So knallhart ist das Bandenregime in Haiti

Von Dánica Coto und Alberto Arce, AP

23.10.2021 - 23:55

Soldaten stehen Wache in der Nähe der Residenz von Interimspräsident Claude Joseph in Port-au-Prince, Haiti, vier Tage nach der Ermordung des haitianischen Präsidenten Jovenel Moise.
Im Kampf gegen Bandenkriminalität sind Polizisten in Haiti vor grosse Probleme gestellt. 
Bild: Matias Delacroix/AP/dpa

Im verarmten Haiti gewinnen Strassengangs zunehmend die Oberhand, die Zahl der Entführungen steigt. Experten sehen die Schuld dafür auch bei Politik und Wirtschaft.

Von Dánica Coto und Alberto Arce, AP

23.10.2021 - 23:55

Das Video zeigt mehr als 30 Männer mit gebeugten Köpfen, die stumm aufgereiht vor einem heruntergekommenen Haus stehen. Jemand ruft: «Es wird Ärger geben in Port-au-Prince!» Daneben lehnen Sturmgewehre an einer Mauer, mehr als 20 Pistolen liegen über den Boden verstreut, und in zwei großen Eimern türmt sich Munition. Bei den Männern handelt es sich um offenbar um neue Rekruten für eine der berüchtigtsten Straßengangs in Haiti.

Die Aufzeichnung zeigt ihre Aufnahme in die kriminelle Unterwelt, die das ärmste Land in der westlichen Hemisphäre zunehmend beherrscht. Das Video ist überschrieben mit dem Namen der Gang 400 Mawazo, die die Polizei für zahlreiche Tötungen und Entführungen verantwortlich macht, darunter für das kürzliche Kidnapping von 17 christlichen Missionaren aus den USA und aus Kanada.



Die Banden bringen immer mehr Gebiete unter ihre Kontrolle und verüben so viele Verbrechen wie nie zuvor. Ihre zunehmende Macht über die Gesellschaft bedroht das soziale Gefüge und die schwache Wirtschaft des Landes. «Die Situation ist außer Kontrolle», sagt der Politikwissenschaftler James Boyard von der Haiti State University. Wie andere Experten wirft er einigen Politikern und Unternehmern vor, die Gangs zu finanzieren. «Sie haben sie zu mächtig werden lassen», erklärt er. «Jetzt werden sie terrorisiert. Sie wussten nicht, dass die Dinge so ausarten würden.»

Erdbeben und Präsidentenmord erschüttern das Land

Die Hauptstadt Port-au-Prince mit ihren mehr als 2,8 Millionen Einwohnern haben rivalisierende Banden heute bereits zu etwa 40 Prozent in der Hand. Täglich liefern sie sich hier Revierkämpfe – eine Straße, die gestern der einen Gang gehörte, könnte schon morgen an eine gegnerische fallen. Zwei Führer, die kürzlich noch aufeinander geschossen haben, können kurzzeitig eine Allianz gegen einen dritten schmieden, bevor sie wieder zu Feinden werden.

Etwa 30 Banden sind nach Ansicht von Experten fest im Großraum Port-au-Prince etabliert. Als größte und einflussreichste gilt der Verbund «G9 Familie und Verbündete» aus neun Gangs, der von dem ehemaligen Polizisten Jimmy Cherizier geleitet wird.

ARCHIV – Jovenel Moise, Präsident von Haiti, spricht während eines Interviews in seinem Büro. Moise ist in der Nacht in seiner Residenz überfallen und tödlich verletzt worden. Foto: Dieu Nalio Chery/AP/dpa
Jovenel Moise, Präsident von Haiti, wurde im Juli in seiner Residenz überfallen und tödlich verletzt.
Bild: Dieu Nalio Chery/AP/dpa

Das Kommen und Gehen der Verbrecherbanden hängt ab vom Zustand der haitianischen Wirtschaft, der politischen Situation und der Präsenz von UN-Friedenssoldaten. Derzeit ist die Lage in dem Karibikstaat noch stark geprägt von der Ermordung von Präsident Jovenel Moïse am 7. Juli und einem Erdbeben der Stärke 7.2 im August, bei dem mehr als 2200 Menschen ums Leben kamen.

Banden übernehmen zunehmend die Macht

Beide Ereignisse bremsten die Gangs zum Teil vorübergehend aus, die Zahl der Entführungen nahm aber in den vergangenen Wochen wieder zu. Der haitianischen Nationalpolizei wurden laut UN in den ersten acht Monaten des Jahres mindestens 328 Fälle gemeldet, im Vergleich zu einer Gesamtzahl von 234 im Gesamtjahr 2020.

Am deutlichsten sichtbar ist die wachsende Macht der Banden im Viertel Martissant, das Port-au-Prince mit dem südlichen Teil des Landes verbindet. Mindestens drei gegnerische Gruppen sind hier aktiv. Viele Haitianer nehmen stundenlange Umwege in Kauf, um die Gegend zu meiden, wie die Lokalzeitung «The Nouvelliste» berichtete. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen schloss wegen der Gewalt im August ihre Klinik in Martissant.

Die verlassene Polizeistation des Viertels ist mit Einschusslöchern übersät, und hinter ausgebrannten Autos halten vermummte Männer mit nacktem Oberkörper Wache, damit sich niemand nähert. Landesweit sind etwa 9000 Polizisten auf der Straße und damit weniger als Gangmitglieder. Manche ranghohen Polizisten haben laut Boyard selbst Verbindungen zu den Banden.

Auch Zivilisten im Visier der Banden

Bis vor wenigen Jahren hatten sich die Banden vor allem untereinander bekämpft, nur selten geriet die Zivilbevölkerung ins Kreuzfeuer. Doch dann wurden im November 2018 mehr als 70 Menschen in La Saline getötet, einem Elendsviertel an der Küste in Port-au-Prince, das von der G9-Föderation kontrolliert wird. Deren Führer war in das Massaker verwickelt. Seitdem machen die Gangs nach Angaben von Experten keine Unterschiede mehr zwischen Rivalen und Zivilisten.

Bisher schien Haiti die Corona-Krise realtiv gut zu überstehen.
Haiti zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. (Archivbild)
Bild: Joseph Odelyn/AP/dpa

Fachleute führen einen Großteil der Gangtätigkeit auf die extreme Armut im Land zurück. 60 Prozent der Bevölkerung verdienen weniger als zwei Dollar (1,70 Euro) am Tag, Millionen Menschen hungern. Der Eintritt in eine Gang sei für viele «ein Ausweg, vielleicht der einzige Ausweg aus dieser Situation», sagt Politologe Boyard.

Eine Besserung ist nicht in Sicht: Vielmehr wird vor den im kommenden Jahr geplanten Präsidentschafts- und Parlamentswahlen mit einer weiteren Zunahme der Gewalt gerechnet. Das Unwesen der Banden sei Gift für die Wirtschaft, sagt der haitianische Ökonom Enomy Germain. «Wir können nicht über wirtschaftliche Erholung sprechen, wenn wir keine Sicherheit haben, wenn jeden Tag Menschen entführt und Lastwagen von Gangs gekapert werden, wenn Unternehmen ihre Aktivitäten nicht frei verrichten können.»

Von Dánica Coto und Alberto Arce, AP