Sterbebegleitung: "Assistierter Suizid und kirchliches Handeln"

17.9.2018 - 14:39, SDA

"Solidarität bis zum Ende": Diesen Titel trägt ein Positionspapier, das der Synodalrat der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn am Montag präsentierte. Es basiert auf einem kürzlich erschienenen Buch zum Thema Sterbebegleitung.

Immer mehr Menschen nehmen in der Schweiz organisierte Sterbehilfe in Anspruch. Der assistierte Suizid rührt an Tabus. Pfarrpersonen sind mit tiefgreifenden ethischen und theologischen Fragen konfrontiert, etwa in Seelsorge-Gesprächen, der Begleitung Betroffener oder der Vorbereitung von Abdankungen.

Wer einen assistierten Suizid plane oder sich als Angehöriger mit der Absicht und den Folgen auseinandersetzen müsse, nehme manchmal auch die Seelsorge sowie eine kirchliche Trauerfeier in Anspruch. Dies stellen die drei evangelisch-reformierten Theologen Christoph Morgenthaler, David Plüss und Matthias Zeindler in ihrem Buch einleitend fest.

Konkrete Beispiele aus der Praxis

Verbindliche Richtlinien für kirchliches Handeln kann und will das Buch, das den "reformierten Standpunkt konkretisieren will", bewusst nicht liefern. Daher soll auch nicht zwischen "richtigen" und "falschen" Vorgehensweisen unterschieden werden.

Dargestellt, analysiert und kommentiert werden in einem ersten Teil konkrete Beispiele aus dem Berufsalltag. Sie sollen helfen, die persönliche Position der Seelsorger zu klären, ihnen unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten und einen professionellen Umgang aufzuzeigen. Pfarrpersonen werden dabei zu einer eigenständigen Haltung ermutigt.

Zentral ist für die Autoren die Notwendigkeit einer vorurteilsfreien und situationssensiblen Begleitung. Seelsorgerische Solidarität gelte grundsätzlich der Person, unabhängig von den von ihr getroffenen Entscheidungen und deren Folgen, heisst es.

In der christlichen Seelsorge geht es laut den Autoren darum, im Auftrag Gottes Leben zu fördern, zu erhalten und zu entwickeln. In der Nachfolge des leidenden Christus begründet sei aber auch die Begleitung von Menschen, die ihrem Leben ein Ende setzen wollten. Deren Entscheid gelte es zu respektieren und sie bis zum Ende solidarisch zu begleiten.

Die geschilderten Situationen zeigen unter anderem, wie wichtig eine Entschleunigung und eine gründliche Erforschung der Situation und der Handlungsmöglichkeiten sind. Das Ziel ist es, Lösungen zu finden, "mit denen alle leben, sterben oder überleben können".

Ergänzt werden die Fallgeschichten im zweiten Teil durch biblisch-theologische Argumentationen, Ergebnisse empirischer Forschung, Aspekte der Seelsorge und der gottesdienstlichen Gestaltung und rechtliche Informationen. Dabei wird ein auch für die Kirchen sehr schwieriges Thema sorgfältig ausgeleuchtet.

Leben als Geschenk

Grundlage der biblisch-theologischen Sicht auf den Menschen bleibt nach Ansicht der Autoren der unbedingte Vorrang des Lebens vor dem Tod. "Das Geschenk des Lebens bedeutet eine Einladung zum Leben, aber keine Verpflichtung zum Leben. Wo Menschen den Tod herbeisehnen und auch an assistierten Suizid denken, liegt für sie die Güte des Lebens im Dunkeln", heisst es da beispielsweise.

Als erste Aufgabe der Seelsorge leite sich daraus die Bereitschaft ab, den Weg eines sterbewilligen Menschen mitzugehen und bei ihm zu sein. Das Vertrauen in den unbedingten Vorrang des Lebens solle aber dazu führen, dass versucht werde, mit einem suizidalen Menschen nach Alternativen zum selbstgewählten Tod zu suchen, wird argumentiert.

Legitimer Sterbewunsch

Die Autoren bezeichnen einen Sterbewunsch unter bestimmten Bedingungen als legitim. Umstritten bleibt aber die Frage, ob ein Seelsorger auch beim Vollzug des Suizids anwesend sein darf oder gar anwesend sein sollte.

Die Antwort der Waadtländer reformierten Kirche lautet: Wer einen assistierten Suizid in Anspruch nimmt, hat Anspruch auf seelsorgerische Begleitung beim Vollzug. Aber kein Seelsorger darf gezwungen werden, beim Suizid anwesend zu sein. Es kann eine Stellvertretung vermittelt werden. Diese Lösung findet auch die Zustimmung der Autoren.

Für die respektvolle und emphatische Grundhaltung des Buches steht ein Zitat des deutschen Theologen Jürgen Moltmann: "Kein Mensch tötet sich selbst auf dem Höhepunkt seiner Freiheit. Selbsttötung ist meistens Resultat auswegloser Unfreiheit."

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