Thomas Widmer: «Ich keuche am Berg wie ein sterbendes Grubenpferd»

Von Bruno Bötschi

30.5.2021

Thomas Widmer geht seit 15 Jahren jeden Samstag wandern. Davor geht er immer in den Coop, kauft die Nahrung des Tages. Danach gibt's irgendwo einen Kafi und einen Nussgipfel.
Bild: Schweizer Familie/Daniel Ammann

Welchen Gegenstand brauchen Sie am Wochenende am meisten? Was steht jeden Samstag auf Ihrem Einkaufszettel? Heute stellen wir unsere Fragen dem Schweizer Wanderpapst Thomas Widmer.

Von Bruno Bötschi

30.5.2021

Jeden Sonntag stellt «blue News» einem bekannten Menschen aus Kultur, Sport, Wirtschaft und Politik 22 Fragen, um zu erfahren, was sie oder er am Wochenende tut oder lässt – und was der schönste Moment in den vergangenen sieben Tagen war.

Heutiger Gast ist Thomas Widmer. Dank seiner Wanderkolumne in der «Schweizer Familie» gilt er als «Schweizer Wanderpapst».

Auf seinen Touren schnappt Widmer des Öfteren skurrile Begriffe auf, die er seit vergangenem Jahr regelmässig in seiner «Magazin»-Kolumne präsentiert und die dieser Tage nun unter dem Titel «Mein Wortschatz. Von Aare über Schneekompetenz bis zwägg» auch in Buchform erschienen sind.

1. Thomas Widmer, was bedeutet Wochenende für Sie – in einem Wort?

Endlich!!!!!!!

2. Was war der schönste Moment in den vergangenen Wochen?

Als die Anfrage kam, ob ich dieses Interview machen will.

3. Wenn Sie Macht hätten zu befehlen, was Ihnen heute richtig scheint, würden Sie es befehlen gegen den Widerspruch der Mehrheit?

Nein, ich glaube zu wenig an meine Meinungen. Höre ich ein Argument, leuchtet es mir ein, höre ich das Gegenargument, leuchtet es mir auch ein. Ich bin ein permeabler Charakter.

4. Was steht jeden Samstag auf Ihrem Einkaufszettel?

Am Samstag gehe ich nie einkaufen, aber immer wandern. Seit 15 Jahren.

5. Bei welcher Modedesignerin, bei welchem Modedesigner lassen Sie Ihr Geld?

Was ist das für eine Berufsgattung? Kenne ich nicht.

6. Mit wem würden Sie gern einmal zu Abend essen? Die Person darf auch bereits tot sein.

Leider ist sie wirklich tot, noch gar nicht so lang. John le Carré. Einen klügeren und menschenfreundlicheren Autor kenne ich nicht.

7. Wer ist der beste James-Bond-Darsteller? Und warum?

Ich habe keine Brusthaare, hätte aber gern welche. Sean Connery. Er ist mein Idol. Wegen der Brusthaare.

Von Aare über Schneekompetenz bis zwäg: In seinem neusten Buch schreibt Thomas Widmer über Wörter, die die Schweiz erklären.
Bild: Privat

8. Welche TV-Serie schauen Sie gerade?

‹University Challenge›, auf Youtube gibt es Dutzende alte Folgen. Nur die Briten bringen es fertig, ein derart elitäres Quiz zum Grosserfolg zu machen. Den Moderator Jeremy Paxman liebe ich.

9. Welches Konzert haben Sie zuletzt besucht?

Guns N’ Roses. Circa 1990, glaub's in Basel. Nach der Hälfte ging ich. War mir zu laut.

10. Bei welchem Song lassen Sie sofort alles stehen und liegen und stürmen die Tanzfläche?

‹Mmm Mmm Mmm Mmm› von den Crash Test Dummies.

11. Wie lange bleiben Sie am Sonntag im Bett, nachdem Sie aufgewacht sind?

Drei Sekunden.

12. Frühstück im Bett – ja oder nein?

Nie. Ausser im Hotel. Da mit Freuden und allem, was fettig ist und dick macht. French Toast gehört dazu.

13. Wann sind Sie zuletzt in ein Gotteshaus gegangen?

Grad eben mit meinem Göttibub David. Wir schauten uns das Zürcher Grossmünster an. Besonders gefielen uns im Kreuzgang die Reliefs mit den mittelalterlichen Monstern.

14. Welchen Gegenstand brauchen Sie am Wochenende am meisten?

Den Wanderrucksack.



15. Gibt es ein Ritual, das Sie jeden Sonntag pflegen?

Um acht Uhr morgens fahre ich vom Zollikerberg, wo ich wohne, nach Zürich-Stadelhofen. Dort gehe ich in den Coop und kaufe mir die Nahrung des Tages. Danach gibt's irgendwo einen Kafi und einen Nussgipfel.

16. Freiburger Fondue Moitié-Moitié oder Tessiner Risotto?

Ich vertrage seit Jahren kein Fondue mehr. Das kam ganz plötzlich. Mir wird nach wenigen Bissen hundeelend. Daher: Risotto! Am liebsten mag ich Safranrisotto. Ob der tessinerisch ist, weiss ich nicht.

17. Das beste Fortbewegungsmittel, das Sie je besessen haben?

Ich brachte es als Jugendlicher zu einem Töffli (Kreidler Flory). Es war frustig: Alle rundum hatten ihr Töffli frisiert. Ich nicht. Autofahren kann ich nicht, ich fand mit 18, dass ich meine Mitmenschen nicht umbringen will. Das beste Fortbewegungsmittel, in dem ich reiste, wobei es der amerikanischen Armee gehörte: Beim IKRK in Saudi-Arabien durfte ich mal in einem Chinook-Heli mitfliegen. Der war so gross wie ein Züritram.

18. Locarno oder Lugano?

Lugano, nach langem Abwägen. Wegen der Renaissancekirche Santa Maria degli Angeli mit der monumentalen ‹Passione e Crocefissione› aus dem Jahr 1529 vom Da-Vinci-Schüler Bernardino Luini. Das Bild ist riesig, 150 Menschen sind zu sehen, dazu viele Pferde. Kino gab es schon, bevor es Kino gab.

19. Wenn Sie das Wort Romandie hören: Woran denken Sie?

Das Wort ist ein Erotikum. Wie die französische Sprache. Und der Wein. Mir wird ganz anders, wenn jemand ‹Romandie› sagt.

20. Was tun Sie am Wochenende zu wenig?

Rumliegen.

21. Welches hartnäckige Gerücht über Sie ist schlichtweg nicht wahr?

Dass ich fit bin wie ein Turnschuh. Ich keuche am Berg wie ein sterbendes Grubenpferd.

22. Ihr Lieblingswitz?

Einer aus meiner Heimat, dem Appenzellerland. Der Jock sagt zu seiner Frau: Du, Babettli, gell, wenn eines von uns zwei einmal stirbt, dann zügle ich ins Herisauer Altersheim.

Thomas Widmer füllte den Fragebogen schriftlich aus.

Bibliografie: «Mein Wortschatz. Von Aare über Schneekompetenz bis zwäg», Thomas Widmer, Echtzeit Verlag, 264 Seiten, mit Illustrationen von Till Lauer, 29 Fr.


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