Ninas Tagebuch – «Sobald ein Training fertig ist, sagt ein Verantwortlicher, wie viel Zeit dir noch bleibt»

Von Nina Betschart

22.7.2021

Nina Betschart (rechts) und Partnerin Tanja Hüberli befinden sich bereits seit vergangenem Freitag in Tokio.
Nina Betschart (rechts) und Partnerin Tanja Hüberli befinden sich bereits seit vergangenem Freitag in Tokio.
Bild: Keystone

Ab dem 23. Juli, mit einem Jahr Verspätung und unter aussergewöhnlichen Vorzeichen, steigen in Tokio die Olympischen Sommerspiele. Erstmals mit von der Partie ist die Beachvolleyballerin Nina Betschart. Für «blue Sport» schildert die 25-Jährige ihre Eindrücke aus dem olympischen Dorf.

Von Nina Betschart

22.7.2021

Nina Betschart bildet mit Tanja Hüberli das aktuell siebtbeste Beachvolleyball-Duo der Welt. Auch im Olympia-Ranking wird das Schweizer Paar als Nummer 7 geführt und gehört nach den jüngsten Auftritten gar zum erweiterten Kreis der Medaillenanwärterinnen. In ihrem Tagebuch gewährt Nina Betschart exklusive Einblicke und schreibt für «blue Sport» über ihr erstes Olympia-Abenteuer in Japan.

Die Anreise, Freitag, 16. Juli

Der Start in unser Abenteuer verläuft wie am Schnürchen. Zusammen mit zahlreichen anderen Athleten aus unterschiedlichen Sportarten geht es am späten Donnerstagabend am Zürcher Flughafen los in Richtung Tokio. Der rund 11-stündige Flug verläuft sehr angenehm, wir finden uns dank Swiss Olympics ausnahmsweise in der Businessclass wieder und können lange schlafen – im Vergleich zu Flügen in der Economyclass richtig entspannend.

Etwas mühsamer wird die Reise nach der Landung in Japans Hauptstadt. Wir wurden glücklicherweise vorgewarnt, dass sich längere Wartezeiten ergeben könnten. Und so ist es auch: Nachdem wir lange gut vorwärtskommen, braucht die Passkontrolle viel Zeit – insbesondere für die Schiess-Equipe um Heidi Diethelm, die mit uns in einer Gruppe einreist. Am Schluss kommt es darauf aber nicht an.

Denn als wir um ca. 20:30 Uhr Ortszeit aus dem Flughafen kommen, erklärt uns ein Verantwortlicher, dass der nächste Bus erst um Mitternacht fahren soll. Also geht es erstmals zurück in den Warteraum. Letztlich müssen wir aber nicht die vollen dreieinhalb Stunden abwarten und fahren kurz vor 23 Uhr los. Danach verläuft alles reibungslos, im Schweizer Haus im olympischen Dorf werden wir zu später Stunde noch von Ralph Stöckli empfangen. Der Chef de Mission erklärt vor der Nachtruhe noch einige wenige Dinge – zum Beispiel, wie die Klimaanlage geht, da diese nur japanisch beschriftet ist.

Schwierig zu lesen: die Bedienung der Klimaanlage in den Appartements des olympischen Dorfes.
Bild: zVg

Tag 1 und 2: Die ersten Stunden im Dorf

Nach der gut überstandenen ersten Nacht im einfachen, aber bequemen Bett haben wir ausreichend Zeit, um uns im Dorf einzuleben. Denn der Zugang zu den Spielfeldern bleibt uns über die ersten beiden Tage nach der Ankunft verwehrt. Imposant ist der riesige, zweistöckige Ess-Saal mit diversen Ständen und bemerkenswerter Auswahl. Jeder einzelne Platz ist vollends mit Plexiglas geschützt – auf beiden Seiten und vorne. Mit der Person vis-à-vis kann man nicht sprechen, man versteht nichts. Und für den Gang ans Buffet muss man Handschuhe tragen.

Auch unter freiem Himmel werden Corona-Sicherheitsmassnahmen grossgeschrieben. Die erste kleine Trainingseinheit auf dem Rasen vor der Unterkunft müssen wir mit Maske und bei 40 Grad absolvieren. Viel angenehmer ist dann die anschliessende Physiotherapie.

