Schweizer in LA: IV

Bei dieser Bernerin fühlen sich Hollywoods Plus-Size-Stars am wohlsten

Von Marlène von Arx

2.5.2020

Kürzer, enger, weiter – oder am liebsten etwas ganz Neues? Die Berner Schneiderin und Designerin Daniela Kurrle sorgt dafür, dass sitzt, was Hollywood-Stars wie Melissa McCarthy über die roten Teppiche tragen. 

«Hurra, es kommen nochmals 448 Milliarden Dollar zum Schutz für Kleinunternehmen, vielleicht kriege ich diesmal etwas ab!», sagt Daniela Kurrle – sie hat während unseres Facetime-Interviews gerade eine Push-Nachricht auf ihr Handy bekommen, die ihr kleines Unternehmen retten könnte.

Die Schneider-Meisterin aus Bern führt in Los Angeles ein kleines Atelier, in dem sie Star-Designer-Kleider abändert und eigene Kreationen für Privatkundinnen und die Filmindustrie anfertigt.

In Hollywood gilt sie als die Top-Adresse für Plus-Size-Stars wie Melissa McCarthy («Taffe Mädels»), Gossip-Sängerin Beth Ditto und Chrissy Metz («This is Us»).

Aber seit Corona läuft nichts mehr. Ihre Kundinnen bleiben zu Hause. Es gibt keine Filmproduktionen mehr, keine Premieren, keine Galas, keine roten Teppiche.

«Das Business ist total tot. Meine vier Teilzeit-Angestellten sind bis auf Weiteres freigestellt, die festangestellte Mitarbeiterin zahle ich noch. Mit dem Atelier-Vermieter schaue ich, ob wir eine Mietanpassung machen können.» Wenn sie keine Staatshilfe bekommt, ist irgendwann aber auch ihr Notpolster aufgebraucht.

Die 54-Jährige macht sich darüber jedoch vorläufig noch keine allzu grossen Sorgen. Lösungen gibt es immer, ist sie optimistisch, denn Geschäftsumstrukturierungen hat sie schon mehr als einmal erlebt. Die letzten Wochen hat sie Masken genäht – alle gratis, für Pflegepersonal, Freunde und Familie: «So hatte ich das Gefühl, dass ich etwas helfen kann, und es gab mir auch eine Beschäftigung.»

Daneben belegt sie Webinars für Kleinunternehmer und wie man sich in Corona-Zeiten seine Angebote neu promoten kann. «Es wird wohl zuerst sein wie nach der Rezession: Wir werden wieder mehr flicken und Consulting machen – was man abändern oder neu kombinieren kann, was bereits im Schrank hängt», so Kurrle.



Die fünf Hochzeiten diesen Sommer, für die sie das Brautkleid hätte nähen sollen, wurden alle abgesagt: «Momentan hoffe ich noch, dass wir vielleicht im Sommer mit der Arbeit für die Mini-Serie ‹Nine Perfect Strangers› mit Melissa und Nicole Kidman beginnen können.»

Mit McCarthy auf einer Wellenlänge

Mit der Schauspielerin Melissa McCarthy passte es auf der menschlichen Ebene bereits bei der ersten Naht: Daniela Kurrle wurde von einer Stylistin an ein Foto-Shooting gebucht, um dafür zu sorgen, dass die Outfits von Melissa McCarthy perfekt sitzen. Die beiden verstanden sich sofort prächtig, und McCarthy liess die Schweizerin fortan für alle ihre Kleideranliegen buchen – egal ob für einen Film, für eine Pressetour oder privat.

Daniela Kurrle folgte dem vielbeschäftigten Star vor Kurzem für vier Monate nach Atlanta, um am Film «Thunder Force» mit der Kostümdesignerin zusammen zu arbeiten. «Das hat wirklich ‹gfägt›», schwärmt Daniela Kurrle.

Sie hat mit der Oscar-nominierten Schauspielerin im Weiteren an einer Plus-Size-Fashion-Linie zusammen gearbeitet, einen Stunt-Suit mit extra Polstern für das Drehen in einem Harness entwickelt und den Sketch eines Nachwuchs-Designers für McCarthys Reality-Show «Little Big Shots» umgesetzt.

Schnell und effizient muss es oft gehen, wenn Daniela Kurrle in eine Hotel-Suite zu einem Fitting gerufen wird. Da kann es auch mal sein, dass sie vergisst zu fragen, für wen sie denn schnell ein Alberta- Ferrett- Kleid anpassen muss: «Und so klopfte ich einmal im Peninsula Hotel an eine Zimmer-Tür und Meryl Streep machte auf. Da habe ich schon kurz leer geschluckt», sagt Kurrle lachend.

Wie die meisten Kundinnen erkundigte sich auch Streep zuerst, woher denn ihr Akzent käme. «Alle kennen und lieben die Schweiz», so das Fazit. «Viel Zeit zum Plaudern bleibt aber nicht. Ich komme rein, sage ‹Hallo wie geht’s? Kannst du dich bitte ausziehen?›»

Was sich Daniela Kurrle dann offenbart, darf sie vertraglich geregelt nicht ausplaudern.

Der geheimste Auftrag bisher war wohl das allererste Foto-Shooting von Caitlyn Jenner nach der Geschlechtsumwandlung: «Es mussten alle zwei Meilen entfernt von ihrem Haus in Malibu parkieren und wurden in einem Minibus hingefahren, damit die Paparazzi nichts mitbekamen», erinnert sich Kurrle.

Auch mit den Kardashians hat sie schon für einen Promo-Shoot gearbeitet, was eine ziemliche Herausforderung darstellte. «Sie könnten zwei Vollzeit-Schneiderinnen anstellen. Das ist mir zu stressig.»

Egal wer es ist und wie ideal der Körper, man muss immer etwas ändern, hat sie über die Jahre festgestellt.

Kurrle machte die Schneiderinnen-Meisterprüfung in der Schweiz, besuchte dann das Fashion Institut in Los Angeles und arbeitete an den Opern von Rom und New York, bevor sie sich in L.A. niederliess. Sie hat es nie bereut.

Im Januar sorgte sie dafür, dass bei Kit Harington und Leslie Rose an den Golden Globes alles perfekt sitzt: «Als grosser ‹Game of Thrones›-Fan hat mich dieser Auftrag besonders gefreut!» Fast zehn Jahre gealtert ist sie dafür, als ein Kurier einst das Kleid für Laura Dern verlor: «Wir nähten die ganze Nacht an einem Ersatz. Am Schluss hing das verlorene Kleid im Kurier-Büro!»

Ein grosser Zukunfts-Trend auf dem roten Teppich ist das «Repurposing», das Wiederverwenden von bereits gesehenen Kleidern: Kurrle-Kundin Jane Fonda («Barbarella») hat beispielsweise geschworen, keine neuen Kleider mehr zu erwerben. Sie trug bei den diesjährigen Oscars ein Elie-Saab-Kleid, das sie bereits 2014 in Cannes trug.

Auch für Chrissy Metz und Melissa McCarthy werden alte Sachen hervorgeholt, und Daniela Kurrle verändert sie, damit sie nochmals verwendet werden können: «Da schauen wir bewusst mehr und mehr darauf.»

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