Wie Corona-Diskussionen im Internet hochkochen

SDA/jka

16.2.2021 - 09:48

Writing short text messages (sms) on the smart phone Samsung phone, pictured in Zurich, Switzerland, on September 5, 2012. (KEYSTONE/GAETAN BALLY / Keystone)
Erhitzte Gemüter und genervte Kommentare: Über Corona wird bei Artikeln von Newsportalen heftig diskutiert. 
Bild: Keystone

«Coronawahn» und «Egomanen»: In den Kommentarspalten von Newsportalen wird über Corona besonders hitzig diskutiert. Ein Forscherteam der Uni Zürich hat das Ganze analysiert. 

Scharfer Ton und blank liegende Nerven: Bei Online-Artikeln zur Corona-Pandemie geht es häufig gehässig zu und her. Forscher der Universität Zürich haben sich das Ganze genauer angesehen. Dabei interessierte sich das Team um Sprachwissenschaftler Noah Bubenhofer speziell dafür, wie sich Debatten aufladen.

«Die Diskussionen sind hitzig, kontrovers und diffamierend», fasst Bubenhofer im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA die bisherigen Erkenntnisse zusammen. Dies zeige sich beispielsweise in den über die letzten Monate häufig verwendeten Wörtern «bescheuert», «Schwachsinn», «Coronawahn», «Egomanen», «SVP-Bashing» oder den zahlreich gesetzten Ausrufezeichen.

840'000 Kommentare

Seit Januar 2020 analysierten die Forscherinnen und Forscher der Uni Zürich die Inhalte in den Kommentarspalten der Online-Plattformen von 20 Minuten, SRF, Blick sowie von nau.ch und watson.ch. Inzwischen beinhaltet der Sprachschatz über 840'000 Kommentare mit insgesamt 30 Millionen Wörter.

Die Möglichkeit, «Daumen hoch» und «Daumen runter» zu verwenden, heize die Diskussionen zusätzlich an und spalte die Leserinnen und Leser in zwei Lager. Auch eine Abgrenzung über die häufig verwendeten Pronomen «wir», «die» und «ihr» sei zu beobachten, womit die gesellschaftlichen Unterschiede betont würden.

Diskussion verläuft in Wellen

Mithilfe von künstlicher Intelligenz erstellt Bubenhofer sogenannte semantische Räume. Das sind Punktwolken, wobei jeder Punkt ein Wort darstellt. Je näher diese beieinanderliegen, desto ähnlicher sind die Kontexte, in denen die Wörter verwendet werden. So lassen sich Rückschlüsse ziehen, wie die Diskurse rund um das Coronavirus geführt werden.

Auf diese Weise wiederum kann Bubenhofer wellenartige Veränderungen im Laufe der Pandemie feststellen, die jeweils vor dem teilweisen Lockdown im Frühjahr sowie im Sommer – als die Fallzahlen hinuntergingen – ihren Höhepunkt erreichten. In beiden Phasen kochten Diskussionen um Verschwörungstheorien hoch.

Auch die Debatte darüber, ob die Massnahmen, medialen Berichte und Warnungen von Expertinnen und Experten blosser Panikmache dienten, war wellenartig ein umstrittenes Thema.



Zudem sind Impfdebatten im Zuge der ersten Impfstoff-Zulassungen wieder entfacht: Die einen sehen in den Vakzinen die Hoffnung auf ein Ende der Pandemie, die anderen sorgen sich um eine «Impfpflicht durch die Hintertür» oder die Gefahr, dass die Bevölkerung als «Versuchskaninchen» missbraucht wird.

Der Streit um die Masken

Die Analyse zeigt: Für die einen ist es selbstverständlich, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Für die anderen ist er das Symbol für Bevormundung. «Aus sprachwissenschaftlicher Sicht ist die emotionale Aufladung um Masken völlig nachvollziehbar», sagte Bubenhofer. Denn die Maske sei früher entweder positiv mit der unbeschwerten Fastnachtszeit oder aber negativ semantisiert worden, zum Beispiel mit Ausdrücken wie die «eiserne Maske» oder «Maske vom Gesicht reissen».

Dann kam Corona – und die Maske half auf einmal, sich selbst und andere zu schützen. «Die Menschen mussten sich an diese neue Bedeutung der Maske zuerst gewöhnen, was besonders bis im Sommer die Kommentarspalten mit hitzigen Diskussionen füllte», so der Linguist.

Zudem ist die Debatte über Masken neu hochgekocht, als auf einmal Schulkinder ins Visier der Behörden gerieten. «Ob Maskentragen für Kinder nun obligatorisch werden soll oder nicht, hat dem ganzen Thema nochmals eine ganz neue Perspektive gegeben», so Bubenhofer.

Politiker «verlieren ihr Gesicht»

Ein Unterschied erkennt der Forscher auch in den Diskussionen um Politikerinnen und Wissenschaftler. Demnach sind die Kommentare zu Politikern insgesamt persönlicher und angriffslustiger. Das manifestiert sich in Ausdrücken wie «Gesicht verlieren», «zurücktreten» oder «versagen». Geht es um Forschende, laufen die Diskussionen weniger emotional: Wörter wie «Fakten», «Vertrauen» und «Vernunft» kommen dann häufig vor.

Sprachanalysen findet Bubenhofer gerade in Krisenzeiten wie der Corona-Pandemie äusserst hilfreich, um den Puls der Bevölkerung zu spüren. «Wenn Wissenschaftler herausfinden, dass Masken und Impfungen schützen, ist das Thema für sie gegessen», sagte er. Aber der gesellschaftliche Diskurs gehe dann erst los.

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SDA/jka