Idlib Mehr als 500'000 Menschen durch Kämpfe in Syrien vertrieben

4.2.2020

Menschen fliehen aus der Provinz Idlib. Laut UN sind seit dem 1. Dezember über eine halbe Million Menschen aus ihren Häusern vertrieben worden.
Menschen fliehen aus der Provinz Idlib. Laut UN sind seit dem 1. Dezember über eine halbe Million Menschen aus ihren Häusern vertrieben worden.
Source: Ghaith Alsayed/AP/dpa

Immer dramatischer wird die Lage in der syrischen Provinz Idlib. Mehr als eine halbe Millionen Menschen wurden vertrieben. Der türkische Präsident Erdogan warnt die syrische Regierung vor Folgen.

Istanbul/Damaskus/Moskau (dpa) – Durch eine Militäroffensive im Nordwesten Syriens sind nach UN-Angaben mehr als eine halbe Million Menschen in den vergangenen Wochen in die Flucht getrieben worden.

Hintergrund ist ein Vormarsch der Streitkräfte des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad in der von Rebellen gehaltenen Provinz Idlib. «Seit dem 1. Dezember sind rund 520'000 Menschen aus ihren Häusern vertrieben worden», teilte der Sprecher des UN-Nothilfebüros Ocha, David Swanson, mit. 80 Prozent der Geflüchteten seien Frauen und Kinder.

Idlib ist nach fast neun Jahren Bürgerkrieg in Syrien das letzte grosse Rebellengebiet. Russland und der Iran als Unterstützer der syrischen Regierung sowie die Türkei als Unterstützer der Rebellen hatten Idlib 2017 zu einer sogenannten Deeskalationszone erklärt. Kontrolliert wird das Gebiet von der Miliz Haiat Tahrir al-Scham (HTS), die dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahe steht. In der Region leben nach Schätzungen rund drei Millionen Menschen.

Zuletzt hatten die syrische Armee und Russland ihre Angriffe auf die Region verstärkt und grössere Geländegewinne für sich verbucht. Sie setzten auch am Dienstag ihre Offensive in Richtung der Provinzhauptstadt Idlib weiter fort. Es habe schwere Luftangriffe und Artilleriebeschuss in den Vororten von Idlib und rund um den wenige Kilometer entfernten Ort Sarakib gegeben, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit.

Am Montag waren die Spannungen zwischen türkischem und syrischem Militär in der Provinz Idlib zeitweise eskaliert. Nach offiziellen Angaben wurden sieben türkische Soldaten und ein ziviler Mitarbeiter des Militärs durch syrischen Beschuss getötet. Die Türkei startete darauf einen Vergeltungsangriff bei dem mehrere syrische Soldaten ums Leben kamen.

Erdogan sagte vor Journalisten auf einem Rückflug von der Ukraine am Dienstag, der Angriff auf die türkischen Soldaten sei ein Verstoss gegen mit Russland getroffene Vereinbarungen für die Region. Das werde «Folgen» für die syrische Regierung haben, sagte er. An die Adresse Russlands, dem Verbündeten der Regierung in Damaskus, richtete er dagegen beschwichtigende Worte und sagte: «Zum jetzigen Zeitpunkt ist es nicht notwendig, in einen Kampf oder ernsthaften Zwiespalt mit Russland zu treten.»

Der türkische Aussenminister Mevlüt Cavusoglu forderte Russland auf, auf Damaskus einzuwirken, sagte aber auch, dass die beiden Länder über Idlib im Gespräch blieben: «Wir wollen so bald wie möglich zusammen mit einer bleibende Waffenruhe und einer Verfassungskommission Schwung in den politischen Prozess bringen.»

Der prominente russische Aussenpolitiker Wladimir Dschabarow sagte, dass es viele gemeinsame Interessen zwischen Russland und der Türkei gebe. Er warf Ankara aber auch vor, nicht entschieden genug gegen «Terroristen» in Idlib vorzugehen. Mit Terroristen bezeichnet die syrische Regierung pauschal alle Rebellen und Kräfte, die Widerstand leisten. «Syrien greift an, weil die Türkei nicht handelt. Die Türkei sollte eigentlich mit diesen Terroristen selbst aufräumen, sie hat die Verantwortung für Idlib auf sich genommen», sagte der Senator des russischen Föderationsrates der Agentur Interfax.


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