Stets mit Maske unterwegs: Nina Betschart und Tanja Hüberli.
Bild: zVg

Wie in der kommenden Zeit immer beginnt auch der Sonntag für uns mit einem Spuck-Coronatest, den wir bis 8 Uhr abgegeben haben müssen. Es ist so ziemlich das Erste, was wir nach dem Aufstehen jeweils tun. Nach einer Einheit im ebenfalls riesigen Kraftraum erkunden wir am Sonntag das olympische Dorf per Velo und bleiben in einem Kleiderladen hängen. Das erste T-Shirt ist bereits gekauft. Ansonsten verläuft der zweite Tag in Japan ruhig – mit Ausnahme der Bekanntgabe des positiven Corona-Tests eines tschechischen Beachvolleyballers.

Gegnerin von Hüberli/Betschart positiv getestet

Am Donnerstag wird bekannt, dass mit Marketa Slukova eine weitere Tschechin positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Slukova wäre mit ihrer Partnerin Barbora Hermannova Gegnerin im zweiten Gruppenspiel. Die Auswirkungen sind derzeit noch unklar. 

Dieser Stimmungsdämpfer macht uns einmal mehr klar, wie sehr man aufpassen muss. Und dass selbst dann ein Restrisiko bleibt. Du darfst dich deshalb aber auch nicht verrückt machen lassen. Wir haben uns vorgenommen, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um eine Ansteckung zu verhindern. Ein positiver Test wäre wohl das Schlimmste, was dir hier passieren kann. Wenn dann ein Fall aus deiner Sportart bekannt wird, wird dir das wieder bewusst. 

Tag 3 bis 5: Der Trainingsauftakt

Gefühlt mit jeder Stunde füllt sich das olympische Dorf mehr und mehr, mittlerweile ist es kein Vergleich mehr zu den ersten beiden Tagen. Auch im Kraftraum herrscht Hochbetrieb. Allerdings kommt man mit Athleten anderer Nationen bisher nicht wirklich in Kontakt. Zudem ist nur schwierig zu erkennen, wer einem gerade begegnet, weil alle Sportler eine Maske und dasselbe Outfit tragen.

Tag drei bringt uns endlich den ersten Besuch bei den Courts und im beeindruckenden Stadion, das eine rund 20-minütige Busfahrt vom Dorf entfernt ist. Insbesondere der Center Court ist sehr schön gemacht. Es hat zudem eine gemütliche Lounge, Duschen und Eisbäder. Wenn man zum ersten Mal im grossen Stadion steht, stellt man es sich automatisch mit vollen Zuschauerrängen vor. Leider wird dieser Fall nie eintreffen, aber wir konnten uns ja lange auf diese Situation einstellen. Deshalb überwiegt auch in diesem Moment die Begeisterung.

Der imposante Center Court des olympischen Beachvolleyball-Turnieres.
Der imposante Center Court des olympischen Beachvolleyball-Turnieres.
Bild: zVg

Neben dem Center Court hat es zusätzlich zwei Warm-up-Courts, wo ganz selten auch Matches ausgetragen werden, und diverse Trainingscourts. Aus Fairness-Gründen hat jedes Team vor dem Turnierauftakt sowohl auf dem Center als auch auf einem Warm-up-Court mindestens 45 Minuten Zeit zur Verfügung. Alles ist genau durchgeplant. Für die erlaubten Trainings auf den Match-Courts wird man per Golfkart zum Feld gefahren. Und sobald die Session zu Ende ist, sagen dir die Verantwortlichen, wie viel Zeit dir auf dem Gelände noch bleibt.

So geschehen am Dienstag, als Tanja und ich erstmals Luft auf dem Center Court schnappen können. Der vorherrschende Wind erschwert die Bedingungen, macht aber immerhin die Hitze erträglicher. Nichtsdestotrotz haben wir uns am Mittwoch einen Ruhetag verdient – bevor es in der zweiten Woche im olympischen Dorf so richtig losgeht.

Bis zum nächsten Mal, eure Nina.

Die Schweizer Beachvolleyball-Crew für Olympia beim Abflug in Zürich.
Bild: Swiss Volley