Heidi soll Louis endlich von diesem Berg vertreiben

Von Caroline Fink

19.7.2021

Das Finsteraarhorn mit dem kleineren Nachbarn namens Agassizhorn, Berner Alpen, Kantone Wallis und Bern, Schweiz * The Finsteraarhorn with its smaller neighbour Agassizhorn, Bernese Alps, cantons of Valais and Bern, Switzerland
Das heutige Agassizhorn (links) ragt als kleinerer Nachbargipfel des 4274 Meter hohen Finsteraarhorns in den Berner Alpen auf.
Bild: Caroline Fink

Seit Jahren ist ein Gipfelname in den Berner Alpen Stein des Anstosses: Das Agassizhorn ist nach einem ausgewiesenen Rassisten benannt. Eine SAC-Sektion will dies definitiv ändern. Das begrüsst unsere Kolumnistin, auch wenn sie eine ganz eigene Lösung parat hat.

Von Caroline Fink

19.7.2021

Ich weiss nicht warum, doch weltweit erhalten hohe Berge seit Jahrhunderten die Namen mehr oder minder berühmter Menschen.

Bekanntestes Beispiel: der 8848 Meter hohe Sagarmatha heisst seit 1856 Mount Everest, benannt nach einem britischen Landesvermesser. Was ich doch eher seltsam finde, eine Form menschlichen Grössenwahns quasi.

In der Schweiz indes blieben fast alle Gipfel davor bewahrt, menschliche Namen zu tragen. Aber eben nur fast. So kennen auch wir die Dufourspitze nahe Zermatt, notabene höchster Gipfel des Landes. Oder aber das Studerhorn und das Scheuchzerhorn in den Berner Alpen. Sie erinnern an Topografen, Generäle, Forscher und Pioniere der Bergsteigerei.

Sein Name sorgt für Unmut

Kaum jemand stört sich jedoch an diesen Gipfelnamen. Selbst ich habe mich daran gewöhnt. Mit einer Ausnahme: dem 3947 Meter hohen Agassizhorn, das als Nachbargipfel des mächtigen Finsteraarhorns in den Berner Alpen aufragt.

Zur Autorin: Caroline Fink
Bild: Gaudenz Danuser

Caroline Fink ist Fotografin, Autorin und Filmemacherin. Selbst Bergsteigerin mit einem Flair für Reisen abseits üblicher Pfade, greift sie in ihren Arbeiten Themen auf, die ihr während Streifzügen in den Alpen, den Bergen der Welt und auf Reisen begegnen. Denn von einem ist sie überzeugt: Nur was einen selbst bewegt, hat die Kraft, andere zu inspirieren.

Seit Jahren sorgt sein Name für Unmut. Warum?

Weil sein Namensgeber, der Fribourgeois Louis Agassiz (1807–1873), nicht nur ein brillanter Zoologe und Gletscherforscher, sondern auch ein überzeugter Rassist war.

Einer, der farbige Menschen als minderwertig betrachtete und als Professor in den USA afrikanische Sklaven nackt ablichten liess, um anhand der Bilder die Überlegenheit der weissen Rasse zu beweisen.

Den Berg von seinem unrühmlichen Namen zu befreien, darum bemühten sich in den vergangenen Jahren denn auch Schweizer Politiker, Künstlerinnen und Kulturschaffende. Franz Hohler etwa war einer von ihnen. Bisher blieben ihre Efforts jedoch erfolglos – Agassiz besetzt weiter sein Horn.

Kein rühmliches Erbe: Fotos afrikanischer Sklaven, die der Schweizer Forscher Louis Agassiz zu Forschungszwecken anfertigen liess.
Unrühmliches Erbe: Fotografien afrikanischer Sklaven, die der Schweizer Forscher Louis Agassiz zu Forschungszwecken in den USA anfertigen liess.
Archiv Harvard University

Nun aber kommt erneut Bewegung in die Sache, denn die Sektion Baldern des Schweizer Alpen-Clubs SAC – einstige Sektion des Schweizerischen Frauen-Alpenclubs SFAC – entschied jüngst, die Geschichte neu aufzurollen: Per sofort will sich der SAC Baldern dafür einsetzen, das Agassizhorn umzutaufen.

Und zwar zu Ehren ihres früheren Mitglieds Heidi Schelbert (1934–2019). Einer Frau, die als Professorin für Ökonomie, Wirtschaftsforscherin und überragende Alpinistin ihr ganzes Leben lang Schweizer Frauengeschichte geschrieben hat.

Professeorin vertreibt Professor

Auch ich bin Mitglied des SAC Baldern. Und natürlich wurde auch ich gefragt, was ich davon halte. Nun, mir gefällt die Idee, dass Frau Professorin Schelbert den Herrn Professor Agassiz vom Berg vertreibt.

Denn mal ehrlich: Es gehört sich im Jahr 2021 schlichtweg nicht mehr, einen Gipfel nach einem Rassisten zu benennen.

Und wer nun sagt, Geschichte dürfe man nicht verwischen: Das stimmt, doch braucht es dann eine aktive Auseinandersetzung damit, was sowohl auf einer Landeskarte als auch in der alpinen Wildnis recht schwierig ist.

Kolumnistin Caroline Fink (links) moderierte 2012 ein Podium mit Schweizer Alpinistinnen, die Geschichte geschrieben hatten, darunter auch Heidi Schelbert (mitte), die bis ins hohe Alter eine scharfsinnige Rednerin war.
Bild: Marco Volken

Noch mehr als die Idee eines Heidi-Schelbert-Horns gefällt mir indes mein eigener Lösungsansatz: Agassiz soll auf seinem Asteroiden – ein solcher ist auch nach ihm benannt – zur Hölle fahren. Der 3947 Meter hohe Berg, übrigens ein sehr schöner Berg, darf wieder sich selbst gehören und Schönhorn oder Kleinaarhorn heissen.

Und Heidi Schelberts Leistungen gedenken wir mit der Heidi-Schelbert-Hütte – bis dato bekannt als Finsteraarhütte – am Fuss des Berges. Und natürlich mit einem zentralen Platz in Zürich.

Jawohl. So einfach könnte es sein. Wenn es denn nach mir ginge.

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