Kristen Vermilyea: «Meine Brüste waren immer vor mir im Raum»

Fabian Tschamper

17.6.2020 - 00:00

Kristen Vermilyea hatte in jüngeren Jahren viele Hürden zu überwinden.
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Die in Zürich lebende Amerikanerin Kristen Vermilyea entschied sich dafür, ihre H-Oberweite zu reduzieren. Das Resultat ist eine tabubrechende Dokumentation – und weniger emotionaler und körperlicher Schmerz.

Für Kristen Vermilyea war es ein langer Weg zu einer selbstbewussten und positiv gestimmten Frau.

In ihren 20ern wuchsen ihre Brüste zu einer solchen Grösse heran, dass sie nicht nur täglichen körperlichen Schmerz zu ertragen hatte, auch die Reaktionen in der Gesellschaft machten ihr zu schaffen.

Vor zwei Jahren unternahm sie dann den Schritt einer Brustverkleinerung. Im Interview mit «Bluewin» spricht sie über Fluch und Segen ihrer Oberweite, wie sie ihr ganzes Leben lang als Sexobjekt abgestempelt wurde – und darüber, dass es völlig in Ordnung ist, hinzuschauen.

Kristen Vermilyea, wie geht es Ihnen?

Mir geht es gut, danke!

Und wie geht es Ihren Brüsten?

(Lacht) Denen geht es auch gut! Sie sind ein bisschen grösser, als ich das erwartet habe. Der Chirurg hat aber einen hervorragenden Job gemacht. Sie haben sie in einen BH gepackt, damit die Symmetrie stimmt. Wenn sie sehr klein geworden wären, dann wäre die Veränderung schwieriger hinzunehmen. Sie sind aber immer noch grösser als die Brüste vieler meiner Freundinnen.

Wenn ich Leuten sage, dass ich eine Verkleinerung hatte, dann fragen sie: ‹Moment, du hattest eine Verkleinerung› (lacht)?

In der Dokumentation «Lässig und lästig» versucht Kristen Vermilyea, Tabus zu brechen.
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Ihre Dokumentation ‹Beyond Boobs› (zu deutsch: ‹Lässig und lästig›) erzählt ihren Weg zu einem kleineren Brustumfang. Wann haben Sie zum ersten Mal gedacht, dass Ihre Brüste zu gross sind? Sie haben sie trefflich ‹Fluch und Segen› genannt.

Als ich 22 Jahre alt war, hatte ich einen Wachstumsschub. Nicht nur ich selber wurde ein paar Zentimeter grösser, auch meine Brüste wuchsen von einem C-Körbchen zu einem Triple-D und dann gar zu einem H. Und ich bin keine sehr grosse Person (1,65 Meter). Aus dem Mädchen von nebenan wurde ein Sexobjekt – meine Brüste waren vor mir im Raum. Der Fokus lag immer sofort auf meiner Oberweite.

Oha.

Sie waren also eine emotionale Last, bevor sie mir körperliche Schmerzen bereiteten. Das fing an in meinen frühen 30ern, ich hatte Nacken- und Rückenschmerzen – ganz abgesehen von den regelmässigen Kopfschmerzen. Das war der eigentliche Grund für die Reduktion. Der emotionale und gesellschaftliche Druck war sekundär.

‹Objektifizierung› ist wohl das Schlüsselwort. Wie hat sich das konkret geäussert?

Als ich etwa 30 Jahre alt war, ging ich nach New York, um Schauspielerin zu werden. In meiner Heimatstadt in New England war ich das zwar, aber ich wollte es in der grossen Stadt versuchen.

Die Rollen, die ich nach verschiedenen Castings immer bekommen habe, waren die des dummen Blondchens mit den grossen Brüsten. Meine Oberweite war also immer wichtiger als mein Talent als Schauspielerin – und das hat mich mitgenommen. Wenn man grosse Brüste hat und blond ist, dann hat man sofort den Stempel ‹einfach zu haben› auf der Stirn.

Wie haben sie dem entgegengewirkt?

Ich habe meine Haare geschnitten und dunkel gefärbt – als Experiment! Wie würde die Welt nun auf mich reagieren? Und siehe da: Das Image des Sexobjekts war plötzlich nicht mehr so präsent.

Das hat Ihnen aber nicht gereicht.

Wissen Sie, ich habe damit gespielt. Ich habe viele Gratisdrinks bekommen in Bars. Männer liebten es, diese Art des Flirtens. Ich nutzte meine Brüste zu meinem Vorteil! Ich konnte mich aus mehr als nur einer Busse herauswinden – und so bin ich eigentlich nicht! Ich bin normalerweise sehr brav.

Kristen Vermilyea wusste mit ihrer Oberweite zu provozieren.
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Aber das war Teil meines Experiments: Was passiert, wenn ich jetzt einen Knopf meiner Bluse öffne und ein bisschen flirte?

Es hat funktioniert! Ich musste keine Busse zahlen. Natürlich kann ich nicht beweisen, dass das der Grund war – aber geschadet hat es bestimmt nicht (lacht)!

Das wollte ich gerade sagen!

Aber das ist überhaupt nicht, wer ich sein will. Ich würde nie meine Tochter dazu ermutigen, aber wenn dich die Welt schon für schuldig befindet, das Mädchen mit den grossen Brüsten zu sein – dieser Stereotyp der Blondine: Warum also nicht gemäss den Erwartungen handeln und damit spielen?

Also haben Sie sich für eine Brustverkleinerung entschieden und diese auch gefilmt. Sie haben dabei nicht nur mit Ärzten gesprochen, sondern auch mit Ex-Freunden. Was haben Sie diese Männer gefragt?

