Einstiger Vertrauter rechnet mit Donald Trump ab 

Tobias Bühlmann, mit Material von dpa und afp

18.6.2020 - 12:01

Gehört Finnland nicht zu Russland? Grossbritannien ist eine Atommacht? Ein neues Buch lässt Donald Trump wie die personifizierte Inkompetenz erscheinen – geschrieben hat es ein einstiger Vertrauter.

Donald Trump soll aussenpolitisch komplett ahnungslos sein, zudem Chinas Präsident um Wahlhilfe gebeten und Ermittlungen unterbunden haben, die Diktatoren in ein schlechtes Licht gerückt hätten. Das sind nur einige der Vorwürfe, die in «The Room Where it Happened» stehen.

Bücher, in denen Donald Trump kritisiert wird, gibt es einige. Doch neu ist, dass einer aus dem innersten Machtzirkel aus erster Hand berichtet und dabei mit eigenem Namen hinsteht: Trumps früherer Sicherheitsberater John Bolton rechnet in seinem Buch offenbar hart mit dem US-Präsidenten ab, wie US-Medien berichten.

Donald Trump und sein Team versuchen denn auch, das Erscheinen von John Boltons Buch zu verhindern. Sie werfen Bolton vor, er verrate darin geheime Informationen. Die Regierung hat darum am Dienstag Klage eingereicht gegen die Veröffentlichung. Das Problem: Zu jenem Zeitpunkt hielten bereits etliche Journalisten Rezensionsexemplare des Buchs in den Händen. Zwar hat ihnen der Verlag eine Sperrfrist auferlegt bis diesen Freitag, doch der Geist war da schon aus der Flasche.

Trump missbraucht sein Amt…

Am Mittwoch sind dann die Dämme gebrochen, und etliche Medien haben erste Einzelheiten aus dem Buch verbreitet, das als konservativ geltende «Wall Street Journal» hat gar ein Kapitel daraus vorabgedruckt. Die Informationen, die nun bekannt werden, machen klar, warum Trump verhindern möchte, dass das Buch in die Läden kommt.

John Bolton war für anderthalb Jahre Sicherheitsberater von Donald Trump. Nun erhebt er schwere Vorwürfe gegen den US-Präsidenten.
Bild: Getty

Bolton wirft Trump vor, die eigenen Interessen über jene des Landes zu stellen und sein Amt zu missbrauchen. Der einstige Sicherheitsberater schreibt gemäss der «New York Times», dass ein Amtsenthebungsverfahren gegen Trump nicht nur wegen der Vorwürfe in der Ukraine-Affäre, sondern auch wegen anderer Fälle gerechtfertigt gewesen wäre. Trump habe mehrfach strafrechtliche Ermittlungen zugunsten von «Diktatoren» unterbunden, etwa in Bezug auf China und die Türkei.

Bei mehreren Treffen mit Chinas Staatschef Xi Jinping habe Donald Trump unverhohlen um Wahlhilfe gebeten. So habe der US-Präsident vor einem Jahr am Rande des G20-Gipfels im japanischen Osaka an Xi appelliert, mehr Landwirtschaftsprodukte aus den USA zu importieren, damit wiederum er sich die wichtigen Stimmen der Landwirte sichern könne.

Trump hatte einen Handelsstreit mit China losgetreten und von Peking unter anderem verlangt, mehr Agrargüter aus den USA zu importieren. Im vergangenen Januar unterzeichneten beide Länder ein Abkommen. Darin sicherte China den USA zu, über zwei Jahre hinweg zusätzlich US-Güter im Wert von 200 Milliarden Dollar zu kaufen.

… und hat keine Ahnung

Bei den Bemühungen um ein besseres Verhältnis zu Nordkorea sei immer klar gewesen, dass Trumps persönliche Diplomatie mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un nie zu einem befriedigenden Ergebnis führen würde. Während eines Treffens mit dem Nordkoreaner 2018 habe Aussenminister Mike Pompeo Bolton einen Zettel zugesteckt, in dem jener über Trump geschrieben habe: «Der redet so viel Scheisse.»

Bolton beschreibt auch, wie Chinas Xi Trump bei einem G-20-Gipfel gut vorbereitet und ausführlich schmeichelte, was dem US-Präsidenten spontane Zugeständnisse abtrotzte. Trumps Berater hätten sich im Nachhinein bemüht, die Situation wieder geradezurücken. Bei einem weiteren Treffen habe Trump Xi sogar gesagt, dieser sei «die tollste Führungsperson der chinesischen Geschichte».

Die Lage der Menschenrechte in China – etwa die Demokratiebewegung in Hongkong oder die unterdrückte muslimische Minderheit der Uiguren – hätten Trump demnach nicht interessiert. Trump soll Xi sogar zur weiteren Unterdrückung und Internierung der muslimischen Minderheit in Umerziehungslagern ermuntert haben.

Bolton hat anderthalb Jahre eng mit Trump zusammengearbeitet. Auf Basis seiner Erfahrungen wirft er dem US-Präsidenten vor, dass dessen Aussenpolitik häufig auf Bauchgefühl und Unwissenheit gründe. So habe Trump beispielsweise nicht gewusst, dass Grossbritannien eine Atommacht sei und einmal gefragt, ob Finnland zu Russland gehöre, zitiert die «New York Times» aus Boltons Buch. Zudem soll Trump einen Nato-Austritt ernsthaft erwogen und eine Invasion Venezuelas als «cool» bezeichnet haben.

Entlassen oder gekündigt?

Trump hatte Bolton im September letzten Jahres wegen Meinungsverschiedenheiten zu Iran, Nordkorea und anderen Themen geschasst. Bolton sagte, er habe gekündigt, der Präsident hingegen will ihn rausgeschmissen haben. Das knapp 600 Seiten langes Werk «The Room Where It Happened» sollte ursprünglich im März erscheinen, die Veröffentlichung wurde aber vom Weissen Haus gestoppt.

In der Zwischenzeit hätten US-Geheimdienste das Manuskript auf Geheiminformationen geprüft, berichten mehrere Medien. Der Verlag, der das Buch nun herausbringt, kritisierte die Klage denn auch scharf und sprach von Bemühungen, unliebsame Informationen zu unterdrücken.

Die Einzelheiten, die in Boltons Buch stehen, dürften von den US-Medien genüsslich ausgebreitet werden – schliesslich stehen in den USA in viereinhalb Monaten Präsidentschaftswahlen an.

Auch Bolton gerät in die Kritik

Doch auch Bolton selbst gerät nun in die Kritik: Noch vor wenigen Monaten hat Trumps einstiger Sicherheitsberater geweigert, im Amtsenthebungsverfahren gegen den US-Präsidenten auszusagen. Kritiker werden ihm darum nun vor, scheinheilig zu handeln und mit seinem Buch Profit schlagen zu wollen – Bolton soll für das Buch zwei Millionen Dollar erhalten haben.

In dem Buch verteidigt Bolton aber auch diese Entscheidung: Die Demokraten hätten ihre Untersuchung aus politischen Gründen nur auf die Ukraine begrenzt, um das Verfahren schnell abzuschliessen, schreibt er. Wäre die Untersuchung breiter angelegt gewesen, hätte er ausgesagt. Dann wäre das Verfahren vielleicht anders ausgegangen, mutmasst Bolton.

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