Iris Apfel – der «älteste Teenager der Welt» ist nicht ganz 100

Julia Wagner

28.8.2020 - 10:54

Iris Apfel stellt ihre Garderobe nach dem Motto «More is more and less is a bore» zusammen.
Bild: Getty Images

Der nach eigenen Angaben «älteste Teenager der Welt» wird morgen Samstag 99 Jahre alt. Die Kolumnistin hofft, dass Iris Apfel noch mindestens 120 Jahre alt wird. Ganz einfach, weil wir mehr Frauen wie sie brauchen.

Iris Apfel hat uns unheimlich viele Dinge gelehrt und Weisheiten geschenkt – und dabei meine ich nicht in erster Linie ihre bunten ikonischen Looks, mit denen sie 2005 mit einer Ausstellung im Metropolitan Museum schlagartig bekannt wurde, als einzige Nichtdesignerin übrigens. Ich meine auch nicht ihre Lust an Mode und Farben und ihr berühmtes Zitat «More is more and less is a bore».

Vielmehr ist Iris Apfel die personifizierte Rache der Alten am ewigen Jugendwahn. Und das ist gut so.

In einer Zeit, wo stark bearbeitete Selfies ein völlig verschobenes Schönheitsideal kreieren, dank Instagram-Filter eigentlich niemand mehr Falten hat und Influencer mehr mit Posen als mit Persönlichkeit berühmt werden, brauchen wir eine wie Iris Apfel dringender als ein Stück glutenfreies Protein-Brot.

Kein anderer Social-Media-Star hat besser gezeigt, dass Stil wichtiger ist als Schönheit, dass Attraktivität länger hält, als hübsch zu sein, aber dass man auch nur dann wirklich attraktiv ist, wenn man auch eine interessante Persönlichkeit hat – vor allem im Alter.

Erst mit 84 berühmt geworden

Iris Apfel selbst hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie keine klassische Schönheit war. In den 1940er-Jahren galt ihr Aussehen als «apart», was wohlmeinend war und nicht mehr als durchschnittlich bis nicht besonders hübsch bedeutete.

In der Schule beobachtete sie die Mädchen mit den perfekten Haaren, die Ballköniginnen, die mit Sportlern ausgingen, und sagte darüber später einmal: «Sie verliessen sich auf ihr Aussehen, um an ihr Ziel zu kommen. In anderer Hinsicht haben sie sich nicht entwickelt – im Gegensatz zu Mädchen, die aussahen wie ich, denn wir mussten es auf anderem Wege zu etwas bringen.»

Genau dieses Mantra würde ich gerne zahlreichen Starlets, die ihren Po in einem knappen Stringtanga in die Kamera halten, um ein paar Lipgloss mehr zu verkaufen, auf ein Kissen sticken.



Vielleicht hat es auch geholfen, dass Iris Apfel erst mit 84 berühmt wurde, also in einem Alter, in dem sie bereits ein interessantes Leben hinter sich hatte – und sich nicht erst interessant machen musste. Da hatte sie, gemeinsam mit ihrem Mann Carl, das Weisse Haus schon über mehrere Jahrzehnte mit Stoffen ausgestattet, unter Präsidenten wie Harry S. Truman über John F. Kennedy bis Bill Clinton.

Cooler geht es ja wohl nicht, oder? Und auch wenn sich in fortgeschrittenem Alter wohl kein Museum für meinen Kleiderschrank interessieren wird, finde ich die Vorstellung, dass man in diesem Alter noch so neugierig aufs Leben sein und damit auch noch eine neue Karriere starten kann, unheimlich schön und auch irgendwie beruhigend.

Trägt ihre Falten stolz zur Schau

Die älteren Herrschaften, die ich persönlich so kenne, tragen oft nur mehr Beige und schwelgen lieber in der Vergangenheit, weil sie von der Zukunft nicht mehr viel erwarten. Iris Apfel ist währenddessen einfach Teenager geblieben, weil sie wie einer gedacht hat – und trägt trotzdem ihre Falten stolz zur Schau.

Wenn man mich also fragen würde, mit wem ich lieber einen Tag lang tauschen würde – mit Kaia Gerber, die mit 19 aussieht, wie die noch schönere Version ihrer Mama Cindy Crawford und noch ihr ganzes, aufregendes Supermodel-Leben vor sich hat und wohl bald einen gutaussehenden Promi-Mann an ihrer Seite oder vielleicht J.Lo, die mit 51 besser aussieht als mit 30 und darüber hinaus erfolgreich und fit ist wie eh und je oder mit Iris Apfel, die bald 99 wird, am Stock geht und bei Presseterminen nach ihren Plänen gefragt gerne mal antwortet: «Ich mache jetzt erstmal ein Nickerchen» – dann würde ich mich definitiv für die älteste der Damen entscheiden.

Apfel zeigt, dass Altwerden etwas Erfreuliches und Schönes sein kann, dass man in keinem Alter uninteressant werden muss – und dass die 20 bunten Armreifen an ihrem Handgelenk in der Geriatrie auch noch lustig klimpern können. Hauptsache, man bleibt jung im Kopf.

Die Schönheit, der heute alle verzweifelt ewig nachjagen? Völlig überbewertet.

Zur Autorin: Julia Wagner war Chefredaktorin von «miss» und später von stylebook.de. Jetzt hat sie sich einem Start-up und wichtigeren Themen als der Mode und dem Lifestyle verschrieben. Die Welt der Schönen und Berühmten betrachtet sie heute gerne mit einem kritischen Blick von aussen.


Regelmässig gibt es werktags um 11:30 Uhr und manchmal auch erst um 12 Uhr bei «Bluewin» die Kolumne am Mittag – es dreht sich um bekannte Persönlichkeiten, mitunter auch um unbekannte – und manchmal wird sich auch ein Sternchen finden.

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