Das bewegte Leben von Rekordtorschütze Jean-Pierre Nsame

Jan Arnet

27.7.2020 - 10:37

Jean-Pierre Nsame schoss am Sonntag sein 30. Saisontor.
Bild: Keystone

Als er sechs Jahre alt war, brachte ihn seine Mutter in Kamerun an den Flughafen und sah ihn erst 18 Jahre danach wieder. Später brachte eine Misshandlungsklage seine Karriere ins Wanken. Heute knipst er für YB Tore am Fliessband. Das ist Rekordtorschütze Jean-Pierre Nsame.

Einmal mehr macht am Sonntag Nsame für die Young Boys den Unterschied. Lange tun sich die Berner gegen den FC Luzern schwer, bringen den Ball einfach nicht an Goalie Marius Müller vorbei. Bis in die 72. Minute: Nach einer Flanke von Michel Aebischer steht Nsame goldrichtig und schiesst YB zum 1:0-Sieg. Damit fehlt den Bernern in den letzten beiden Spielen nur noch ein Punkt zum dritten Meistertitel in Serie.

72. Minute: Nsame erlöst YB und zieht mit 30. Saisontor mit Rekordtorschütze Doumbia gleich

72. Minute: Nsame erlöst YB und zieht mit 30. Saisontor mit Rekordtorschütze Doumbia gleich

26.07.2020

Für Nsame war es bereits das 30. Saisontor, damit zieht er mit Seydou Doumbia gleich, der in der Saison 2009/10 ebenfalls 30 Treffer erzielte. Die Chancen stehen gut, dass Nsame sich in den letzten beiden Saisonspielen (gegen Sion und St. Gallen) zum alleinigen Rekordtorschützen der Super League macht.

Dass der 27-jährige Kameruner in der höchsten Schweizer Spielklasse für Furore sorgt, ist alles andere als selbstverständlich. Denn Nsame stammt aus ärmlichen Verhältnissen. Seiner Mutter verdankt er seine Karriere als Fussballer, auch wenn er sie seit seiner Kindheit kaum mehr gesehen hat. 

«Meine Mutter hat mich mit sechs Jahren nach Europa ziehen lassen. Dafür bin ich ihr unendlich dankbar», sagte Nsame mal in einem «Blick»-Interview. «Ich sehe ihre Tränen am Flughafen heute noch vor mir. Es hat sie zerrissen. Und mir hatte man gesagt, ich fahre vorerst zwei Monate in die Ferien …»

Mit seinem Vater, dessen neuer Frau und seiner Schwester zog der kleine Jean-Pierre kurz vor der Jahrtausendwende nach Frankreich. Die Mutter sah er erst im Jahr 2017 wieder, nachdem er sein erstes Aufgebot für die kamerunische Nationalmannschaft erhielt und an seinen Geburtsort Douala flog. Den Moment der Begegnung beschreibt Nsame als «Moment voller Glück. Es hat mich geschüttelt».

Die Sache mit der Misshandlungsklage

Zum Zeitpunkt des Wiedersehens mit der Mutter spielt Nsame bereits bei den Young Boys. Kurz davor war er vom damaligen Challenge-League-Klub Servette nach Bern gewechselt, für die Genfer schoss er 23 Tore. Servette zu verlassen, war für Nsame aber nicht einfach. Lange hatte er es sich überlegt, bevor ihm klar wurde, dass es mit 24 Jahren der richtige Schritt sei.

Die Genfer gaben Nsame eine neue Chance, nachdem sein Vertrag beim SCO Angers ausgelaufen war. Bei Angers gibt der Stürmer im August 2015 sein Debüt in der Ligue 1, kurz danach sorgt Nsame aber mit einer Geschichte abseits des Platzes für Negativschlagzeilen: Im November 2015 wird er verdächtigt, sein Neugeborenes geschüttelt zu haben, bis es bewusstlos wurde und reanimiert werden musste. Nsame wird verhaftet und wegen Kindesmisshandlung angeklagt. Monatelang darf er sich seiner Familie nicht nähern, bis er im Dezember 2017 endlich freigesprochen wird.

«Dieser Ausrutscher hätte nie passieren dürfen», sagt Nsame noch vor dem Freispruch. «Wenn ich daran denke, dann fühlt es sich so an, wie wenn jemand mit einem Messer in einer Wunde rührt. Aber für mich zählt nur eines: Dass meine Frau und mein unterdessen zweijähriges Kind wohlauf sind.» 

Wie lange noch in Bern?

Nach mittlerweile drei Jahren in Bern und dem Torrekord wäre Nsame nun wohl bereit für den nächsten Wechsel. Interessenten dürfte es genügend geben, auch der Torjäger selbst macht keinen Hehl daraus, es gerne noch einmal in einer Topliga versuchen zu wollen. «Es gibt schon Wünsche und Pläne, aber die behalte ich für mich», sagte Nsame im Mai auf der YB-Website

Sein Vertrag läuft noch bis 2023, trotzdem scheint ein Abgang wohl nur eine Frage der Zeit. «Die Schweiz ist wunderbar und ich fühle mich bei YB sehr wohl. Dennoch gehe ich nicht davon aus, dass es das letzte Land sein wird, in dem ich als Profi tätig sein werde», so Nsame. «Ich möchte keine Tür zuschlagen, hoffe aber auch, dass sich die ideale öffnen wird.»

Die ideale Tür wäre für Jean-Pierre Nsame wohl das Eingangstor zum Estadio Santiago Bernabéu, denn er ist grosser Real-Madrid-Fan. Ein Wechsel zu den Königlichen ist aber ziemlich unrealistisch – auch wenn Nsame im Rennen der Topskorer Europas vorne mitmischt. Nur Ciro Immobile (Lazio), Robert Lewandowski (Bayern), Cristiano Ronaldo (Juventus) und Erik Sorga (Flora Tallinn) haben in dieser Saison in europäischen Erstligen mehr Tore geschossen als Nsame. 


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