Nie wieder Hunger? Leider nein – was die Bevölkerung damit zu tun hat

Philipp Dahm

16.10.2020 - 10:00

Passanten sehen Anfang Mai der Feuerwehr beim Löschen eines Brandes zu: Lagos in Nigeria gehört mit 22 Millionen Einwohnern zu den grössten Städten der Welt. 
Bild: Keystone

Die UN wollen Hunger in der Welt bis 2030 ausmerzen. Doch das Ziel wird wohl verfehlt – tatsächlich dürften in zehn Jahren sogar mehr Menschen an Unterernährung leiden. Woran das liegt, erklärt diese Serie – hier Teil eins.

Globale Herausforderungen
Entwicklung extremer Armut weltweit. Quelle: Our World in Data

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen ist mit dem diesjährigen Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Doch warum eigentlich? 2019 waren fast 690 Millionen Menschen unterernährt – und diese Zahl könnte in zehn Jahren sogar auf 840 Millionen steigen. 

Ihr Ziel, Hunger bis 2030 auszumerzen, werden die UN wohl verfehlen. Und das, obwohl bei der Bekämpfung von Armut auf unserem Planeten extreme Fortschritte gemacht worden sind. Welche Faktoren ausschlaggebend sind, beleuchtet unsere vierteilige Serie «Globale Herausforderungen». 

Im zweiten Teil geht es um den Faktor Klima, im dritten um den Faktor Mensch und zum Schluss folgt ein Fazit. Beginnen wollen wir aber mit dem Faktor Bevölkerung.

Zeig mir die Altersstruktur deines Landes und ich sage dir, wie entwickelt du bist – nach diesem Motto funktioniert die Demografie. Staaten durchlaufen in puncto Bevölkerung einen Zyklus: Am Anfang steht das Pyramiden-Modell, das man von armen Ländern kennt – mit vielen Jungen und wenigen Alten.

Wenn sich diese Länder entwickeln, verändert sich auch die Altersstruktur: Durch ein besseres Gesundheitswesen steigt die Lebenserwartung an und die Kindersterblichkeit sinkt – und mit ihr die Geburtenrate. Das liegt auch daran, dass Kinder in modernen Staaten nicht mehr als Garant der eigenen Pension gelten. So wird aus der Pyramide langsam eine Glocke.

Der Bevölkerungszyklus eines Staates

Die Glockenform entspricht den westlichen Industriestaaten zur Zeit des Babybooms in den 60er-Jahren: Es werden immer noch viele Kinder geboren, während die Sterblichkeitsrate sinkt. Nach dem Babyboom wird das Fundament der Altersstruktur dünner. Gleichberechtigung und Urbanisierung sorgen dafür, dass es weniger Nachwuchs gibt. Die Diamantenform entsteht, die heute für viele Länder Europas gilt. 

Wenn diese keine Diamantenform haben, sieht man dort alternativ die Urne, die für eine Überalterung des Landes steht, weil die Geburtenrate immer weiter sinkt. Diese Staaten steuern meist mit Einwanderung gegen und versuchen, die ideale Form zu erreichen: die Bienenstockform.

Hinweis: Hier wird statt der Glocke die Zwischenform der Kerze gezeigt.
Quelle: UBS

Bei dieser liegt die Geburtenrate bei 2,1 Kindern pro Frau, was einer stabilen Ersatzrate der Bevölkerung entspricht. Ab 60 Jahren spitzt sich die Struktur erst langsam zu und im hohen Alter dann stark zu. Die Bevölkerungspyramide sieht quasi aus wie eine grosse Artilleriepatrone. Die USA weisen eine solche Einwohnerstruktur auf, die dafür sorgt, dass die Zahl der Amerikaner relativ konstant bleibt.

Afrika und Co. schrauben Weltbevölkerung hoch

Wie wirken sich die einzelnen Formen konkret auf unsere Welt aus? Ein Vergleich: Nigeria zählt 1950 knapp 38 Millionen Einwohner, während Russland mit gut 100 Millionen Einwohner mehr als doppelt so viele Bürger hat. Heute leben im grössten Land der Welt 144,5 Millionen, während die frühere britische Kolonie in Afrika 214 Millionen Menschen beherbergt. 

Bei Russland ist deutlich der Geburtensturz nach dem Fall der Sowjetunion von 1990 zu sehen.
Grafiken: WikiCommons/MagHoxpox und WikiCommons/Afus199620

Wie liegen die neuen Hotspots in Sachen Bevölkerungswachstum? Spoiler: Die Schweiz zählt nicht dazu. Eine UBS-Studie prognostiziert, dass hierzulande in 30 Jahren 9,9 Millionen Menschen leben werden. Das passt zum gemässigten Wachstum in der Eurozone von 450 auf 460 Millionen. Auch Nordamerika und Ozeanien werden in diesem Rahmen zulegen.

In Südamerika, Afrika und Asien hingegen schnellt die Bevölkerungszahl weiter hoch. In Lateinamerika werden vor allem die ärmeren Staaten wie Venezuela, Paraguay, Peru, Bolivien und Ecuador dafür sorgen, dass 2050 statt 665 Millionen 780 Millionen Personen dort leben. Im asiatisch-pazifischen Raum kommen in den nächsten 30 Jahren 535 Millionen hinzu.

Nigeria mit 476 Millionen Einwohnern

Am krassesten wird der Sprung aber im Raum Naher Osten und Afrika sein, zu dem die UBS ausserdem Zentral und Osteuropa addiert. Bis 2050 werden hier 1,21 Milliarden weitere Menschen leben. Neben Nigeria verzeichnen Kenia und die Elfenbeinküste hohe Zuwächse, aber auch Ägypten: Dort hat sich die Bevölkerung in den ersten acht Monaten dieses Jahres um eine Million vergrössert.

Prognosen für Bevölkerungszuwachs: Afrika sticht heraus.
Grafik: UBS

Welche Hotspots sind Europa am nächsten? Bis 2060 wird der Irak von derzeit 38,6 auf 80 Millionen Menschen anwachsen, Syrien von aktuell geschätzt 15 Millionen auf 35 Millionen, der Jemen von 30 auf 52 Millionen. Nigeria wird 2060 übrigens auch die USA überholt haben und 476 Millionen beherbergen.

Wie diese Staaten und der Rest der Welt ihre Bewohner, von denen es 2050 9,7 Milliarden geben soll, ernähren wollen, steht noch in den Sternen – was nicht zuletzt vom sich ändernden Klima abhängt, das im nächsten Kapitel dieser Serie zum Thema wird.

Zurück zur Startseite