Verschwörungstheorien – was tun, wenn sich eine Freundin radikalisiert?

Bruno Bötschi

24.9.2020 - 06:41

Kann man mit Menschen befreundet sein, die an Verschwörungstheorien glauben und sich an Demos beteiligen, auf denen auch Rechtsextreme mitlaufen?
Kann man mit Menschen befreundet sein, die an Verschwörungstheorien glauben und sich an Demos beteiligen, auf denen auch Rechtsextreme mitlaufen?
Bild: Keystone

Muss eine Freundschaft Verschwörungstheorien und Lügen aushalten? Und was soll man tun, wenn eine langjährige Freundin zunehmend in die rechte Ecke abrutscht? Ein Selbsterfahrungsbericht.

Eine Freundin fragte mich vor drei Wochen per Whatsapp: «Was ist ein Nazi»? Die gleiche Frage hatte sie mir schon im Sommer im Jahr davor gestellt. Damals hatte ich die Frage beantwortet, heuer nicht mehr.

Die Freundin und ich sind in den letzten Jahren immer wieder aneinandergeraten, weil sie immer öfter wilde Theorien von sich gegeben hat. So behauptet sie steif und fest, «Chemtrails» von Flugzeugen würden Klima, Wetter und Menschen beeinflussen.

Sie ist überzeugt davon, dass es sich bei den Terroranschlägen vom 11. September um eine von den USA inszenierte Verschwörung handelt. Schrecklich war auch, als sie vor ein paar Jahren damit prahlte, ihr Freund besitze Nazi-Devotionalien.

In diesem Sommer wurden die Dinge, die sie mir per Whatsapp schrieb, noch eigenartiger. Zum Beispiel, dass es das Coronavirus gar nicht gebe. Oder dass Donald Trump eine Erlöserfigur sei. Mich liessen ihre Aussagen immer öfter ratlos zurück.

Thema wechseln oder Freundschaft beenden?

Die Freundin – politisch eigentlich eher links, intelligent und ansonsten ein einigermassen pragmatischer Mensch – vertritt je länger, desto mehr abstruse Verschwörungstheorien. Sie fühlt sich wegen der Coronamassnahmen gegängelt von der Politik und behauptet, es werde im Zuge der Pandemie ein totalitäres System in der Schweiz errichtet, das die Grundrechte beschneide.

Was sollte ich machen?

Bisher hatte ich immer wieder versucht, mit der Frau zu reden, ihr meine Sicht der Dinge darzulegen. Ich machte immer wieder darauf aufmerksam, dass sie sich möglicherweise in etwas verrannt habe. Ja, ich suchte das Gespräch, wollte nicht so tun, als wäre da nichts. Ich teilte ihr aber auch immer wieder klar und deutlich mit, dass ich absolut nicht einverstanden bin mit ihrem Weltbild.

Kondensstreifen Flugzeug
Die Freundin behauptet steif und fest, «Chemtrails» von Flugzeugen würden Klima, Wetter und selbst Menschen beeinflussen.
Bild: Keystone

Vor einigen Monaten fragte ich sogar bei einem Spezialisten nach, dem Psychoanalytiker und Satiriker Peter Schneider: Wie soll ich damit umgehen, dass ein Mensch, den ich eigentlich mag, sich eigene Realitäten bildet und auf wissenschaftlich fundierte Argumente mit «Das glaube ich nicht» antwortet?

Antwort Schneider: «Wenn es nicht allzu arg ist und nicht sofort zum zentralen Thema jedes Gesprächs wird, kann man einfach abwinken und das Thema wechseln. Intensive Diskussionen mit missionierenden Anhängern von irgendetwas sind deshalb so unergiebig, weil man gegen den Wust an Zahlen, Fakten, Behauptungen, Implikationen und so weiter einfach nicht ankommt. Das erfordert eine Anstrengung, die kein Mensch auf Dauer aushält.»



Das könne einem über den Kopf wachsen: «Zumal kein Mensch über die enzyklopädische Bildung verfügt, alle Behauptungen zu evaluieren und gegebenenfalls zu widerlegen. Ausserdem will man sich im Freundeskreis ja entspannt unterhalten oder meinetwegen auch angeregt und kontrovers diskutieren – aber nicht über irgendeinen Blödsinn, der einen auch gar nicht interessiert.»

