So hoch wie ein Fussballtor: Fidel Castros König der Lüfte

SDA

29.7.2020 - 05:05

Am 29. Juli 1989 springt Javier Sotomayor als erster Mensch so hoch wie ein Fussballtor. 2003 endet die Karriere des Kompagnons von Kubas Staatschef Fidel Castro als gedopter Wiederholungstäter.

Javier Sotomayor, der baumlange Kubaner mit den Federbeinen, war erst 21, damals im Juli vor 31 Jahren. Und doch war er im Hochsprung längst eine feste Grösse. Seit fünf Jahren schon übersprang er die 2,30 m regelmässig, die es für die Zugehörigkeit zu den Weltbesten braucht. Drei Monate vor seinem 22. Geburtstag stellte er zum zweiten Mal einen neuen Weltrekord auf. 2,43 m hatte er elf Monate zuvor im spanischen Salamanca überquert und damit die Bestmarke des Schweden Patrick Sjöberg überboten, noch einen Zentimeter mehr nun an den Karibik-Meisterschaften in Puerto Rico.

Schon in seinen ganz jungen Jahren gab es kaum Zweifel, dass im kommunistischen Kuba ein mit einem besonderen Talent gesegneter Athlet heranwächst. Javier Sotomayors Körper ragte früh weit in die Höhe – seit dem internationalen Durchbruch schwankten die Angaben zwischen 1,93 und 1,95 m. Für einen Hochspringer sind das gewiss gute Anlagen, aber noch keine, die ihn von der Konkurrenz abheben. Sotomayor war zudem technisch begabt, verfügte über eine exzellente Sprungkraft und den nötigen Trainingsfleiss. Der Mann von der Zuckerinsel war das perfekte Gesamtpaket.

«Ich bin ein Produkt von Fidel Castros Kuba»

Bereits als 14-Jähriger hatte Sotomayor die 2 Meter geknackt, mit 16 war er bei 2,33 m angelangt. 1993 verbesserte er seinen Weltrekord noch einmal, auf die bis heute gültige Marke von 2,45 m, wiederum in Salamanca. Nicht weniger als 21-mal, so oft wie kein anderer, meisterte er die Höhe von 2,40 m. Als er 2001 zurücktrat, tat er dies als erfolgreichster Hochspringer aller Zeiten, als Olympiasieger und mehrfacher Weltmeister, dessen Palmarès wohl nur wegen politischer Einflüsse nicht noch üppiger dekoriert war. Unter anderem konnte er 1988 wegen Kubas Boykott nicht an den Olympischen Spielen in Seoul antreten.

Weil Sotomayor aus ärmlichen Verhältnissen stammte, identifizierte sich das ganze Heimatland mit ihm. Er war ihr «König der Lüfte». Zugleich rühmte sich Sotomayor dafür, dass er auf jegliche Einkünfte aus Preisgeldern und Sponsorengeldern verzichtete. Es war die Regierung, die ihn in Monatslöhnen bezahlte. Was er an den Meetings einnahm, kam dem kubanischen Leichtathletik-Verband zugute. «Ich brauche das ganze Geld nicht. Um Kleider zu kaufen oder auszugehen, reicht das, was ich habe. Das Geld, das ich Kuba bringe, wird für Medikamente oder andere sinnvolle Dinge ausgegeben. Es gibt Leute, die treten für Geld an – ich tue es für mein Land», sagte er 1989 nach seinem zweiten Weltrekord.

Sotomayor sah sich immer als einer vom Volk. «Ich bin ein Produkt von Fidel Castros Kuba, seine Idee einer sozialen Gesellschaft hat es mir und vielen anderen Sportlerinnen und Sportlern ermöglicht, Weltklasse zu werden. Dafür bin ich ihm bis heute dankbar», sagte er einst. Dass er sich zusehends vom Volk entfernte, das ihm die Extravaganzen gleichwohl nicht übel nahm, merkte er nicht. Vom verehrten und im Zuge seiner Erfolge bald einmal befreundeten Revolutionsführer erhielt er nach seinem ersten Weltrekord ein Haus geschenkt – mit Wänden von allesamt 2,43 m Höhe. Wenn er mit seinen Angehörigen in die Ferien wollte, stellte ihm Castro eine Villa am Meer zur Verfügung. Und auch der rote Mercedes, mit dem er Mitte der 90er-Jahre über die Strassen Havannas fuhr, hob sich von der Masse ab.

Einmal Kokain, einmal Nandrolon

Seine sportlichen Leistungen erhielten mit fortschreitendem Alter Kratzer. Anfang 1999 wurde Sotomayor vor der WM in Sevilla positiv auf Kokain getestet, zweieinhalb Jahre später, wenige Monate vor seinem Rücktritt, fiel er bei einem Test auf das anabole Steroid Nandrolon durch. Obwohl der Dopingbeauftragte des Weltverbands IAAF die Proben als «kristallklare Fälle» bezeichnete, gestand Sotomayor seine Schuld nie ein. Wie Castro bezeichnete er sich nach dem positiven Kokain-Test als «Opfer einer Intrige». Der Test müsse manipuliert gewesen sein, beteuert Sotomayor bis heute. «Ich brauche kein Doping, um 2,30 m hoch zu springen.» 2,30 m war er im Wettkampf vor der positiven Probe gesprungen.

Für das erste Vergehen erhielt Sotomayor eine zweijährige Sperre, die vom Weltverband schon nach einem Monat mit fadenscheinigen Argumenten halbiert wurde. Das Strafmass für das zweite – lebenslänglich – erübrigte sich durch den Rücktritt. Bis heute beteuert Sotomayor, er sei aus gesundheitlichen Gründen, wegen anhaltenden Problemen mit der Achillesferse, zurückgetreten.

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