund 100 Metern – höhere Masten gelten als unwirtschaftlich. Die neue Technik, die ganz auf Masten verzichtet, hat dieses Problem nicht. Die SkySail-Drachen könnten jeweils bis zu 200 Kilowatt leisten, so das Unternehmen; die Kosten pro Kilowattstunde würden mit fünf bis zehn Cent (fünf bis elf Rappen) deutlich unter dem Preis von herkömmlicher Windenergie liegen.

Der Jetstream als Energiequelle?

Alexander Bormann, Chef der Firma Enerkite aus dem norddeutschen Bundesland Brandenburg, rechnet vor, dass herkömmliche Windräder auf weniger als zwei Prozent der Landfläche wirtschaftlich seien; bei Höhenkraftwerken sei dies an rund 80 Prozent aller möglichen Standorte der Fall. Auch seine Firma arbeitet an der Windenergie der Zukunft.

Dabei kommen keine riesigen Drachen zum Einsatz wie bei SkySails, sondern Carbonflügel mit Textilbespannung, die drei Seile aus einer Winde ziehen, die als Generator dient. Die Technik sei «wirtschaftlicher als Fotovoltaik und Dieselstrom», heisst es auf der Seite von Enerkite.

Die Firma Enerkite will mit solchen Carbonflügeln Energie gewinnen.
Bild: Enerkite

Manch ein Visionär träumt bereits davon, nicht nur in ein paar Hundert Metern Höhe Strom zu gewinnen – in sieben bis zwölf Kilometern über dem Meeresspiegel liess sich noch mehr Energie erzeugen. Denn dort oben weht der Jetstream. Noch, so glaubt Stephan Wrage von SkySails, gebe es keine Materialien, die in solchen Höhen eingesetzt werden könnten. Ausserdem stelle sich die Frage, wie der Flugverkehr dadurch beeinflusst werde.

Der Berner Fallschirmspringer Marc Hausere ist sich aber sicher: Die Menschheit stehe gerade erst am Anfang, wenn es um die Nutzung der Windenergie geht.

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