Müssen wir bald zahlen, um alte Kleider loszuwerden?

Sulamith Ehrensperger

11.9.2020 - 10:18

Altkleidersammler erhalten immer mehr Kleider von schlechter Qualität, weil bei Billigmarken Stoffqualität und die Verarbeitung oft zu wünschen übrig lassen.
Bild: Keystone/Christian Beutler

Billigkleider und Abfall sind für die Altkleidersammler zunehmend ein Problem. Ein Phänomen, das vielleicht die kostenfreie Textilrücknahme gefährdet. «Bluewin» hat nachgefragt.

Moderne Textilien sind oft so minderwertig, dass sich das Einsammeln alter Kleidung nicht mehr lohnt. In ganz Deutschland werden daher die Alttextilcontainer abgebaut. Gemeinnützige und kommerzielle Sammler von Altkleidern geben auf.

Auch in der Schweiz sei die momentane Situation angespannt, weil die Menge an Alttextilien weltweit zugenommen hat, sagt Rahel Ziegler, Mediensprecherin von Texaid. Derzeit bestehe ein Überangebot an Alttextilien, was dazu führe, dass deren Preise deutlich unter Druck seien.

Seit der Gründung von Texaid vor 40 Jahren habe sich die Zahl der gesammelten Altkleidung mindestens verzehnfacht, sagt CEO Martin Böschen in einem Interview. Trotz angespannter Situation: In der Schweiz gibt es aktuell keine Pläne, Sammelstellen zu schliessen, heisst es bei Texaid. Im Gegensatz zu Deutschland verzeichne man aber auch einen weniger hohen Abfallanteil im Sammelgut – es seien etwa fünf Prozent.

Im letzten Jahr hat Texaid über 38‘000 Tonnen Altkleider gesammelt, was zirka 150 Millionen Kleidungsstücken entspricht.
Bild: Christian Beutler, Keystone

Am Montag sind die Container voll

Kleider und Schuhe sammeln ohne Alttextilcontainer ist bei Caritas Secondhand Zürich kein Thema: «Der Container ist extrem wichtig, weil man so auch ausserhalb der Ladenöffnungszeiten seine Kleider abgeben kann», sagt Mediensprecher Andreas Reinhart, «viele finden am Wochenende Zeit, den Kleiderschrank auszumisten, daher sind die Container am Montag immer voll.»

Auch das Team von Caritas Secondhand findet in den Kleidersäcken immer wieder Dinge, die nicht in die Sammlung gehören. Ein Müllproblem habe man aber nicht: «Wirklich grusigs Zeugs ist so selten, dass es nicht der Rede wert ist», so Reinhart. Manchmal stehe eine kaputte Lampe oder ein entsorgter Kinderwagen vor dem Ladenlokal. Im Verhältnis zur Ware, die weiterverkauft werden könne, würde man dies in Kauf nehmen. Auch wenn die Kleidersammler die nachträgliche kostenpflichtige Entsorgung der textilfremden Gegenstände selber berappen müssen.

Caritas Secondhand Laden in Zürich
Caritas Zürich betreibt sechs Secondhand-Läden im Kanton Zürich. Sie leben von Spenden einzelner Personen und Boutiquen. Etwa 150 Tonnen Kleider pro Jahr sortiert das Caritas-Team. 
Bild: zVg

Fast Fashion bringt Textilrecycling in Bedrängnis

Neben all dem, was nicht in den Alttextilcontainer gehört, gefährdet die zunehmende Fast Fashion, die Massenproduktion qualitativ minderwertiger Kleider, das für die Bevölkerung kostenlose Textilrecycling. Die Menschen kaufen also immer mehr Kleidung und werfen sie schneller wieder weg.

Die Schweizerinnen und Schweizer geben pro Kopf und Jahr rund sechs Kilogramm Textilien weg – darunter teilweise ungetragene Kleidung. «Die Auswirkungen von Fast Fashion sowie die Auswirkungen der Coronapandemie stellen ein wirtschaftlich tragfähiges Textilrecycling langfristig vor Herausforderungen», sagt Texaid-Sprecherin Ziegler. «Das bisher kostenfreie Rücknahmesystem von Alttextilien könnte dadurch gefährdet werden.»

Altkleider-Container: Das darf rein

  • gut erhaltene Sommer- und Winterkleider für Frauen und Männer 
  • Kinderkleider und Babysachen
  • saubere, noch tragbare Schuhe (paarweise gebündelt)
  • saubere Unterwäsche und Socken
  • Hüte, Gürtel und Taschen
  • Bettwäsche, Tischwäsche und Frotteewaren

Während des Lockdowns verzeichneten Texaid und Caritas im April und Mai einen markanten Mengenanstieg. Rund 15 Tonnen mehr Altkleider als sonst sind während dieser zwei Monate in den Textilsammelsäcken des Caritas-Secondhand-Ladens im Viadukt in Zürich gelandet. Verkauft werden ausschliesslich Kleider, die in einem der Secondhand-Läden via Kleidereinwurf oder persönlich abgegeben wurden. Der Verkaufserlös fliesst direkt in die sozialen Projekte für armutsbetroffene Familien im Kanton Zürich.

Die Fast-Fashion-Schwemme mache sich laut Reinhart aber nicht nur in der Coronakrise bemerkbar: «Es hat zugenommen, ist aber noch nicht so schlimm, dass das Geschäft darunter leidet», sagt Reinhart. Man wolle nicht jammern, schliesslich würden immer wieder sehr schöne Kleider und Schuhe gespendet. Man habe aber ein Auge darauf, wie sich die Situation entwickle.

Weitere Informationen zu den Sammelstellen und Containerstandorten finden Sie auf den Seiten von Caritas Schweiz und Texaid



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