Ende einer Ära naht

Messi: «Nach der WM muss ich viele Dinge überdenken» – Rücktritt von Di Maria 

Von Syl Battistuzzi

26.3.2022

Messi trifft bei souveränem Argentinien-Sieg über Venezuela

Messi trifft bei souveränem Argentinien-Sieg über Venezuela

Am vorletzten Spieltag in der Qualifikation in Südamerika für die WM in Katar hat Argentinien Venezuela mit 3:0 abgefertigt. Argentinien war bereits zuvor für die WM in Katar qualifiziert.

26.03.2022

Gegen Venezuela unterstrichen Messi und seine argentinischen Teamkollegen, wie viel Spass ihnen der Fussball gerade macht. Doch schon bald müssen beim zweifachen Weltmeister neue Gesichter in die Bresche springen. 

Von Syl Battistuzzi

26.3.2022

Am vorletzten Spieltag in der südamerikanischen Qualifikation für die WM Ende des Jahres hat Argentinien den Tabellenletzten Venezuela mit 3:0 abgefertigt. Das Team von Lionel Scaloni hatte bereits zuvor das WM-Ticktet gelöst. Für die Albiceleste trafen im legendären Stadion La Bombonera in Buenos Aires Nicolás González , Ángel Di María – und Lionel Messi.

Dass der Captain sich in die Torschützenliste eintragen konnte, ist keine Selbstverständlichkeit. Seit seinem Transfer zu PSG im letzten Sommer hat der einst so kaltblütige Spielmacher viel von seiner Torgefährlichkeit eingebüsst. In der Champions League lag Messi mit fünf Treffern in sieben Partien noch im Soll, doch die zwei Meisterschaftstore in 18 Spielen sind ein dicker Tolggen im Reinheft.

Die Pariser Fans hatten sich sicher auch eine ganz andere Leistung erhofft und deckten nach dem blamablen Champions-League-Knockout gegen Real Madrid Messi (und Neymar) mit Pfiffen ein. Ein Sakrileg, das in der unvergleichlichen Karriere des für viele besten Fussballers aller Zeiten wohl einmalig ist.

Das Bild hat sich gewendet

Im Nationaltrikot liess Messi am Freitagabend hingegen Erinnerungen an frühere Zeiten aufleben. Der siebenfache Weltfussballer versprühte Spiellust wie zu seinen besten Tagen. Natürlich nur gegen einen inferioren Gegner, aber gegen diesen gut aufgelegten Messi hätten auch andere Teams gelitten.

Seit Messi sein Land im letzten Juli zum ersten Triumph bei der Copa América seit 28 Jahren geführt hatte, scheint eine grosse Last von seinen Schultern gefallen zu sein. Im Alter von 34 Jahren holte Messi sich ausgerechnet sich nach vielen Enttäuschungen (drei Mal Zweiter bei der Copa América sowie Final-Pleite bei der WM 2014) den ersten grossen Titel mit der Nationalmannschaft (mit Ausnahme von Olympia-Gold 2008). 

«Ich glaube, dass sich Gott diesen Erfolg für mich aufgehoben hat – in einem Final gegen die Brasilianer in ihrem Land», hielt der zu Tränen gerührte Messi nach dem Triumph fest. Die letzte Lücke in seinem Palmarès war geschlossen, die – zusammen mit Cristiano Ronaldo – absolute Überfigur seiner Generation hatte sich endlich vom Druck befreit. 

Bei Barcelona reihte er auf Klubebene Titel an Titel (vier Champions-League- und zehn Meistertitel), wie verhext wollte es dafür mit Argentinien einfach nie klappen. Nun hat sich das Bild gewendet: Während Messi bei PSG fast wie ein Fremdkörper wirkt, ist er in den Länderspielen alter Form zu sehen. Die Nummer 10, die einst sogar aus Frust über die zahlreichen Nackenschläge und Kritik – vornehmlich aus der Heimat – den (temporären) Rücktritt gab, geniesst jede Sekunde. Als wäre es eine Abschiedstournee. Denn das Ende naht unweigerlich.

