Janis Joplin und ihr unersättlicher Hunger nach Liebe

Hanspeter «Düsi» Künzler

2.10.2020

27 Jahre alt war Janis Joplin geworden – genauso wie Jimi Hendrix, der weniger als drei Wochen vorher gestorben war.
Bild: Keystone

Am Sonntag sind es 50 Jahre her, seit Sängerin Janis Joplin tot in ihrem Hotelzimmer aufgefunden wurde. Eine Würdigung von Musikjournalist Hanspeter «Düsi» Künzler.

Meine Tochter, 22, verbrachte ein Jahr 2018/19 an der Universität von Kalifornien in Berkeley. Janis Joplin gehörte scheint’s zum täglichen Soundtrack im Studentenhaus, wo sie wohnte. Seither ist sie ein leidenschaftlicher Joplin-Fan.

Erstens gehe ihr die Stimme einfach unter die Haut, sagt sie. Zweitens sei Joplin die erste grosse Künstlerin gewesen, die sich als Frau im Männergeschäft «Rockmusik» durchgesetzt habe.

Und drittens bewundere sie den Mut einer Frau, die ungeachtet der Konsequenzen immer das gesagt und getan habe, wonach ihr der Sinn stand. «Wenn man das mit heute vergleicht, wo rundum alles auf aalglatte Stromlinienförmigkeit getrimmt ist ...»

Inspirierender Ausstrahlung, triste Umstände

Der Kontrast zwischen Janis Joplins inspirierender Ausstrahlung und den tristen Umständen ihres kurzen, verzweifelten Lebens könnte drastischer nicht sein. Geboren am 19. Januar 1943 in der texanischen Erdölstadt Port Arthur, wuchs Janis in einer klassisch amerikanischen, mittelständischen Familie auf und soll ein scheues Kind gewesen sein.

Als Teenager litt sie an Akne, passte auch sonst nicht ins Schönheitsideal jener Tage und wurde gnadenlos gehänselt. Sie ergriff die Flucht nach vorn, gab sich ruppiger als alle Boys rundum und tummelte sich mit Vorliebe in den verrufenen Gegenden der Stadt. Als Teenager verkaufte sie ihre Gemälde in den lokalen Cafés, mit zwanzig fing sie an, dort auch zu singen.

Dabei wechselte sie ab zwischen bluesigen Liedern von Bessie Smith und folkigen Klängen, die sie mit makelloser Glockenstimme vortrug. Schon jetzt trank sie mächtig Alkohol, konsumierte Speed und Heroin.

Ein traumatischer Vorfall an der Universität in Austin, wo sie Kunst studierte, stürzte sie noch tiefer in Depressionen. Mitstudenten hatten sie für die Wahl des «hässlichsten Studenten (sic)» nominiert. Oft hat Joplin später diesen Moment als einen Wendepunkt in ihrem Leben zitiert.

Perfektes Timing

1963 landete sie in San Francisco. Das Timing war perfekt. Die Stadt bot einen reichhaltigen Nährboden für exzentrische Konzepte, zehrte auch von der Verbindung mit Allen Ginsberg, Jack Kerouac und den anderen Schriftstellern der Beat Generation, nicht zuletzt Lawrence Ferlinghetti mit seinem ikonenhaften Bücherladen City Lights. Der gleiche Freund, der sie nach SF geholt hatte, schleuste sie in eine psychedelisch angehauchte Blues-Rock-Band namens Big Brother & the Holding Company ein.

Im Juni 1967 erlangte diese mit einem spektakulären Auftritt am Monterey Pop Festival landesweite Aufmerksamkeit. Die Melange von «weissem» Rock und «schwarzem» Blues und Soul war brisant. Das Verwischen von Rassenschranken war in weiten Teilen der USA noch unerwünscht. Zwei LPs mit Big Brother und eines mit der Kozmic Blues Band sind die einzigen Alben, die Joplin zu ihren Lebzeiten veröffentlichte.



Seit San Francisco war sie hin und her getaumelt zwischen Heroin, Entzug, Depression, Alkohol und einer atemlosen Abfolge von Liebesaffären. Ihr Hunger nach Bestätigung und Liebe sei unersättlich gewesen, liest man in den Biografien. Nur beim Singen bekam sie die Dämonen in den Griff. Am 4. Oktober 1970 wurde sie tot in einem Hotelzimmer in Hollywood aufgefunden.

Als Ursache wurde eine Überdosis Heroin genannt. 27 Jahre alt war sie geworden – genauso wie Jimi Hendrix, der weniger als drei Wochen vorher gestorben war. Ihren grössten künstlerischen und kommerziellen Erfolg erlebte sie nicht: Mit dem posthum veröffentlichten Album «Pearl» – mit Abstand ihr bestes – setzte sie sich ein grossartiges Denkmal.

Zur Autor: Der Zürcher Journalist Hanspeter «Düsi» Kuenzler lebt seit bald 40 Jahren in London. Er ist Musik-, Kunst- und Fussball-Spezialist und schreibt für verschiedene Schweizer Publikationen wie die NZZ. Regelmässig ist er zudem Gast in der SRF3-Sendung «Sounds».


Regelmässig gibt es werktags um 11:30 Uhr und manchmal auch erst um 12 Uhr bei «blue News» die Kolumne am Mittag – es dreht sich um bekannte Persönlichkeiten, mitunter auch um unbekannte – und manchmal wird sich auch ein Sternchen finden.

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