Boris Johnson, der unbeirrbare Auf-Macher

Von Benedikt von Imhoff, dpa

17.7.2021

Trotz steigender Fallzahlen will der britische Premier das Ende der Corona-Beschränkungen in England durchziehen. Der kompromisslose Haudrauf-Stil passt bestens zu ihm. 

Von Benedikt von Imhoff, dpa

17.7.2021

Boris Johnson liebt den grossen Knall. Daher kommt es wenig überraschend, dass der britische Premierminister nun auch in der Corona-Pandemie zu einem «big bang» ausholt: Mit einem Schlag schafft er zum 19. Juli fast alle verbliebenen Corona-Regeln ab.

Tschüss, Maskenpflicht! Good bye, Abstandsregeln! Und hello, volle Pubs und Nachtclubs!

Zwar bat der Regierungschef die Bevölkerung am Montag mit Nachdruck darum, doch weiterhin Masken zu tragen und digitale Impfnachweise als Einlassgrundlage für Discos und Co. zu nutzen. Staatlich vorgeschrieben ist das aber nicht, die Verantwortung schiebt der Premier auf jeden Einzelnen ab.

«Tag der Freiheit»

«Freedom Day» – Tag der Freiheit – hat die Johnson-nahe konservative Presse diesen Moment getauft. Zu Vorkämpfern für Freiheitsrechte und gegen staatliche Eingriffe stilisieren sich Johnsons Partei, die Tories, und ihr Parteiführer mit Vorliebe.

Mit den letzten Lockerungen wird England – Johnson kann nur die Gesundheitspolitik im grössten britischen Landesteil bestimmen – zur uneingeschränktesten Gesellschaft in Europa, zum Sonderfall. Es ist eine Rolle, in der sich viele Engländer und ihr oft als sonderbar beschriebener Premier nur zu wohlfühlen.

Der frühere Bürgermeister von London und Ex-Aussenminister ist ein Meister darin, die öffentliche Meinung in seine Bahnen zu lenken. Wirkt es, als sitze Johnson in der Klemme oder werden Vorwürfe gegen ihn laut, kommt plötzlich ein neues Thema daher. So mancher Kritiker fühlt sich dann an den Politikstil von Ex-US-Präsident Donald Trump oder Kremlchef Wladimir Putin erinnert.

Der Premier antwortet in brenzligen Lagen oft, das Land müsse nach vorne schauen. Die Menschen wollten doch wissen, wie es weitergehe und wie man gemeinsam den Karren aus dem Dreck ziehen könne. Den Blick in den Rückspiegel scheut der 57-Jährige zumeist – aus gutem Grund.

Denn Johnson und seine Regierung fahren nicht erst seit der Pandemie einen Zickzack-Kurs, der zahlreiche Fragen offen gelassen hat. Ob Corona-Lockdown oder Herdenimmunität, immer wieder traf Johnson erst nach Wochen, in denen er die öffentliche Debatte laufen liess, eine Entscheidung. Oft zu spät, meinen Experten.

«Leichen zu Tausenden türmen»

Er nehme lieber in Kauf, dass sich «die Leichen zu Tausenden türmen», als einen zweiten Lockdown einzuführen, soll der Premier im Herbst 2020 getönt haben, als die Ansteckungszahlen erneut explodierten – um kurz darauf doch wieder Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen zu erlassen.

Der Leichen-Aussage hat der Premier zwar widersprochen, doch in Regierungskreisen heisst es, der Spruch stehe exemplarisch für Johnsons impulsiven Charakter.

Dazu kommen Unwahrheiten und Vetternwirtschaft, die nach Ansicht von Anti-Korruptionsaktivisten seit Jahren Johnsons Weg pflastern und in der Pandemie noch stärker in den Blick rücken. Die riesige Summe von 37 Milliarden Pfund (47 Milliarden Franken) gab die Regierung für ein Test- und Nachverfolgungssystem aus – wofür das Geld verwendet wurde, weiss die Öffentlichkeit bis heute nicht genau.

Eine Initiative, die sich für den verantwortungsvollen Einsatz öffentlicher Gelder starkmacht, deckte eine «VIP-Spur» auf: Kumpeln und Grossspendern der Konservativen sollen Projekte zugeschanzt worden sein, selbst wenn ihnen Expertise fehlte. Einer der Profiteure war der Besitzer des Pubs, in dem Ex-Gesundheitsminister Matt Hancock gerne sein Bier trinkt.

Kritiker sehen viele Belege dafür, dass der Premier kein allzu enges Verhältnis zur Wahrheit pflegt oder gar ein pathologischer Lügner ist. Beachtenswert ist dabei, dass er so gut wie immer mit einem blauen Auge davon kommt.

Die Engländer verzeihen Boris vieles

Ob es darum geht, dass ein Spender seiner Partei zunächst die hohen Kosten für die Renovierung seiner Amtswohnung übernahm oder darum, dass ihn ein anderer Gönner zum Luxusurlaub mit seiner dritten Ehefrau Carrie in die Karibik einlud – alle Vorwürfe prallen an Johnson ab, ebenso wie Kritik an sexistischen, xenophoben und teils menschenverachtenden Ausfällen.

Vielmehr bleibt «Boris», wie er landauf und landab wie ein Kumpel genannt wird, beliebt. Er spricht die Sprache des einfachen Arbeiters, obwohl er abgeschottet vom grossen Teil der Gesellschaft in teuren Privatschulen ausgebildet wurde. In Umfragen liegen seine Konservativen deutlich vor der Labour-Partei – trotz aller Fehler in der Pandemie, trotz mutmasslicher Lügen.

Derzeit wirkt es, als gebe es nur einen Menschen, der dem Premier das Amt streitig machen könnte. Doch der hat kein Interesse: Fussball-Nationaltrainer Gareth Southgate.