Peking 2022

Die Stimmung gefriert bereits ein Jahr vor den Winterspielen

Von Sven Hauberg

4.2.2021

In der nordchinesischen Stadt Harbin wirbt eine Eisskulptur für die Olympischen Winterspiele, die im kommenden Jahr in Peking stattfinden sollen.
In der nordchinesischen Stadt Harbin wirbt eine Eisskulptur für die Olympischen Winterspiele, die im kommenden Jahr in Peking stattfinden sollen.
Bild: Keystone

In einem Jahr sollen in Peking die Olympischen Winterspiele beginnen. Schon jetzt wird Kritik an dem Grossereignis laut.

Man kann sich das momentan eigentlich kaum vorstellen: Hunderttausende Menschen, die eng an eng nebeneinander stehen, die jubeln, schreien, Fangesänge anstimmen. Olympische Spiele in Zeiten einer weltweiten Pandemie? Undenkbar. In Tokio aber sieht man die Dinge ein klein wenig anders. «Wir gehen solide voran», sagte vor wenigen Tagen Yoshiro Mori, Chef des japanischen Organisationskomitees für die Olympischen Sommerspiele.

Nachdem das sportliche Grossereignis im vergangenen Jahr abgesagt werden musste, soll es Ende Juli nun endlich losgehen: Tokio bereitet sich – erneut – auf Olympia vor. Eine Verschiebung um mehrere Jahre – im Gespräch ist das Jahr 2032 – oder eine Verlegung der Spiele in eine andere Stadt kommt für Japan nicht infrage. Auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) hält daran fest, ab 23. Juli die 32. Sommerspiele auszutragen. Olympia trotz Corona, das sei «ganz sicher nicht unverantwortlich», behauptet IOC-Präsident Thomas Bach.



Weltweit wird man in diesem Sommer ganz genau hinsehen, wie sie das machen in Tokio. Wie etwa Hygienemassnahmen eingehalten werden können, wenn sich Menschenmassen in Sportstadien drängen; wie sich die Corona-Zahlen entwickeln angesichts Tausender Besucher; und ob ausländische Gäste zu Besuch kommen oder doch lieber auf die Reise nach Fernost verzichten.

«Wir verfolgen sehr genau, was in Japan passiert»

Auch rund 2000 Kilometer nordwestlich von Tokio blickt man mit gespannter Neugier auf Japan. Denn hier, in der chinesischen Hauptstadt Peking, sollen 2022 die Olympischen Winterspiele stattfinden. In genau einem Jahr, am 4. Februar, soll es losgehen. «Wir verfolgen sehr genau, was in Japan passiert», sagte László Vajda vom Organisationskomitee kürzlich dem Portal «Inside The Games».

Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping gibt sich derweil zuversichtlich, dass das Land erfolgreiche Olympische und Paralympische Winterspiele abhalten wird. Staatsmedien zeigten Xi Ende Januar bei der Besichtigung von Sportstätten in der Hauptstadt. Einige Tage später verkündete das IOC, man arbeite gemeinsam an Konzepten für sichere Spiele. «Präsident Xi informierte Präsident Bach über die verstärkten Gesundheitsmassnahmen, die die chinesischen Behörden derzeit auch im Hinblick auf die Organisation von Sportveranstaltungen ergreifen», tönte das IOC. Die chinesische Propagandamaschinerie hätte es kaum schöner formulieren können.

Präsident Xi Jinping besuchte im Januar eine Sportstätte in Peking.
Präsident Xi Jinping besuchte im Januar eine Sportstätte in Peking.
Bild: Keystone

Glaubt man den staatlich kontrollierten Medien Chinas, dann ist das Land optimal vorbereitet für das Grossereignis, das nicht nur in der Hauptstadt Peking, sondern auch in den Städten Yanqing und Zhangjiakou ausgetragen werden soll. China, so der Tenor, habe die Pandemie als einziges Land der Welt in den Griff bekommen. Doch ausgerechnet in der Provinz Hebei, in der viele der Wettbewerbsstätten liegen, gab es zuletzt wieder Virusausbrüche.

Brutale Menschenrechtsverletzungen

Gleichzeitig macht das Land Stimmung gegen die Versuche des Westens, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Seit Wochen schon setzen die Staatsmedien Gerüchte in Umlauf, nach denen die Impfstoffe von Pfizer, Biontech und Co. Teufelszeug seien. Das Land wolle so von eigenen Versäumnissen ablenken, glaubt der China-Experte Nils Grünberg. Zumal die im eigenen Land entwickelten Vakzine eine deutlich geringere Wirksamkeit aufweisen als die westliche Konkurrenz.



Aber nicht nur das Virus macht vielen Beobachtern Sorge. Denn China steht derzeit aufgrund der prekären Menschenrechtslage so stark in der Kritik wie lange nicht mehr. Seit der Verabschiedung des sogenannten Sicherheitsgesetzes für Hongkong unterdrückt die Kommunistische Partei die Demokratiebewegung in der einstigen britischen Kolonie mit aller Härte. Dutzende Aktivisten wurden festgenommen und zu teils langen Haftstrafen verurteilt. Vom Grundsatz «Ein Land, zwei Systeme» ist nicht mehr viel übrig – die Demokratie in Hongkong scheint verloren.

Besorgniserregend ist die Lage auch in der Provinz Xinjiang, im Nordwesten Chinas. Hunderttausende Menschen werden hier in Umerziehungslagern festgehalten. Während die chinesische Regierung von Programmen gegen Terrorismus und Armut spricht, haben westliche Experten in dem System einen kulturellen Genozid ausgemacht. Peking, so der Vorwurf, wolle die muslimische Minderheit der Uiguren, die in Xinjiang heimisch sind, vernichten.

«Eine Unabhängigkeit Taiwans bedeutet Krieg»

Und dann ist da noch die ganz grosse Weltpolitik. Im Himalaya stehen sich Indien und China gegenüber, es geht um einen Jahrzehnte alten Grenzkonflikt. Erst Ende Januar kam es zu einer Prügelei mit Steinen und Knüppeln zwischen Soldaten beider Länder.



An einem anderen Brennpunkt ist die Lage deutlich angespannter: Im Umgang mit dem demokratischen Taiwan, das von China als abtrünnige Provinz betrachtet wird, verschärfte Peking zuletzt den Ton. «Eine Unabhängigkeit Taiwans bedeutet Krieg», sagte ein Sprecher des chinesischen Verteidigungsministeriums vor wenigen Tagen.

Peking 2022: Das wäre das zweite Mal, dass China Olympische Spiele ausrichtet – bereits 2008 fanden in Peking die Sommerspiele statt. Auch damals wurde viel Kritik laut, zumal einige Monate vor der Eröffnung in Tibet Unruhen gegen die chinesische Besatzung blutig niedergeschlagen wurden. Weltweit kam es zu Demonstrationen gegen das Vorgehen Pekings, der Olympische Fackellauf wurde vor allem in Europa und den USA mehrfach gestört. Aus chinesischer Sicht waren die Spiele dennoch ein Erfolg – ein Erfolg, wie man ihn sich auch für 2022 wünscht.

Wie hier in Lausanne kam es 2008 auch in der Schweiz zu Demonstrationen gegen das chinesische Vorgehen in Tibet.
Wie hier in Lausanne kam es 2008 auch in der Schweiz zu Demonstrationen gegen das chinesische Vorgehen in Tibet.
Bild: Keystone
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