Di Maria tritt zurück – und Messi wohl nach der WM

Für seinen langjährigen Weggefährten – seit Kurzem auch im Klub – Angel Di Maria war es bereits die Dernière. Auf Instagram verkündete der 34-Jährige seinen sofortigen Rücktritt. Offen ist, ob er seine Karriere auch auf Vereinsstufe beendet. Sein Vertrag in Paris wird nicht verlängert.

Messi wollte sich zwar im Gegensatz zum Flügelspieler noch nicht festIegen und meinte, er konzentriere sich voll auf das letzte Spiel gegen Ecuador. Gleichzeitig deutete er das womöglich letzte Kapitel an: «Nach der WM muss ich viele Dinge überdenken.»

Argentina's Lionel Messi (C), Argentina's Angel Di Maria (R) and Argentina's Leandro Paredes celebrate after the South American qualification football match for the FIFA World Cup Qatar 2022 between Argentina and Venezuela at La Bombonera stadium in Buenos Aires on March 25, 2022. (Photo by JUAN MABROMATA / AFP) (Photo by JUAN MABROMATA/AFP via Getty Images)
Angel Di Maria (r.) hat sich schon verabschiedet,  Lionel Messi wird ihm bald nachfolgen.
Bild: Getty

Mit Sergio Agüero ist ein weiterer enger Freund nicht mehr dabei. Gonzalo Higuain oder Carlos Tevez, die in der Offensive ebenfalls lange neben Messi spielten, sind weitere Landsmänner, die schon früher zurücktraten. In Katar wird Argentinien trotz einer unter dem Strich guten Qualifikationen nicht zu den Top-Favoriten gehören – dafür sind mehrere Spieler schlicht zu weit weg von Weltklasse-Niveau. Die Qualität im Angriff ist aber immer noch vorhanden, speziell wenn Messi aufdreht wie in den vergangenen Monaten.

Wachablösung im Sturm – profitiert Dybala?

Egal wie das Turnier in Katar verläuft: Realistischerweise darf man davon ausgehen, dass Ende 2022 eine Ära für Argentinien endet, bei der Messi weit über eine Dekade alles überstrahlte. In seinem Schatten war es für seine Mitspieler nicht einfach, zu glänzen. Nach der Zäsur gibt es mehr Platz – speziell für jüngere Spieler.

Ganz vorne im Sturm liegen die Hoffnungen auf dem 24-jährigen Lautaro Martinez, der bei Inter schon seine Klasse unter Beweis stellen konnte. Mit Julián Alvarez (22) , der auf die neue Saison zu Man City wechselt, lauert ein interessanter Spieler dahinter auf seine Chance. Ángel Correa (Atlético/27), Nico González (Florenz/23) und Lucas Ocampos (Sevilla/27) sind ebenfalls Kandidaten, die noch mehr zum Zuge kommen dürften. Einen ausgeprägten Torinstinkt haben die drei aber noch nicht gezeigt. 

Lautaro Martinez soll im Sturmzentrum für die Tore sorgen.
Bild: Keystone

Natürlich besteht auch die Möglichkeit, dass Talente wie Exequiel Zeballos (Boca Juniors/19), Alejandro Garnacho (Man Utd Reserve/18) oder Luka Romero (Lazio/17) aufblühen. 

Von der Spielanlage besitzt Paulo Dybala das grösste Potential, um die bald  verwaiste Stelle zu besetzen. Der 28-Jährige hatte bisher das Pech, als klassischer Regisseur ein Opfer von Messis Dominanz zu werden und kommt gerade mal auf 32 Länderspiele (2 Tore).

Mit guten Leistungen bei seinem neuen Arbeitgeber – Barcelona, Atlético, PSG und Inter sollen im Gespräch sein – will La Joya wieder an die Anfangszeit bei Juve anknüpfen, und dann auch die einst so hoch gehandelten Versprechungen in der Heimat in der Nationalmannschaft endlich erfüllen. Dybala kann sich bei Messi erkundigen, wie toll sich das anfühlt.