Die Gründung der Illuminaten war echt – der Rest ist Fantasie

Von Philipp Dahm

1.5.2021

Adam Weishaupt gründete am 1. Mai 1776 mit drei Studenten einen Bund, der später Illuminatenorden heissen wird. Das Bild ist undatiert.
Bild: Gemeinfrei

Vor 245 Jahren wurde der Illuminatenorden gegründet: Der Geheimbund war ein kurzlebiges Kind seiner Zeit, in den später viel hineininterpretiert worden ist.

Von Philipp Dahm

1.5.2021

Heute vor 145 Jahren gründet Adam Weishaupt mit einer Handvoll Studenten den Illuminatenorden, bei dem nicht alles so ist, wie es scheint.

Sicher, es handelt sich um einen Geheimbund, doch das Wort geheim hatte damals nicht bloss die Bedeutung, wie wir sie kennen und wie sie beim Wort Geheimdienst mitschwingt. Es bedeutet auch so etwas wie intim oder vertraulich, was sich in Begriffen wie Geheimrat oder Geheimes Staatsarchiv Preussischer Kulturbesitz niederschlägt.

Es ist 1776 auch nichts Ungewöhnliches, gemeinsam Dinge zu verrichten: Man trifft sich zum (Vor-)Lesen in Clubs und Vereinigungen – wie etwa auch den Freimaurer-Logen. Die Aufklärung hält Einzug in Europa – und während alle Welt die Ratio feiert, beginnt auf der anderen Seite ein Boom des Esoterischen, der dieser Entwicklung diametral entgegenläuft.

Und obwohl der Geist der Aufklärung Einzug gehalten hat, ist das gesellschaftliche Leben noch ziemlich verknorzt: Die weltliche Macht halten in der Regel reaktionäre Adlige, während die Bildung noch fest in der Hand Klerikaler ist – wie den Jesuiten. Auch wenn der katholische Orden 1773 verboten wird, sind es die Ordensbrüder, die an den Universitäten lehren.

Aufklärerische Bienchen

Das gilt auch für die Alma Mater im bayerischen Ingolstadt. Nur einer bildet eine Ausnahme: Adam Weishaupt. Der ist zwar auch von Jesuiten erzogen worden, aber kein Ordensmitglied – und der einzige Nicht-Bruder, der an der Uni Kirchenrecht lehrt.

Die Gartenfassade der Alten Anatomie der Universität Ingolstadt, die 1472 gegründet wurde.
Bild: WikiCommons/Christian Karl

Weishaupt ist ein heller Kopf: Mit 20 Jahren macht er seinen Doktor, mit 24 wird er ausserordentlicher und mit 25 Jahren ordentlicher Professor. Schon in diesem Zeitraum beginnt Weishaupt, sich ein Programm zu überlegen, das er «Schule der Menschheit» nennt. Es geht ganz allgemein darum, den Charakter durch liberale und humanistische Ideale zu formen.

Mit diesem Ziel gründet Weishaupt heute vor 245 Jahren mit einer Handvoll Studenten einen Bund. Sie nennen sich zuerst die «Perfektibilsten», also die nach Perfektion Strebenden. Dann erwägen sie den Namen Bienenorden – im Sinn haben sie dabei, dass die Mitglieder wie Bienen den Nektar der Weisheit sammeln, um sich zu vervollkommnen. Erst später nannte sich die Vereinigung Illuminatenorden.

Mit Knigge zum Durchbruch

Allein der Vorgang der Namensgebung zeigt, dass Weishaupts Ideen anfangs nicht ganz ausgegoren sind. Das ändert sich, nachdem sich der Professor 1777 in eine Münchner Freimaurer-Loge aufnehmen lässt: Das Grad-System der Freimaurer, das die humanistische Ausbildung in die Stufen Lehrling, Geselle und Meister einteilt, übernimmt der Bayer kurzerhand in seinen Orden.

Adam Weishaupt mischt humanistisches Ideal mit Esoterik. Dass Liberale an seinen Ideen führt bald zum Verbot seines Bundes.
Bild: Gemeinfrei

Doch Weishaupt baut das System auch aus und denkt sich weiterführende Grade aus, mit denen er Freimaurer-Brüder und andere Interessierte ködert, denen er auf den höheren Stufen neue, bedeutende Erkenntnisse über Gott und die Welt verspricht. Es sind freilich Versprechen, die der dann doch weltliche Professor nicht halten kann.

Dass sein Illuminatenorden dennoch plötzlich extrem populär wird, hat mit einer Persönlichkeit zu tun, die Weishaupt bei den Freimaurern kennenlernt und anwirbt: Adolph Freiherr von Knigge, der Macher der berühmten Benimm-Vorschriften, tritt dem 1780 nur 60 Mann starken Bund bei und engagiert sich mit Leidenschaft.

Erst Boom, dann Verbot

Während Weishaupt die Idee einer geheimen Weisheitsschule im Kopf hat, die Studenten formt und beeinflusst, stellt Knigge den Bund auf eine neue Stufe und platziert ihn als Geheimbund mit einer intellektuellen Tradition, die stärker als die der anderen Bünde sei und historische Wurzeln habe, die die Vereinigung als langlebiger und exklusiver als andere darstellt.