In den vergangenen Wochen musste ich feststellen, dass der Blödsinn überhandnimmt: Wir – meine Freundin und ich – kamen nicht weiter, ihre Theorien wurden immer absonderlicher. 

Wie kann ich ihr die Angst vor Zwangsimpfungen nehmen?

Die Frau hat keine Probleme damit, dass auf den Demonstrationen in Zürich, Berlin und anderswo gegen die Coronapolitik Rechtsextreme mitlaufen und zunehmend QAnon-Anhänger auftauchen.

Ich aber sehr wohl. Menschen mit rassistischen Vorurteilen diskriminieren andere aufgrund ihrer Zugehörigkeit. Das geht nicht an. Unter keinen Umständen. Und deshalb: Ich würde niemals gemeinsame Sache mit solchen Menschen machen. Niemals!

Die QAnon-Verschwörungsbewegung wird in gewissen Kreisen immer populärer – so verbreiten Sänger Xavier Naidoo und Promi-Koch Attila Hildmann deren bizarren Theorien. In der Schweiz outete sich im August der bekannte Snowboarder Nicolas Müller als Anhänger.

Die deutsche Wochenzeitung «Zeit» fasste kürzlich die Faszination für die Bewegung so zusammen: «Unter dem Label QAnon findet man Impfgegner und Antisemiten, Zweifel an der Mondlandung und die Angst vor Reptilienmenschen, die angebliche Sichtung kurioser Flugobjekte und die Idee, sein Handy mit Alufolie ortungssicher zu machen. In dieser Diversität liegt der Reiz: Die Theorie lässt sich weiterspinnen, jedes aktuelle Ereignis einweben.»

Stop Coronalüge
Die Frau hat kein Problem damit, dass auf den Demonstrationen gegen die Coronapolitik Rechtsextreme mitlaufen und auch zunehmend QAnon-Anhänger auftauchen.
Bild: Getty Images

Beispiel gefällig? Die Explosion im Hafen von Beirut? Dort hat US-Präsident Donald Trump Tunnel sprengen lassen, weil dort Kinder gefoltert wurden. Aber wie will man den Leuten so was ausreden?

Wie kann ich einem Menschen die Angst vor Zwangsimpfungen nehmen? Und wie soll ich belegen, dass Bill Gates nicht die WHO gekauft hat?

Mit Nazis geht man nicht auf die Strasse

Was also tun, wenn eine langjährige Freundin an Verschwörungstheorien glaubt und diese ständig zum Thema macht?

Die Antwort auf diese Frage habe ich mir nicht leicht gemacht. Wie gesagt, ich habe mit der Frau immer wieder das Gespräch gesucht. Ich weiss, belehren zu wollen, den anderen für irre zu erklären oder von oben herab zu behandeln, bringt nichts.

Aber mit Nazis geht man nicht auf die Strasse. Haltung zeigen bedeutet auch, Intoleranz und menschenverachtende Meinungen nicht zu tolerieren. Meine Freundin tut genau das, wenn sie findet, es sei kein Problem, dass an den Corona-Demos auch Rechtsextreme mitlaufen.

«Freundschaften brauchen eine gewisse Alltagskompatibilität», sagt Peter Schneider. Ich musste mir in den letzten Wochen eingestehen, dass die nicht mehr gegeben ist zwischen mir und meiner Freundin. Ich hatte keine Lust mehr auf ihre Sticheleien. Unsere Freundschaft ist zerbrochen an ihrem Verschwörungsglauben. Und wenn ich ihr erst erklären muss, was ein Nazi ist, und sie dann auch noch antwortet, dass sie dann auch ein Nazi sei, ist der Fall für mich klar.

Nach monatelangem, nein, jahrelangem Hin und Her habe ich mich deshalb vor drei Wochen entschieden, die Freundschaft mit der Frau zu beenden.


«Verschwörungstheorien – was tun, wenn sich eine Freundin radikalisiert?» – diese Frage hat sich «blue News»-Redaktor Bruno Bötschi gestellt. Unser Kolumnist Michael Angele findet, der Autor mache sich die Sache zu einfach. Seine Entgegnung finden Sie unter folgendem Link.

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