(Lacht) Ja! Also meine erste Frage war immer eine punkto Identität: Wenn ich nicht mehr die Frau bin mit den grössten Brüsten im Raum, wer bin ich dann? Denn genau jene war ich mein gesamtes Erwachsenenleben lang.

Ich habe meine Ex-Freunde geradeaus gefragt: Hättet ihr mich trotzdem gedatet, auch ohne meine Oberweite? Würdet ihr euch immer noch nach mir umdrehen? Das hatte auch mit meinem Alter zu tun. Das klingt jetzt schrecklich (lacht), aber eine 50-jährige Frau zu sein, das ändert halt schon, wie die Welt dich wahrnimmt.

Also hatten sie Angst davor, unsichtbar zu werden?

Das war die Frage. Wenn ich die eine Sache reduziere, die mir Aufmerksamkeit gebracht hat, wie reagiert die Welt? Natürlich weiss ich aber, dass die Menschen dann doch mich lieben – das hat nichts mit meinen Brüsten zu tun.

Wie haben Ihre Ex-Freunde reagiert? Unterstützend oder waren sie enttäuscht?

Die Reaktionen waren erwartungsgemäss. Sie liebten mich alle – ich habe keine One-Night-Stands interviewt (lacht)! Jemand hat allerdings gesagt: ‹Die Brüste gehören zu dir, sie sind ein Teil von dir, lass sie dir nicht wegnehmen.› Damit hatte er nicht unrecht. Sie gehörten zum Gesamtpaket.

Auch nach der Operation trägt sie dieses Shirt noch.
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Einer der Männer in der Doku, Sam, er kannte mich schon, bevor meine Brüste riesig wurden. Darum wollte ich ihn interviewen und wissen, was er denn nun darüber denkt. Und er hat gesagt: ‹Oh, du bist Kristen, mit oder ohne diese Brüste.›

Das war bestimmt schön zu hören.

Das war eine langweilige Antwort! Komm schon, sei ein oberflächlicher Macho, Sam (lacht)! Ich wollte einfach wissen, ob ich es aus den richtigen Gründen tue – nicht nur wegen der Welt, sondern auch wie ich mich selber sehe nach dem Eingriff.

Nun da es vollbracht ist, was hat sich geändert?

Ganz ehrlich ist es kein grosser Unterschied. Vor der Operation dachte ich, meine Brüste passen besser in meinen schlanken Rahmen. Ich habe eine grosse Veränderung erwartet, aber das war es nicht. Immerhin habe ich nicht mehr so grosse Schmerzen! Ich arbeite jetzt daran, meinen Rücken und meinen Körper generell zu stärken.

Der grösste Unterschied – und das habe ich so nicht erwartet –, ist der Fakt, dass ich jetzt selber die Kontrolle habe. Ich muss jetzt beispielsweise keinen BH mehr tragen und kann so die Blicke auf mich ziehen. Wenn eine Frau die Strasse entlang geht, dann fällt es einem auf, weil sie ‹mehr herumhüpfen›. Wenn ich die Aufmerksamkeit will, dann hole ich sie mir auf diese Weise. Ich habe die Kontrolle – im Gegensatz zu vorher.

Ein gutes Stichwort: Realisieren Frauen eigentlich immer, wenn ein Mann ‹schaut›?

Grossartige Frage. Ich glaube, wir merken es mehr, als ihr denkt (lacht)! Die meisten Männer sind nicht wirklich fähig, subtil zu sein. Ich war es gewohnt, dass Männer schauen. Darum glaube ich, dass ich sehr gut darin wurde, einen Mann dabei zu ertappen.

In meinem TED-Talk geht es genau darum. Er heisst ‹It's ok to look›. Es ist völlig in Ordnung, die Körper anderer Menschen anzuschauen. Das gehört zum Menschsein, wir sind biologische Kreaturen. Erst das Starren ist ein Problem, die Objektifizierung. Meiner Meinung nach ist es kein Problem, auf der Strasse einer Frau nachzuschauen – das mache ich auch.

Und für die Person ist es ja nicht unbedingt etwas Schlechtes.

Genau! Wenn Sie jemanden bemerken, der Sie anschaut, ist es doch schmeichelnd. Es gibt einem ein gutes Gefühl, kann einem den Tag retten. Das brauchen wir alle ab und zu.

Was war die Botschaft, die Sie durch ‹Beyond Boobs› mit der Welt teilen wollten?

Die Leute sollten mehr Dinge hinterfragen. Und noch wichtiger: Die ganzen Tabus sollten verschwinden. Lasst uns über Körper reden, über Brüste, alles. Warum wir Frauen und Männer zu Objekten machen. Darum ging es mir auch. Lasst uns über die Dinge sprechen, die uns unangenehm sind. Wenn man die Geschichte eines anderen Menschen hört, dann darf die eigene Story auch erzählt werden. So realisieren wir: ‹Oh, diese Person hat die gleichen Erfahrungen gemacht, ich bin nicht allein.› Das gibt unfassbaren Aufwind.

Zum Schluss: ‹Body Positivity› ist eine Einstellung, mit der viele junge Menschen kämpfen. Was sagen Sie diesen?

Zuallererst: Wenn ihr in den Spiegel schaut, fühlt euch ermächtigt. Lasst euch nicht sagen, wie ein perfekter Körper auszusehen hat. Euer Körper ist eure Verantwortung, da hat euch niemand etwas zu sagen. Auch müsst ihr tun, was für euch stimmt. Ihr wollt grössere Brüste? Go for it. Kleinere? Auch kein Problem. Es muss für euch stimmen, niemanden sonst. Magazine und Promis wollen – vor allem jungen Frauen – sagen, wie ihr Körper auszusehen hat. Das ist Bullshit.

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