Prominentes Mitglied: Adolph Freiherr von Knigge ist erst Feuer und Flamme, zerstreitet sich jedoch mit Weishaupt und verlässt den Orden 1784 vor dessen Verbot.
Bild: Gemeinfrei

In der Konsequenz werden weniger junge Studenten angeworben, sondern vermehrt gestandene Männer, die bereits in entscheidenden Machtpositionen sitzen. Bis 1784 steigt die Mitgliederzahl auf viele Hunderte an, die sich derweil auf 90 Orte in ganz Europa verteilen: Angehörige des Kults besetzen auch wichtige Positionen etwa in der bayerischen Zensurbehörde oder an Gerichten.

Doch diese Entwicklung läutet auch schon das Ende des Ordens ein: Weil der Illuminatenorden ein Leben gleichberechtigter Brüder und Schwestern anstrebt, die keinen absolutistischen Herrscher oder gar einen Papst wie die Jesuiten brauchen, verbreiten sie liberales, revolutionäres Gedankengut, was die bayrische Krone nicht hinnehmen kann. Der Orden wird 1784 verboten.

Ernst II. Herzog von Sachsen-Gotha-Altenburg nimmt Weishaupt auf, verleiht ihm einen Titel und eine Pension. Die Fürsten kleinerer Staaten waren in der Regel fortschrittlicher: Ernst war stark von der Aufklärung beeinflusst. Das Gemälde ist undatiert, der Herzog starb 1804.
Bild: Gemeinfrei

Exil in Gotha

Weishaupt wird an der Uni entlassen und flieht nach Gotha, wo der lokale Fürst ihm Asyl gewährt. Weiteres Anwerben von Mitgliedern ist in seiner alten Heimat nun unter Todesstrafe verboten, und die Ordensstrukturen lösen sich auf. Freiherr von Knigge ist bereits kurz vor dem Verbot abgesprungen, nachdem er sich mit Weishaupt überworfen hat.

Französische Revolution – die Schuld der Illuminaten, lügen ihre Feinde. Das Gemälde von Jacques Bertaux heisst «Prise du palais des Tuileries le 10 août 1792 (Der Tuileriensturm am 10. August 1792). Im Vordergrund: tote Schweizergardisten.
Bild: Gemeinfrei

Knigge lästert nur noch über die «Mode-Thorheit» der Bereinigungen, die ihre Mitglieder zu besseren Menschen machen wollen. Der bayerische Staat veröffentlicht 1887 Dokumente des Ordens, was eine erste Hysterie um die Illuninaten auslöst. Ihren schlechten Ruf bekommen sie aber erst durch ein 1791 veröffentlichtes Buch eines Jesuiten, der sie für die Französische Revolution verantwortlich macht.

Der Grund: Das führende Illuminaten-Mitglied Johann Christoph Bode war 1787 nach Paris gefahren – um einen Freimaurer-Konvent zu besuchen. Er traf sich dann offenbar auch mit Jakobinern: Nur der Geruch, mit den Revolutionären unter einem Hut zu stecken, bringt den Verein vollends in Verruf. 1790 gibt Bode es auf, den Orden aufrechtzuerhalten – und spätestens mit dessen Tod 1793 sterben auch die Illuminaten.

Johann Christoph Bode versucht nach dem Verbot, den Illuminatenorden weiterzuführen, doch der Journalist und Verleger scheitert. Das Gemälde ist nicht datiert, Bode verstarb 1794.
Bild: Gemeinfrei

Vereinnahmung

Weil Ende des 19. Jahrhunderts Okkultisten wie Theosophen und im 20. Jahrhunderts erst Verschwörungstheoretiker wie Jan van Helsing und dann Roman-Autoren à la Dan Brown den Bund für sich entdecken und vereinnahmen, hat er heute in der breiten Öffentlichkeit den Ruf, den er hat.

Eine US-Ausgabe der «Protokolle der Weisen von Zion»: In der plumpen antisemitischen Fälschung wird vollkommen falsch behauptet, Adam Weishaupt und sein Illuminatenorden seien jüdisch gewesen. Unter anderem im Berner Prozess zwischen 1933 und 1935 wurde nachgewiesen, dass das Wer Propaganda aus Russland ist.
Bild: Gemeinfrei

Und Adam Weishaupt? Der Gründer des Ganzen lebt ab 1887 in seinem Exil in Gotha, bekommt von Herzog Ernst II. eine Pension, veröffentlicht dort einige Arbeiten und wird 1808 trotz der Vorgeschichte zum auswärtigen Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ernannt, mit der er regelmässig korrespondiert und sie offenbar mit radikal aufklärerischen Ideen beeinflusst.

Er stirbt 1830 in Gotha. Sein Grabstein ist nicht gerade klassisch – oder er ist es gerade. Ihn ziert nur ein Spruch auf Latein:

Heic jacet

Weishaupt

Vir ingenio animo doctrina

Primarius civium libertatis

Vindex acerrimus

Exsul obiit octogenarius

Zu Deutsch: Hier ruht Weishaupt, ein Mann hervorragend an Geist, Mut und Gelehrtheit, glühender Vorkämpfer der bürgerlichen Freiheit. Er starb im Exil als Achtzigjähriger.