Verbale Prügel für Tennis-Verband nach Davis-Cup-Entscheid

17.8.2018 - 12:44, wer

«Ruhe in Frieden, Davis Cup»  – so der Tenor in den Sozialen Medien nach dem Entscheid des Weltverbands, den traditionsreichen Wettbewerb ab 2019 umzukrempeln.
Bild: Twitter

Den Davis Cup in seiner bisherigen Form gibt es ab 2019 nicht mehr. In Zukunft soll der Sieger in einer grossen Finalwoche an einem neutralen Ort ermittelt werden. Für Weltverbands-Boss David Haggerty ist das ein grosser Sieg. Viele Fans, Exponenten und Nationen-Verbände sind dagegen bitter enttäuscht.

Brisant: Hinter den neuen Davis-Cup-Plänen steckt die von Spaniens Fussballstar Gerard Piqué geführte Investmentfirma Kosmos, die dem Internationalen Tennisverband (ITF) für 25 Jahre drei Milliarden Dollar versprochen hat.

Die Radikal-Reform hat indessen nicht nur wirtschaftliche Hintergründe, auch sportlich wird sich einiges ändern: Insgesamt 18 Mannschaften werden zunächst in sechs Dreier-Gruppen und danach im K.o.-System mit Viertelfinale, Halbfinale und Finale den neuen Champion ausspielen. Zudem wird statt über drei Gewinnsätze nur noch über zwei Gewinnsätze gespielt. Statt vier Einzeln und einem Doppel wird es nur noch zwei Einzel und ein Doppel geben.

«Ändert wenigstens den Namen» – Skepsis auch bei Lüthi

«Ruhe in Frieden, Davis Cup», «Ändert euren Namen, mit dem Davis Cup hat das nichts mehr zu tun», «Das passiert, wenn man die Zukunft eines Formats in die Hände eines Fussballers legt» – sind nur einige von zahllosen User-Kommentaren in den Sozialen Medien nach dem Entscheid, den Wettbewerb umzukrempeln. Positive Reaktionen lassen sich praktisch nicht finden. 

Etwas differenzierter äussert sich Severin Lüthi, seit 2005 Davis-Cup-Captain der Schweiz. In einem Interview mit «SRF» sagt Lüthi:

«Wir werden sehen, ob es nun besser wird. Der Davis Cup hatte am Ende zweifelsfrei seine Probleme. Ich war immer einer, der den Wettbewerb liebte. Heim- und Auswärtsspiele waren immer etwas Besonderes. Vielleicht müsste man den Wettbewerb nun anders nennen. Aber man muss ihm eine Chance geben.»

«Für mich geht die Tradition verloren.»

Severin Lüthi, Schweizer Davis-Cup-Captain

Und weiter: «Für mich geht die Tradition verloren. Die Länderspiel-Atmosphäre wird es wohl so nicht mehr geben. Aber ich habe mich in der Diskussion auch immer ein bisschen rausgehalten, weil auch ich keine perfekte Lösung hatte. Es war eine schwierige Entscheidung, hoffen wir das Beste.»

Positiv äussert sich der Schweizer Tennisverband 

René Stammbach, Präsident von Swiss Tennis und ITF-Vizepräsident, freut sich dagegen über das Resultat der Abstimmung: «Wir freuen uns sehr. Das war aus meiner Sicht die richtige Entscheidung der nationalen Verbände, um den Davis Cup zukunftsorientiert zu positionieren und ihn für Spieler, Sponsoren, Medien und Fans attraktiv zu machen.»

Andere Verbände – vor allem der deutsche und der australische – hatten sich indes vehement gegen die Reform gewehrt und sind nun bitter enttäuscht. «Dieser Entscheid bedeutet, dass man möglicherweise über Jahre hinweg kein Heimspiel mehr austragen wird. Das ist ein falscher und viel zu radikaler Ansatz», klagt zum Beispiel der deutsche Verbandspräsident Ulrich Klaus. «Es wurde nur über Geld, aber nicht über Sport geredet.»

Ganz anders natürlich die Gemütslage bei David Haggerty, dem ITF-Vorsitzenden. «Das neue Event wird ein richtiges Festival von Tennis und Unterhaltung», freut sich der Amerikaner.

Die Freude der Investoren nach Bekanntwerden der Abstimmung.
Bild: Getty Images

Sehr viele Fragezeichen

Ob die grossen Stars der Szene, die sich zum Entscheid mehrheitlich nicht äussern, dann aber dabei sind, wird sich aber noch zeigen müssen. Nur die wenigsten haben sich vor der Abstimmung klar positioniert. Ein Haken könnte der Termin in der Woche nach den ATP Finals sein. In den nächsten beiden Jahren finden diese noch in London statt, danach ist der Austragungsort offen. Die ersten beiden Finalwochen (2019 und 2020) des neuen Davis Cups werden in Lille oder Madrid ausgetragen, für die Zeit danach ist Indian Wells interessiert.

Sollten aber die beiden Events geografisch zu weit auseinanderliegen, wird es für die Spieler schwierig. Auch so dürfte eine Verlängerung der sowieso schon langen Saison nicht bei allen auf grosse Freude stossen.

Für die Schweiz ist klar: Ohne Roger Federer und Stan Wawrinka dürfte die Qualifikation für das Finalturnier sehr schwierig werden, doch wenn die beiden für November zusagen würden, dürfte eine Wildcard sicher sein. So oder so könnte aber das Abstiegs-Playoff vom 14. bis 16. September in Biel gegen Schweden für längere Zeit das letzte Heimspiel des Schweizer Davis-Cup-Teams sein.

Für viele Tennis-Fans sind sie die Sündenböcke: Barça-Spieler Gerard Piqué und ITF-Präsident David Haggerty (rechts).
Bild: Getty Images

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