Darum werfe ich kein Essen mehr weg

Marianne Siegenthaler

6.4.2021

Zwei volle Kompostcontainer voll mit Bioabfall, fotografiert am 12. Januar 2021 in Zuerich. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
2,8 Millionen Tonnen Lebensmittel landen in der Schweiz pro Jahr im Abfall. Das entspricht 330 Kilogramm pro Person und Jahr oder etwa einem Viertel der Treibhausgase, die wir durch unsere Ernährung verursachen.
Bild: Keystone

Lebensmittel wegwerfen? Geht gar nicht, findet die Kolumnistin. Denn mit etwas Planung, Kreativität und Flexibilität lässt sich Food Waste ganz einfach vermeiden.

Ein Drittel aller Lebensmittel wird fortgeworfen. Food Waste nennt man das, und in der Schweiz sind es 330 Kilogramm einwandfreie Nahrungsmittel pro Person und Jahr, die im Abfall landen.

Ich gebe es zu: Bis vor Kurzem gehörte ich auch zu den Food-Wasterinnen. Wenn das Verbrauchsdatum abgelaufen war – weg damit. Wenn nach dem Essen was übrig blieb – weg damit. Wenn mir was nicht schmeckte – weg damit.

Lange Zeit dachte ich, die paar Kartoffeln, die Scheibe Schinken oder das angebrochene Joghurt, das macht doch kaum etwas aus. Stimmt eben nicht. Das summiert sich, denn wie anders lässt sich erklären, dass mit unserem Food Waste 150'000 Lastwagen beladen werden könnten? Aneinandergereiht gäbe das eine Kolonne von Zürich bis Madrid.

Kochen nach Ablaufdatum

Also hab ich Besserung gelobt. Ab sofort wird nichts mehr weggeschmissen – ausser Lebensmittel, die wirklich verdorben sind, seltsam riechen oder sich unter einer Schimmelschicht verstecken. Denn die Gesundheit will ich mir ja nicht ruinieren.

Zur Autorin: Marianne Siegenthaler
Bild: zVg

Marianne Siegenthaler ist freie Journalistin, Texterin und Buchautorin. In ihrer Kolumne nimmt sie die grossen und kleinen, die schrägen und schönen, die wichtigen und witzigen Themen des Alltags unter die Lupe – mal kritisch, mal ironisch, mal mit einem Augenzwinkern. Sie ist verheiratet, hat eine erwachsene Tochter und lebt am Zürichsee. www.texterei.ch

Deshalb hab ich in einem ersten Schritt begonnen, nach Ablaufdatum zu kochen. Es stellt sich also nicht mehr die Frage «Was wollen wir heute essen?», sondern «Was läuft denn heute ab?».

Damit ist unsere Familie nicht schlecht gefahren – wenn auch manchmal das Lustprinzip etwas gelitten hat. Aber egal. Für die gute Sache esse ich auch einmal Salat, der morgen nicht mehr frisch ist, obwohl mir Gemüse lieber wäre.

Eine weitere Hürde ist eine ganz persönliche: Ich kaufe nicht gern ein. Schon gar nicht, wenn ich dafür Schlange stehen muss. Also packe ich, wenn ich dann schon einmal in einem Laden stehe, so schnell wie möglich den Korb oder Wagen voll. Und damit kaufe ich halt auch mehr, als wir rechtzeitig aufbrauchen können.

Das versuche ich mir jetzt abzugewöhnen. Ich mache mir eine Liste und halte mich daran. Und ich bin vermehrt in Hofläden anzutreffen. Da muss man in der Regel nicht anstehen und kann auch kleinere Mengen kaufen.

Braucht zwar etwas Zeit, macht aber Spass

Was auch hilft: In unserem Kühlschrank herrscht endlich Ordnung. Da geht nichts mehr vergessen, nur weil es in der hintersten Ecke steht. Die Silberzwiebeln fürs Raclette, damals im Winter 2019. Oder die selbst gemachte Konfitüre, die trotz langer, langer Lagerung immer noch zu dünn ist.

Und auch die Tupperware-Behälter im Tiefkühler sind fein säuberlich angeschrieben mit Inhalt und Datum. Da kann es mir nicht mehr passieren, dass ich erst nach dem Auftauen erkennen kann, um welche Speise es sich handelt.



Eine echte Herausforderung sind auch Kleinst-Resten. Eine Mini-Portion Reis, ein halbes Wienerli oder ein Tässchen haugemachte Gulaschsuppe – was kann man damit anfangen?

Da ist Kreativität gefragt, allenfalls hilft das Internet weiter. Bei Fooby  beispielsweise kann man zwei Zutaten eingeben und bekommt passende Rezepte. Noch lieber denke ich mir selber was aus – und bin immer mal wieder überrascht, wie fein auch Resten schmecken können.

Kurz: Mein schlechtes Gewissen in Sachen Food Waste ist inzwischen derart ausgeprägt, dass ich nicht mal mehr Rüstabfälle wegwerfe. Die kann man nämlich zu Saucenfonds oder Gemüsebouillons verarbeiten.

Das braucht zwar etwas Zeit, macht aber auch Spass – und schmeckt unvergleichlich gut. Guten Appetit!

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